Flüchtlinge in Bangladesch 100.000 Rohingya sollen auf unsichere Insel umgesiedelt werden

Die Insel Bhasan Char steht immer wieder zu großen Teilen unter Wasser. Nun will die Regierung von Bangladesch Rohingya-Flüchtlinge dorthin umsiedeln. Menschenrechtsgruppen sind alarmiert.

Küste von Bhasan Char (im Februar 2018): Regelmäßige Überschwemmungen
REUTERS

Küste von Bhasan Char (im Februar 2018): Regelmäßige Überschwemmungen

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Vor 20 Jahren war hier noch nichts. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten setzte sich etwa 30 Kilometer vor der Küste von Bangladesch so viel Schlick ab, dass daraus Bhasan Char entstand: eine Insel, die in den vergangenen Jahren, zumeist in der Regenzeit zwischen Juni und September, immer wieder zu großen Teilen überschwemmt wurde. Aber nicht nur an Land ist es in der Region unsicher: Anwohner von Inseln in der Nähe erzählen, dass im umliegenden Gewässer Piraten nach Fischern Ausschau halten, die sie kidnappen können.

Genau dorthin will die Regierung von Bangladesch nun 100.000 Menschen umsiedeln.

Betroffen davon sind Rohingya, Angehörige einer muslimischen Minderheit, die wegen brutaler Übergriffe des Militärs aus ihrer Heimat Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflohen sind. Seit 2017 kamen mehr als 700.000 Rohingya in die Camps nahe dem Fischerort Cox's Bazar, dort erstreckt sich inzwischen das größte Flüchtlingscamp der Welt. Mehr als eine Million Menschen leben in dem Lager namens Kutupalong. Die meisten von ihnen sind traumatisiert, es gibt Berichte über Erschießungen und Massenvergewaltigungen von Rohingya in Myanmar, bislang musste sich kein ranghoher Militär dafür verantworten.

Die Pläne, einen Teil der Geflüchteten aus den Camps auf die Insel Bhasan Char umzusiedeln, gibt es schon seit Beginn der Krise. Bangladesch ist übervölkert, das durchschnittliche Einkommen der Menschen in dem südostasiatischen Land ist sehr niedrig - die Aufnahme von Hunderttausenden Menschen war für die Regierung und die Hilfsorganisationen vor Ort ein Kraftakt.

Ein Junge im Flüchtlingslager von Kutupalong: "Wir haben nicht genug Platz hier"
Mohammad Ponir Hossain/ REUTERS

Ein Junge im Flüchtlingslager von Kutupalong: "Wir haben nicht genug Platz hier"

Trotzdem war es ruhiger geworden um die Insel-Pläne, nachdem sich internationale Kritik geregt hatte. Vor allem die regelmäßigen Überschwemmungen sahen Menschenrechtsorganisationen und Experten als nicht zumutbar an. Doch offenbar wächst inzwischen in der bangladeschischen Gesellschaft die Ungeduld - die Regierung von Myanmar macht zwei Jahre nach Ausbruch der Krise noch keine Anstalten, die Rohingya unter annehmbaren Bedingungen zurück ins Land zu lassen. Aus einer temporären Aufnahme ist ein jahrelanges Engagement geworden.

Nun soll es schnell gehen: Schon in den kommenden Wochen wolle die Regierung die ersten Rohingya nach Bhasan Char bringen, kündigte Mahbub Alam Talukder, Chef der Hilfs- und Rückführungskommission in Cox's Bazar, an. Die Umsiedlung solle in mehreren Etappen erfolgen. Es seien bereits Listen angefertigt worden mit den Namen derer, die von den Camps in Kutupalong in die Häuser auf Bhasan Char umziehen wollen. 7000 Geflüchtete hätten sich freiwillig bereit erklärt - obwohl viele Rohingya fürchten, dass sie dort im Falle einer Naturkatastrophe von jeder Hilfe abgeschnitten sind.

"Wir wollen nicht nach Bhasan Char gehen, wir haben von den Überschwemmungen gehört, und dann können Menschen sterben. Unsere Kinder werden ertrinken - für die ist es nur eine neue Falle, durch die sie ihr Leben verlieren können", sagte die Camp-Bewohnerin Hamida Khatum der "Deutschen Welle". Nach Ansicht der bangladeschischen Behörden sind die Hilfsorganisationen vor Ort schuld an der Sorge der Rohingya vor der Insel-Übersiedlung. Diese hätten die Bedingungen dort dramatisiert.

Verschiebung der Küstenlinie

Niemand werde gezwungen, heißt es seitens der Regierung, der Umzug sei freiwillig. Vor wenigen Monaten klang das noch anders: Außenminister Abdul Momen sagte im August im Interview mit der "Deutschen Welle": "Notfalls zwingen wir sie. Wir haben nicht genug Platz hier."

