Wahlkampf-Roadtrip durch die USA Obamas schwerer Kampf in Hillary-Land

Was bewegt die Amerikaner? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke begibt sich im Wahlkampf auf eine Rundreise durch die USA. Erste Station: Scranton, Pennsylvania. Hier kämpft Barack Obama gegen alte Ressentiments und neue Wirtschaftssorgen. Und eigentlich lieben alle Hillary Clinton.

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Scranton und die Clintons, das ist eine alte Liebesgeschichte. Bürgermeister Chris Doherty weiß das aus ganz persönlicher Erfahrung: "Die Clintons rufen immer wieder mal an, wie's uns geht." Und Hillary erst. Bei den Vorwahlen 2008 schlug sie Barack Obama hier mit 73 Prozent. Und wenn sie morgen noch mal antreten würde? "Sie bekäme 80 Prozent."

So ist das in Scranton, der Industriestadt im tiefen Pennsylvania, die jeder US-Wahlkämpfer beehren muss, Demokrat wie Republikaner: "Clinton Country" bis heute, Hillary-Land, ihre treueste Bastion. Wo sich die Menschen, wie Obama damals so abfällig gelästert hatte, verbittert "an Waffen oder Religion klammern".

Das kostete ihn die Vorwahl in diesem Bundesstaat. Gut, diese alten Ressentiments sind passé, landesweit gewann Obama die Wahl. Längst wüssten die Scrantoner, auf wessen Seite sie zu stehen hätten, sagt Doherty: "Auf der des Präsidenten." Trotzdem sehen sie das eher als lästige Pflicht. Ohne Liebe halt, ganz anders als bei Hillary: "Alle lieben Hillary."

Roadtrip USA: Wir fahren durchs Land, um zu erfahren, was die Amerikaner bewegt in diesem Wahlkampf, abseits der inszenierten Kandidaten-Shows. Von New York nach Los Angeles: Erste Station ist Scranton, die alte Kohle- und Stahlstadt, die ein ähnliches Auf und Ab durchlitten hat wie das Ruhrgebiet.

Bier trinken? Am liebsten mit Hillary

Scranton, Inbegriff des bodenständigen Swing States Pennsylvania. Dessen Bürger, die mit den Waffen und der Religion, dürften auch in diesem November den Sieger der Präsidentschaftswahl mitentscheiden. Doch genau sie sind es auch, zu denen Obama immer noch schwer Zugang findet. Das zeigen die Umfragen und auch der eine oder andere Demokrat aus der Region, der sich nicht mal zum Wahlparteitag bequemen will.

Obamas einziger Bonus: Rivale Mitt Romney findet noch weniger Zugang zu den Wählern hier. "Die Menschen würden lieber mit Obama ein Bier trinken als mit Romney", sagt Doherty. Am liebsten aber würden sie natürlich mit Hillary trinken.

Doherty sitzt in seinem Büro im Rathaus, einer Kalkstein-Trutzburg von 1888. Gerade hat er eine junge Obama-Beauftragte empfangen, sie soll einen Besuch von Vizepräsident Joe Biden arrangieren, der in Scranton aufwuchs. Doch Doherty hat schon alles selbst eingefädelt: Die Philharmoniker werden aufspielen, Biden wird sprechen, dann gibt's ein Feuerwerk, bezahlt von Sponsoren. Der Termin mit der Obama-Beauftragten dauert nicht mal fünf Minuten.

Der 54-jährige Doherty hat ja schon viele Würdenträger erlebt. Seit 2002 regiert er. "Ich habe sie alle kommen und gehen sehen." Obama machte zuletzt im November seine Aufwartung, er hielt "irgendeine Rede über Steuern", genau kann sich Doherty nicht mehr erinnern. Es war jedenfalls in derselben Highschool, in der Clinton 2008 ihren eigenen Anlauf aufs Präsidentenamt gestartet hatte.

Clinton wählte Scranton, weil ihr Vater Hugh Rodham hier geboren wurde und begraben liegt. Den Großteil seines Lebens dazwischen verbrachte Rodham zwar in Chicago, Clintons Geburtsstadt. Aber Chicago war Obama-Revier, und Scranton passte besser ins Wahldrehbuch.

"Die Leute sind nervös"

Es passt bis heute. Die Sorgen der Scrantoner sind die Sorgen der Amerikaner. "Wir haben nur ein Wahlkampfthema", sagt Doherty. "Die Wirtschaftslage." Gesundheitsreform? Homo-Ehe? Washington-Gezeter. Hier interessiere nur: "Habe ich morgen noch einen Job? Kann ich meine Hypothek bezahlen? Kann ich mir die College-Ausbildung meiner Kinder leisten?"

