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Falsche Freunde der Rohingya: Wie sich Kadyrow und Erdogan als Wohltäter inszenieren

Foto: SAID TSARNAYEV/ REUTERS

Muslimische Flüchtlinge Die falschen Freunde der Rohingya

Von Erdogan über Khamenei bis Kadyrow: Zahlreiche muslimische Autokraten missbrauchen das Leid der Rohingya, um sich selbst als Wohltäter zu inszenieren. Das Kalkül dahinter ist offensichtlich.

Jetzt also auch noch al-Qaida: "Es ist unsere religiöse Pflicht, unseren muslimischen Brüdern in Burma zu helfen", teilt die Führung der Terrororganisation in einer Botschaft an ihre Anhänger mit. "Sie brauchen jede Form der Unterstützung - Geld, Medizin, Nahrungsmittel, Kleidung, Waffen."

Seit der Konflikt zwischen der muslimischen Minderheit der Rohingya und der Armee in Burma Ende August eskaliert ist, überschlagen sich Staatsmänner, Prominente und Terrororganisationen in der islamischen Welt mit Solidaritätsbekundungen für die Verfolgten. Rund 400.000 Muslime sind in den vergangenen Wochen aus Burma ins benachbarte Bangladesch geflohen, die Vereinten Nationen bezeichnen das Vorgehen des Militärs gegen die Zivilbevölkerung als "ethnische Säuberungen wie aus dem Lehrbuch".

Dass die Rohingya also humanitäre Hilfe und politische Unterstützung brauchen, ist unbestritten. Gleichwohl nutzen autoritäre Herrscher und militante Gruppen die Krise, um sich selbst zu profilieren, sich als Wohltäter zu inszenieren und von eigenen Verbrechen abzulenken. Der Hilfsappell von al-Qaida ist dafür nur das krasseste Beispiel.

Frau Erdogan als Flüchtlingshelferin

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan tut sich mal wieder besonders hervor. Er war der erste ausländische Staatschef, der Ende August auf die katastrophale Lage aufmerksam machte. Seine Anhänger starteten eine Social-Media-Kampagne mit dem Hashtag #SaveRohingya. Bei dieser ging es jedoch nicht nur darum, den Opfern von Flucht und Vertreibung zu helfen. Mindestens ebenso wichtig war es, Erdogan als Schutzpatron der bedrohten Muslime zu inszenieren.

Emine Erdogan mit geflüchteten Rohingya in Bangladesch

Emine Erdogan mit geflüchteten Rohingya in Bangladesch

Foto: AFP PHOTO / TURKISH PRESIDENTIAL PRESS SERVICE

In der vergangenen Woche besuchte die Frau des türkischen Staatschefs, Emine Erdogan, geflüchtete Rohingya in Bangladesch. Sie verteilte Essen, schüttelte Hände, tröstete Kinder. Von Ankara aus versprach ihr Gatte Recep, seine Regierung sei bereit, "sichere Zeltlager" für die Flüchtlinge zu bauen, sollte die Regierung von Bangladesch das zulassen.

Willkommener Nebeneffekt dieser PR-Offensive: Niemand spricht mehr darüber, dass die Türkei selbst ihre eigene Grenze nach Syrien nahezu vollständig abgeriegelt und mit einer Mauer gesichert hat und seit Monaten praktisch keine syrischen Kriegsflüchtlinge mehr ins Land lässt. Während die First Lady in Bangladesch öffentlichkeitswirksam Flüchtlingen hilft, müssen syrische Flüchtlinge an der türkischen Grenze fürchten, von Erdogans Soldaten erschossen zu werden.

Kadyrow testet Putin

Ein weiterer Despot, der das Leid der Rohingya für seine eigenen Zwecke instrumentalisiert, ist Ramsan Kadyrow, Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Der Diktator, der sonst weder Presse- noch Meinungsfreiheit zulässt, ließ in Grosny Tausende Demonstranten zu einer Solidaritätskundgebung für die Rohingya aufmarschieren. Kadyrow selbst sagte in einem Video: "Ginge es nach mir, würde ich eine Atombombe über Burma abwerfen."

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Falsche Freunde der Rohingya: Wie sich Kadyrow und Erdogan als Wohltäter inszenieren

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Mit seiner brachialen Rhetorik stellte sich der tschetschenische Statthalter gegen Wladimir Putin. Der russische Staatschef unterstützt nämlich das Vorgehen des burmesischen Militärs gegen die Rohingya. Anhänger von Kadyrow versammelten sich trotzdem in Sankt Petersburg sowie vor Burmas Botschaft in Moskau. Die russische Polizei nahm in beiden Städten 130 beziehungsweise 20 Demonstranten kurzzeitig fest.

Offenbar wollte Kadyrow die Rohingya-Krise nutzen, um zu testen, wie weit er gegenüber Putin gehen kann. Denn am Sonntag pfiff der tschetschenische Diktator seine Anhänger via Instagram schon wieder zurück: "Es gibt keinen Grund für Demonstrationen mehr", teilte er seinen knapp drei Millionen Followern mit. "Die Stimmen der Protestierenden wurden in allen Ecken der Welt erhört." Und ausdrücklich dankte Kadyrow nicht nur Erdogan und dem kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, sondern auch Putin: Dieser habe in der Krise seine "Integrität und große Menschlichkeit" bewiesen.

Khameneis durchsichtiges Kalkül

Auch Irans Oberster Führer Ayatollah Ali Khamenei nutzt die Vertreibung der Rohingya für eigene Zwecke. Ihm geht es darum, Menschenrechtler zu diskreditieren, die massenhafte Hinrichtungen in Iran anprangern. "Angebliche Menschenrechtsgruppen machen Riesenwirbel um die Bestrafung eines verurteilten Kriminellen in einem Land und tun nichts angesichts des Massakers und der Vertreibung Tausender in Burma", behauptet Khamenei auf Twitter.

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Dieser Vorwurf hält der Realität nicht stand: Sämtliche großen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch sowie verschiedene Uno-Organisationen prangern die Diskriminierung der Muslime in Burma schon seit Jahren an. Anders als Khamenei und andere wollen sie daraus jedoch kein politisches Kapital ziehen.