Vorkehrungen gegen die Fluten wurden immerhin schon getroffen: Eine chinesische Firma hat einen Damm errichtet, zudem gibt es Bunker, in denen sich die Anwohner vor möglichen Zyklonen in Schutz bringen könnten. Die Marine beziffert die Kosten der Baumaßnahmen auf etwa 248 Millionen Euro. Satellitenbilder zeigen Betonhäuser mit roten Dächern. Davon soll es 1440 geben, in jedem davon Platz für 16 Menschen, heißt es. In Kutupalong leben die Menschen oft nur unter Plastikplanen, feste Häuser sind in den Camps nicht erlaubt.

Karte Bhasan Char: Sturmrouten, Flutregionen und Gebäude
SPIEGEL ONLINE

Karte Bhasan Char: Sturmrouten, Flutregionen und Gebäude

Die Hilfsorganisationen vor Ort sind dennoch skeptisch. "Wir hatten noch keinen Zugang zu der Insel, wir kennen die genauen Umstände also nicht. Das macht uns Sorgen", sagt Saad Hammadi von Amnesty International. "Wir hoffen, dass die Regierung ihre Zusagen einhält, etwa dass es Fähren geben wird, mit denen die Anwohner regelmäßig auf das Festland kommen, wenn sie wollen. Das müssten wir aber mit eigenen Augen sehen."

Ein wichtiger Punkt sei außerdem, ob es dort Bildungseinrichtungen für die Rohingya geben werde. Gebe es keine Schulen oder ähnliche Einrichtungen für die jungen Rohingya, liefen diese Gefahr, zu einer "verlorenen Generation" heranzuwachsen, sagt Hammadi. Viele der Geflüchteten seien traumatisiert und hätten in ihrer Heimat und auf der Flucht extreme Gewalt erlebt: "Die Regierung in Dhaka sollte den Prozess der Umsiedlung nicht überstürzen."

Auch Human Rights Watch appelliert an die Regierung: "Die traumatisierten Menschen auf Bhasan Char abzuladen, wo sie erneut tödlicher Bedrohung ausgesetzt sind, ist keine Lösung", heißt es in einer Stellungnahme. Die Regierung solle von den Plänen Abstand nehmen, bis unabhängige Experten bescheinigen könnten, dass die Insel bewohnbar sei. Zudem solle die Regierung zusichern, dass sich die Rohingya frei bewegen und die Insel jederzeit wieder verlassen dürften.

Die Vereinten Nationen sind nach Angaben von Hilfsorganisationen seit Ende 2018 um eine umfassende Evaluierung der Insel bemüht und stehen dazu im Austausch mit der Regierung in Dhaka. Die Behörden hätten eine Bewertungsmission der Uno jedoch bisher nicht genehmigt.

