Rikscha-Report Singapur träumt von Olympia

Demokratisch ist Singapur nicht - aber effizient. In wenigen Jahren hat die Stadt das miefige Image einer Kaugummi-Verbotszone abgeschüttelt. Sie wurde zur Fun-Metropole umgemodelt. Bald sollen die 4,5 Millionen Bewohner auch noch Goldmedaillen gewinnen.

Von Jürgen Kremb, Singapur


Singapur - Paul Henry schwärmt und schwärmt. "Stellen sie sich vor, erst öffnet sich das Dach von magischer Hand und dann verschwindet die ganze Stadionfront im Meer". Und er fährt fort: "Über dem Wasser blinkt die Skyline von Singapur." Der Mann hat Fantasie, und er ist nicht zu stoppen. "Und stellen sie sich vor, im Stadion spielen die besten Fußballmannschaften der Welt oder denken sie an Olympia", sagt Henry.

Küstenstadt Singapur: Ein neues Stadion soll am Meer für die Träume vom Sport-"Hub" entstehen
AFP / EDB

Küstenstadt Singapur: Ein neues Stadion soll am Meer für die Träume vom Sport-"Hub" entstehen

Nein, es war kein Rhetorikseminar für ehrgeizige Jungmanager, was da gestern in den grauen Katakomben von Singapurs kürzlich eingemottetem Nationalstadion ablief. Im Gegenteil, es ging darum, einen weiteren Meilenstein, und zwar einen ziemlich großen, in der Geschichte des allzu häufig unterschätzten Stadtstaates Singapur zu setzen.

Bis 2011, so haben es die Stadtoberen vorgegeben, will Singapur ein, wenn nicht gar "das" Sportzentrum Asiens werden. Kernstück soll dabei ein futuristisch anmutender Stadionkomplex werden. Drei Bewerber stellten ihre Konzepte dafür vor, darunter auch das deutsch-österreichische Alpine-Konsortium, das in München die Allianz-Arena gebaut hat.

Aber schon jetzt werden dem Vorschlag des australischen Stararchitekten Paul Henry vom renommierten Sportstättenbauer HOK die größten Chancen eingeräumt. Der hufeisenförmige Bau, bei dem sich das gigantische Stadion auf Knopfdruck in einen Meeresarm öffnet, reiht sich perfekt in die Pläne ein, mit denen Singapurs Vordenker in Politik und Wirtschaft seit Jahren den Stadtumbau betreiben.

Manische Erneuerungswut

Im Wissen, dass sie zwischen den Wachstumsgiganten Indien und China nicht allein als Produktionsstandort überleben können, treiben sie den Umbau der 4,5 Millionen Einwohner zählenden Stadt mit manischer Erneuerungswut auf immer neue Höhen.

Derzeit schießt fast schon im Monatstakt ein neues städtebauliches Monument nach dem anderen in die Höhe. Als Vergleichsmaßstab für immer neue Konsumtempel und Vergnügungsviertel dienen nicht mehr die asiatischen Schwesterstädte wie Hongkong, Jakarta oder Shanghai, sondern eher Barcelona, Berlin und Tokio. Denn chic muss es sein, einzigartig und ein Augenschmaus. Singapur will alles, was Geld bringt, effizient ist und wenig Dreck macht.

Das Schlüsselwort für den einzigartigen Umbau der einst schläfrigen Tropenstadt ist das englisch Wort "Hub", zu Deutsch: Drehkreuz. Als Alt-Premier Lee Kuan Yew, 84, im Herbst 2002 mit der Einweihung des Kulturzentrum Esplanade verkündete, dieses Gebäude werde der Nukleus des zukünftigen Kultur- und Spaß-"Hubs" von Südostasiens sein, erntete er vielerorts ein spöttisches Lächeln. Ausgerechnet Singapur, wo man noch nicht mal Kaugummi kaufen darf und es keine freie Presse gibt, dieser Hort des Miefs soll Fun-Stadt werden, meinten Kritiker. Das sei ein Witz.

Es war keiner. Heute schon gastieren hier international bekannte Dirigenten in dichter Folge. Ein Jazz-Festival und eine Theaterwoche haben sich im Esplande etabliert. Und mittlerweile bastelt Lee Hsien Loong, 55, Sohn des Staatsgründers und sein Nachfolger im Amt als Premier am "Sportshub".

