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USA-Roadtrip: Fracking-Boom in Williamsport

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Wahlkampf-Roadtrip durch die USA Wo das Wasser explodiert

Was bewegt die Amerikaner vor der Wahl? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke ist auf Rundreise durch die USA. Zweite Station: Williamsport, Pennsylvania. In der Natur-Idylle spielt sich der neueste Energie-Goldrausch ab - mit potentiell tödlichen Folgen.

Energiekonzernen ist nicht zu trauen, das ahnte Ralph Kisberg schon früh. Und zwar als er selbst für sie arbeitete. 1980 war das, da kehrte er seinem Job an der Wall Street den Rücken und heuerte auf einer Bohrinsel im Golf von Mexiko an, "nur um mal zu sehen, wie das ist".

Wie das war, merkte er schon am ersten Tag. Da habe er ein chemisches Reinigungsmittel in die Hand gedrückt bekommen: "Wir hatten letzte Nacht ein Ölleck", habe sein Boss gesagt. "Schütt das da drauf, damit das Öl versinkt, bevor die Inspektoren kommen."

Sicher, das sei lange vor den heutigen, strengeren Sicherheitsvorschriften für die Industrie gewesen. Aber der Tenor habe sich nicht geändert: "Die Kontrolleure und die Industrie mauscheln", sagt Kisberg. "Und sie hauen die Menschen wie uns nur übers Ohr."

Ralph Kisberg, 57, weiß also, wovon er spricht, wenn er schimpft, anklagt, agitiert - gegen ebenjene Branche, aus der auch er kam. Aber er tut das nun fern des Golfs, fern der Umwelt-Desaster und Ölteppiche, wie sie zuletzt 2010 nach der Havarie der Ölplattform "Deepwater Horizon" die Natur zu vernichten drohten.

Denn die tödliche Gefahr, die Kisberg dieser Tage wittert, lauert ganz woanders - in der waldigen, bergigen Naturidylle Pennsylvanias.

Erst sorgte Holz für Wohlstand, jetzt ist es das Gas

Auf unserer Wahlkampf-Rundreise durch die USA sind wir in Williamsport angekommen. Die kleine Bezirksstadt schmiegt sich ins grüne Tal des Susquehanna Rivers. An der "Millionaire's Row" protzen Hunderte viktorianische Villen - Nachlass der "Lumber Barons", der Holzbarone jener Tage, da Williamsport das Zentrum des Holzhandels war und mehr Millionäre pro Kopf zählte als sonst ein Ort in den gesamten USA.

Lange lag die Region brach. Doch jetzt werden die Villen restauriert, verputzt, neu gestrichen. "Die Millionäre sind wieder da", murrt Kisberg. Erneut fließt Kapital nach Williamsport. Aber diesmal kommt es nicht vom Holz. Sondern von einem weit weniger greifbarem Rohstoff: Gas. Und genau das ist es, was Kisberg sorgt.

"Hier", sagt er erbost. "Hier. Hier. Und hier!" Kisberg ist über eine Landkarte gebeugt, mit einem Stift malt er Kringel. An der Sugar Camp Road. Am Rose Valley Lake. Am Highway 118.

Es sind Aberdutzende Stellen, an denen die Energiekonzerne hier neuerdings nach Gas bohren. Und, so findet zumindest Kisberg, die Landschaft verschandeln, das Trinkwasser verseuchen, die Luft verpesten, die Anwohner mit Krebs bedrohen und auch schon mal einen Wasserhahn in der Küche explodieren lassen. "Dir kann das Haus um die Ohren fliegen", sagt Kisberg. "Aber der Regierung ist das ja egal."

Pennsylvania, Land der Fracker

Fracking (Kurzform für "Hydraulic Fracturing") heißt die relativ neue, heftig umstrittene Tiefbohrtechnik, mit der das Naturgas zutage gefördert wird. Dazu wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien mit Hochdruck durch die Gesteinsschichten gepresst, um das dort gefangene Gas geradezu freizusprengen.

Gas-Branche und Politik erhoffen sich einen neuen Energieboom, wenn nicht gleich die Energieunabhängigkeit der USA von fremdem Öl. Chesapeake Energy, der größte Gaskonzern, spricht von "sicheren", "ökonomischen" und "umweltverträglichen" Fördermethoden. Selbst Barack Obama hat die Gas-Ausbeuten in seiner letzten Rede zur Lage der Nation beschworen.

Doch die Folgen für Natur und Mensch sind unklar und umstritten und die wenigen Studien fast alle von der Industrie gesponsort. Und der, weiß Kisberg, ist ja nicht zu trauen. Kisberg ist in Williamsport geboren und aufgewachsen. Und nun ist seine Heimat einer der Hauptschauplätze des neuesten Energie-Goldrauschs. Was der Golf von Mexiko für die Ölbohrer ist, ist Pennsylvania für die Fracker.

"Keiner sagt uns, was im Wasser ist"

Kisberg leitet die Responsible Drilling Alliance, eine der vielen Umweltgruppen, die hier dank des Gas-Streits aus dem Boden schießen. Stundenlang kurvt er herum, um uns die Narben des Frackings zu zeigen. Unmontierte Pipeline-Rohre, wie Legos verstreut. Schneisen durch die Wälder. Gullis. Bohrtürme. Dreckige Industrieparks, mitten in längst nicht mehr unberührter Natur. Eine frische Baustelle offenbart, wie billig ein Chemietank im Erdboden abgedichtet wird - mit einer dünnen, zerrissenen Plastikplane.

"Wir lieben unsere Natur", sagt Kisberg und zeigt auf einen Bach, in dem Kinder baden. "Keiner sagt uns, was wirklich im Wasser ist." Berichte über Bohrlecks, Krebserreger im Wasser, toxische Abwässer und Methan in der Spülbrühe haben die Öko-Farmer verschreckt. Kommunen klagen, die Millionenzahlungen der Konzerne haben viele aber wieder beruhigt.

Während der demokratische Gouverneur des benachbarten New York das Fracking bremsen will, hat der republikanische Gouverneur von Pennsylvania gerade grünes Licht gegeben. Doch auf die Partei kommt's ja nicht an. "Egal wer im November die Wahl gewinnt", weiß Kisberg. "Die Branche hat beide in der Tasche."

Und so bleibt am Ende dieses schwülen Tages auch ihm nur eines übrig: "Ich gehe noch mal im Bach schwimmen." Egal was da drin ist.