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24. April 2014, 16:28 Uhr

Krawalle in Rio

Angst vor der Gewalt-WM

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Brennende Barrikaden kurz vor der WM, mitten in Rio - trotz Polizeioffensive und Militäreinmarsch sind große Favelas noch immer nicht befriedet. Das Dilemma der Regierung: Die Wut auf die Sicherheitskräfte wächst.

Hamburg/Rio de Janeiro - Die Favela, in der die Gewalt jetzt eskalierte, ist eigentlich ein Vorzeigeprojekt im Kampf Rios gegen Gewalt und Drogen: 2009 marschierte die Sondereinheit UPP in die Siedlung Pavão-Pavãozinho ein, vertrieb die Drogenmafia. Es entstand eine der ersten befriedeten Favelas, auf die das Etikett "Elendsviertel" heute nicht mehr recht passen mag.

Viele der Bewohner haben ihre illegal errichteten Ziegelhäuschen mittlerweile gekauft, Satellitenschüsseln auf die Betondächer gebaut. Das Gemeinschaftsgefühl der Einwohner, die meisten aus dem verarmten Nordosten des Landes, ist groß. Touristen lassen sich jetzt durch Pavão und die Zwillingsfavela Cantagalo führen, es gibt gar erste Bed-and-Breakfast-Häuschen. Auch Grundstücksspekulanten reißen sich um die Gebiete mit bestem Blick auf Rios Glitzerviertel.

Eine Seilbahn und ein riesiger Fahrstuhl verbinden die zwei Favelas mit den Reichenvierteln Copacabana und Ipanema. Viele der Bewohner arbeiten dort unten als Kellner, Dienstmädchen, Verkäufer. Es sind mittlerweile eher Arbeiterviertel als Elendsviertel - auf den ersten Blick mag es überraschen, dass sich hier die Gewalt entzündete.

Von hier aus gingen Bilder von brennenden Barrikaden um die Welt, wütende Bewohner warfen in der Nacht zu Mittwoch Sprengsätze. Schwerbewaffnete Sondereinheiten rückten vor. Wenige Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft sind solche Aufnahmen für Rio de Janeiro ein Desaster. Die Debatte über Sicherheit ist wieder entbrannt, auch darüber, wie erfolgreich etwa 40 Favelas wirklich "befriedet" wurden.

Die Umstände des Todesfalls, der die Krawalle auslöste, sind noch unklar. Doch der Fall zeigt: Das Misstrauen gegen die UPP-Einheiten, gegen Polizei und Militär sitzt so tief, dass sich der Frust jederzeit ein Ventil suchen kann.

"Erst schießen, dann fragen" - plötzlich wieder aktuell

Die Arbeit der UPP, der 2008 gegründeten Sondereinheit der Polizei, die Ruhe und Ordnung in den einst von Gangs kontrollierten Armenviertel bringen sollte, galt lange als vorbildlich. Es gab weniger Morde, die Stadt baute Abwasserleitungen und schickte die Müllabfuhr. Es wurden vor allem junge Polizisten angeworben, die direkt aus der Ausbildung kamen und dank eines Gehaltszuschlags weniger anfällig für Bestechung sein sollten. Sie standen für eine neue, ehrliche Polizei, die Schluss machte mit der Devise "erst schießen, dann fragen". Bei der Befriedung der Favelas ging es nicht nur um Stabilität in den Armenvierteln, es ging auch darum, die Polizei zu befrieden.

Doch brutale Übergriffe der Polizei gefährden die neue zerbrechliche Balance, das Misstrauen der Bevölkerung wächst. Gewalt verdrängt die gefühlte Ruhe. Die Mutter des getöteten Tänzers fasste zornig das Gefühl vieler Favela-Bewohner in Worte: "Die UPP beschützt niemanden. Die Menschen leiden unter ihrer Willkürherrschaft."

Teile der UPP gelten inzwischen nicht nur als korrupt - sondern auch als brutal. Sie werden als Schläger und Mörder statt als Freund und Helfer gesehen. Der Zorn wuchs im vergangenen Jahr, als ein Maurer in der Riesen-Favela Rocinha verschwand. Der Mann war mit Elektroschocks gefoltert und anschließend ermordet worden, der Leiter der UPP war dabei. Und im März tauchte ein Video auf, das zeigt, wie Polizisten eine vierfache Mutter hinter ihrem Auto 300 Meter die Straße hinunterschleiften. Die Frau starb.

Die Drogenmafia kehrt offenbar zurück

Zugleich versuchen offenbar Drogenbanden, Teile ihres Territoriums zurückzuerobern. Immer wenn die UPP in den vergangenen Jahren in eine Favela einmarschierte, kündigte sie das an - die Gangster flohen, oft fiel nicht ein Schuss. Doch jetzt gibt es immer wieder Schießereien, besonders in Rocinha und Complexo do Alemão.

Auch in Pavão-Pavãozinho kehrt angeblich die Mafia zurück. Dem Sicherheitsminister zufolge befiehlt ein Drogenboss mit dem Spitznamen "Pitbull" von der gefürchteten Verbrecherorganisation "Comando Vermelho" seit einigen Monaten die Überfälle auf die Sicherheitskräfte.

So kurz vor der Weltmeisterschaft kann Rio de Janeiro keine Schlagzeilen über Schießereien gebrauchen. In der Favela Maré, die nahe der Autobahn zum internationalen Flughafen liegt, marschierten Anfang April 2500 Soldaten ein. Sozialwissenschaftler sehen das skeptisch: "Die größte Herausforderung ist, dass die Polizisten Vertrauen zu der lokalen Bevölkerung aufbauen", glaubt Silvia Ramos von der Universität Cândido Mendes. Und je mehr Macht die Sicherheitskräfte bekommen, fürchtet João Trajano von der Staatlichen Universität Rio de Janeiro, desto mehr wird sie missbraucht. Das treffe dann die ehrlichen Bewohner der Favelas.

Das Dilemma von Polizei und Regierung: Bei Schießereien kann sie kurz vor der WM nicht wegsehen. Doch ein hartes Vorgehen der diskreditierten Sicherheitskräfte richtet zur Zeit womöglich nur noch größeren Schaden an.

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