Formel 1 in der Hafenstadt

Ach, was heißt hier basteln. Der "Hub" dreht sich ja schon. Im nächsten September werden beim ersten "Nacht Grand Prix" die Formel-1-Boliden bei Flutlicht durch die Straßen der Hafenstadt rasen.

Modell der Formel-1-Strecke von Singapur: Nächstes Jahr soll ein Autorennen durch die Straßen der Stadt führen
REUTERS

Modell der Formel-1-Strecke von Singapur: Nächstes Jahr soll ein Autorennen durch die Straßen der Stadt führen

Manchmal zwar will man das Wort "Hub", das täglich durch die Zeitungen geistert, nicht mehr hören. Für alles will Singapur ein "Hub" sein. Wissens-"Hub", Kultur-"Hub", Raumfahrts-"Hub", Spielcasino-"Hub", sogar "Hub" für Islamisches Bankenwesen.

Denn oft kollidiert die wirtschaftliche Planung von der weltoffenen Stadt mit den Realitäten der Politik, die bisweilen die nicht vergangenen düsteren Zeiten in die Erinnerung rufen. Wie vor zwei Wochen etwa, als zwei Exil-Burmesen von der Polizei in einem Einkaufszentrum aufgefordert wurden, ihre T-Shirts zu wechseln. Sie trugen die Aufschrift "Beendet das Blutvergießen in Burma" und hätten nach Meinung der Ordnungskräfte für Unruhe sorgen können. Sowieso gelten Ansammlungen von mehr als fünf Personen als genehmigungspflichtige Demonstrationen.

Homosexualität bleibt strafbar, wird aber nicht verfolgt

Im Parlament wechselt die Regierungspartei nie. Neulich wurde dort tagelang darüber diskutiert, ob im selbst ernannten "Kreativ-Zentrum" Südostasiens Homosexualität weiterhin bestraft werden solle. Man kam zu dem Ergebnis, dass die gleichgeschlechtliche Liebe, häufig hier mit der englischen Vokabel "Sodomy" bezeichnet, weiter strafbar sei, aber nicht mehr verfolgt werde. Immerhin wurde der einvernehmliche Oralverkehr als Delikt seit kurzem aus den Gesetzbüchern getilgt.

Aber es gibt eben auch Tage wie gestern. Erst möchte man nur schmunzeln über die großspurigen Worte er Offiziellen, der Stararchitekten, der netten, fleißigen Planer.

Na klar - 2011, wenn das Stadion fertig sei, werden Manchester United und Bayern München in Singapore ein Gastspiel geben. Und die Rolling Stones kommen auch her. Treten die bis dahin überhaupt noch auf? Ach - und eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft wollt ihr auch noch machen?

Aber da sitzt der Herr vom australischen Sportverband auf dem Podium. "Wir wollen nicht nur ein Stadion bauen" sagt er. "Singapur soll eines unserer Trainingszentren werden." Das verkürze die Flugzeiten zwischen den Wettbewerben für die Sportler im fünften Kontinent auf ihrem Weg nach Asien, Europa und die USA. Macht Sinn!

Und wenn man schon mal da sei, wolle man auch Singapurs Jugend zu höheren Weihen im Sport führen. "Mit unserem Know-how und den ganzen Wissenschaftlern, die hier versammelt sind", sagt er, "ist auch Gold bei den Olympischen Spielen für Singapurs Sport keine Illusion mehr."

Dann ist die Pressekonferenz zu Ende. Auf dem Weg in die Stadt wundert man sich: Dieses Hochhaus stand doch vor einem Monat noch nicht - und das da drüben auch nicht. Und unten am Hafen, genannt Marina-Bay, wächst gerade das Casino aus dem Fundament, das schon in zwei Jahren eröffnen soll.

Wie war das? Peking 2008, London 2012, danach kann ja nicht gleich wieder Asien kommen. Aber 2020, wer weiß, Olympia-Hub Singapur. Klingt gut. Vielleicht sind ja bis dahin alle T-Shirts zugelassen – auch die kritischen.



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