Mit Material von Reuters, Grafiken von Hanz Sayami

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insgesamt 6 Beiträge
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navitrolla 26.10.2019
1. Zwiegespalten
Ob die Insel sicher ist, lässt sich definitiv nicht aus der Ferne beurteilen. Aber für ein armes Land wie Bangladesh ist hier (auch gut per Google maps sichtbar) ein echter Kraftakt vollbracht worden. Ich finde, dass das schon mal honoriert gehört. Für die Realisierung des Projekt auf einer abgelegenen Insel könnte es gute Gründe geben: - Wenn sichtbar für alle Infrastruktur aufgebaut wird, die sich 60% der Bewohner nie leisten könnten, sind Agitatoren nicht weit, die zum sturz der Regierung aufrufen werden. Wird ja sogar hier instrumentalisiert, dass den Geflüchteten ein paar € am Tag zustehen. - Angst vor Extremisten / Gewalttäter. Die Existenz solcher unter den Geflüchtetenmmag ich nicht unterstellen - aber alleine Lagerkoller & Perspektivlosigkeit / gezielter Einfluß von außen machen es nicht unwahrscheinlich, daß irgendjemand durchdreht, einheimische gefährdet. - Keine Mittel / Möglichkeit für echte Integration. Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass das BIP pro Kopf in Bangladesh unter 2000usd / Einwohner liegt, 30% des BIP für schuldendienst aufgewandt wird und die Verschuldung 650% des jährlichen BIP beträgt. Dass eine Regierung angesichts geringen Handlungsspielraums erstmal die innere Ruhe und dann ggf. Menschenrechte von eingewanderten betrachtet, ist in meinen Augen nachvollziehbar. Nicht schön, aber solange Kapital auf der Welt ungleich verteilt ist, müssen wir auch verschiedene Standards / Möglichkeiten in Kauf nehmen.
go-west 27.10.2019
2. Grundsätzlich
halte ich diese Trennung für eine gute Idee. Was einfach nicht zusammenwachsen will oder kann, sollte man nicht mit Gewalt kohabitieren lassen. Wenn die kulturellen und religiösen Unterschiede einfach zu groß und damit unüberbrückbar sind, ist m.E. eine örtliche Trennung besser als den Menschen die täglichen Spannungen zuzumuten. Es gibt nun mal Kulturen bzw. Gesellschaftsgruppen, die leicht integrierbar sind, und solche, bei denen die religiösen und kulturellen Vorgaben dies fast unmöglich machen. Irgendwie wie Ök und Wasser. Was passiert, wenn man trotzdem ein Zusammenleben erzwingen will, läßt sich leider oft genug beobachten.
eunegin 27.10.2019
3. In Richtung Untergang - und alle schauen zu.
Zitat von navitrollaOb die Insel sicher ist, lässt sich definitiv nicht aus der Ferne beurteilen. Aber für ein armes Land wie Bangladesh ist hier (auch gut per Google maps sichtbar) ein echter Kraftakt vollbracht worden. Ich finde, dass das schon mal honoriert gehört. Für die Realisierung des Projekt auf einer abgelegenen Insel könnte es gute Gründe geben: - Wenn sichtbar für alle Infrastruktur aufgebaut wird, die sich 60% der Bewohner nie leisten könnten, sind Agitatoren nicht weit, die zum sturz der Regierung aufrufen werden. Wird ja sogar hier instrumentalisiert, dass den Geflüchteten ein paar € am Tag zustehen. - Angst vor Extremisten / Gewalttäter. Die Existenz solcher unter den Geflüchtetenmmag ich nicht unterstellen - aber alleine Lagerkoller & Perspektivlosigkeit / gezielter Einfluß von außen machen es nicht unwahrscheinlich, daß irgendjemand durchdreht, einheimische gefährdet. - Keine Mittel / Möglichkeit für echte Integration. Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass das BIP pro Kopf in Bangladesh unter 2000usd / Einwohner liegt, 30% des BIP für schuldendienst aufgewandt wird und die Verschuldung 650% des jährlichen BIP beträgt. Dass eine Regierung angesichts geringen Handlungsspielraums erstmal die innere Ruhe und dann ggf. Menschenrechte von eingewanderten betrachtet, ist in meinen Augen nachvollziehbar. Nicht schön, aber solange Kapital auf der Welt ungleich verteilt ist, müssen wir auch verschiedene Standards / Möglichkeiten in Kauf nehmen.
Doch, lässt sich. Das ist etwa so (als Erklärung für Deutsche...), als wenn man ein Flüchtlingscamp mit ein paar tausend Menschen auf den Halligen einrichten würde. Geht auch nicht lange gut. Ich war in der Region und die Insel wäre besiedelt, wenn es denn ginge. Richtig ist aber, dass man Bangladesh unter die Arme greifen muss. Nur haben die Rohingya keine Lobby, keinen Fürsprechen und sitzen zwischen den Stühlen wie andere Minderheiten auf der Welt auch. Die Mehrheitsgesellschaft scheint sich nicht sehr zu interessieren. Eine Schande.
abrigal 27.10.2019
4.
Bangaldesch ist hoffnungslos ueberbevoelkert, das Land ist eine riesiege Flussmuendung in der 140 Millionen Bewohner auf der Flaesche von Sueddeutschland regelmaessig nasse Fuesse bekommen . Das Land lebt mit Ueberschwemmungen
doc1234 27.10.2019
5. Ein Problem
das die Rohingas haben. Ursprünglich kommen diese Menschen aus Bangladesch und sind nach Myamar eingewandert. Wenn Die ursprüngliche Bevölkerung eine zugewanderte Volksgruppe nicht mehr im eigenen Land duldet wegen welcher Gründe auch immer und diese Menschen wieder dahin schickt wo sie herkamen ist das nur Legitim. Die Wahl der Mittel mit Gewalt nicht. Wenigstens in Europa war es das nach dem 2. WK und auf dem Balkan so das ethnisch reine Siedlungsgebiete geschaffen wurden. Aber jetzt ist in Europa ruhe bis auf ein paar gestrige und alle Menschen leben friedlich zusammen (mehr oder weniger, aber es funktioniert). Wenn ein Staat sein Bevölkerungswachstum trotz begrenzter Resoursen und Raum nicht in den Griff bekommt, aus welchen Gründen auch immer, ist das keine Sache der Moral sondern eine Sache der Eltern und reproduktionsfäigen Bevölkerung b.z.w. der religiösen Anführer und Eliten. Wenn nun mal nur eine Insel als Siedlungsraum zur Verfügung steht dann müssen diese Menschen dahin oder in den Slums bleiben. Zurück nach Myamar geht es anscheinend nicht mehr. Es hat alles irgendwo eine Ursache, wo die liegt kann sich jeder dessen Wissen nicht durch ein Sieb der Unwissenheit und ultra Toleranz gepresst wurde Denken.
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