Die Antworten fallen immer noch meist negativ aus. Niemand hat Geld, der Staat nicht, die Gemeinde erst recht nicht. Die Titelseite der Lokalzeitung "Times Tribune" wird beherrscht von den turbulenten Haushaltsverhandlungen, die bis in die Nacht gingen: "Chaos-Sitzung", steht da.

Die kleine Innenstadt von Scranton hat sich trotzdem ganz gut gemacht. Viele Altbauten sind renoviert, Kriminalität "gibt es bei uns nicht", und auf den Plätzen stehen Behälter für Plastiktüten: "Macht hinter euren Hunden sauber." Doch dazwischen finden sich überall leere Ladenlokale und "For Rent"-Pappschilder.

"Die Stimmung ist nicht gut", gibt Doherty zu. "Die Leute sind nervös." Das sagt er gleich dreimal, und gleich dreimal sagt er hinterher: "Obama hat einen sehr schweren Job, aber er versucht sein Bestes."

Ob das ausreicht im November? Beide Seiten setzen große Hoffnungen auf Pennsylvania. Doherty kennt die nationalen Verhältnisse gut: 45 Prozent sind links, 45 Prozent sind rechts, es entscheiden die restlichen zehn Prozent. "Obama wird gewinnen", hofft er. "Knapp."

Doch es ist anders als damals, vor vier Jahren. Die "New York Times" zitierte neulich einen älteren Scrantoner mit den Worten: "Ich bin lebenslanger Demokrat, aber wenn der richtige Republikaner daherkäme, wäre ich offen für ihn." Das hätten sie Hillary Clinton nie zugemutet.

2008 seien vor allem junge Wähler "verrückt" nach Obama gewesen, erinnert sich auch Doherty. Und jetzt? "Enthusiastisch ist keiner." Aber das möge man bitte nicht aufschreiben.

So oder so: Egal, wer diesmal gewinnt - 2016 sei dann wieder Hillarys Jahr. "Unsere Stimme", sagt Doherty, "hat sie jedenfalls."

insgesamt 3 Beiträge
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beblein 03.07.2012
1. Feuer und Wasser
Obama noch Hillary haben sich im letzten Wahlkampf bekaempft. Beide haben bislang nur gelogen und ihre Taschen mit wertlosen Buechern gefuellt. Ihre Funktionen als Totengraeber der Constitution haben nur mehr Naegel in den Sarg USA genagelt. Wie bei der EU, es wird der Tag kommen wenn beide am Ende sind. Der Wohlstandssozialismus wird den Zeitpunkt bestimmen. Der Supreme Court hat bereits die Constitution zu Grabe getragen. Man hat das bislang nur noch nicht begriffen. Dieser Wahnsinn, wir sind alle egal, wird den Schwindel bald beenden.
keksen 03.07.2012
2. Die
Zitat von bebleinObama noch Hillary haben sich im letzten Wahlkampf bekaempft. Beide haben bislang nur gelogen und ihre Taschen mit wertlosen Buechern gefuellt. Ihre Funktionen als Totengraeber der Constitution haben nur mehr Naegel in den Sarg USA genagelt. Wie bei der EU, es wird der Tag kommen wenn beide am Ende sind. Der Wohlstandssozialismus wird den Zeitpunkt bestimmen. Der Supreme Court hat bereits die Constitution zu Grabe getragen. Man hat das bislang nur noch nicht begriffen. Dieser Wahnsinn, wir sind alle egal, wird den Schwindel bald beenden.
USA mit "Wohlstandssozialismus" in Verbindung zu bringen ist lächerlich. Individualität in alle Bereichen! So scheint mir ist Ihre Meinung. Genau das ist die Ursache des unsäglichen Egoismus, der Arroganz und des fählen von Solidarität, die uns unsere "oberen", materiell reichen Schichten so gerne vorleben. Und der Rest eifert dem nach. Das ist der Grund warum unsere Welt eines Tages zu Grunde gehen wird.
Peter Boots 04.07.2012
3. Ach, Herr Pitzke
Scranton kenne ich einigermassen gut und 5 Minuten in der Englischen Wikipedia hatten doch viele Fehler verhindert. Und warum es Scranton gerade schlecht geht? Ach, Herr Pitzke. `
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