Rohstoffe für die USA Kuscheln mit dem Öl-Despoten

Für Öl müssen sich US-Diplomaten fast alles antun. In Aserbaidschan umschmeicheln sie einen Despoten und dessen geldgierigen Clan. Die Geschichte eines "Great Game", in dem die Amerikaner keinesfalls verlieren wollen - obwohl sie die Schattenseiten ganz genau kennen.
Aserbaidschans Präsident Alijew (mit Frau und Tochter rechts): Wer ist wer?

Aserbaidschans Präsident Alijew (mit Frau und Tochter rechts): Wer ist wer?

Foto: AYDIN MAMEDOV/ ASSOCIATED PRESS

Die Frauen hatten sich feingemacht: Die Gattin und die zwei Töchter des Präsidenten von Aserbaidschan warteten auf Lynne Cheney, die Frau des US-Vizepräsidenten. Sie besuchte mit ihrem Mann Dick im September 2008 das Land am Kaspischen Meer, nun sollte gemeinsam gegessen werden.

Personenschützer und Diplomaten der örtlichen US-Botschaft warteten auch, sie wollten ein Auge auf die Familie Alijew halten, vor allem auf die einflussreiche First Lady Mehriban. Nur: Wer war hier Mutter, wer Tochter?

Schwer zu sagen, schließlich kleiden sich alle Damen der Familie modebewusst, ja provokant, so viel wussten die Amerikaner. Außerdem soll die First Lady, spekulierten die Diplomaten, Schönheitsoperationen hinter sich haben. Seither könne sie zwar ihr Gesicht kaum noch bewegen, hieß es, sehe aber jünger aus. Minutenlang rätselten die Beamten. Schließlich sagte einer: "Logischerweise steht die Mutter doch in der Mitte." Die Impressionen, festgehalten in einem geheimen Memo der amerikanischen Botschaft in Baku, lesen sich wie sarkastische Beschreibungen von US-Diplomaten, die sich in eine Bananenrepublik am Ende der Welt versetzt fühlen.

Der Preis im "Great Game" wird immer höher

Doch das Land am Kaspischen Becken mit neun Millionen Einwohnern ist einer von Amerikas strategischen Energiepartnern, und das im russischen Einflussbereich: Die Aserbaidschaner verfügen über nachgewiesene sieben Milliarden Barrel Öl und 1,3 Billionen Kubikmeter Gas. Seit eine Pipeline von der aserbaidschanischen Hauptstadt zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan führt, strömen jedes Jahr Millionen Barrel davon gen Westen.

Also umschmeichelten schon die Cheneys die Alijews, genau wie nun in der Obama-Ära immer wieder dessen Sonderbeauftragter für Eurasische Energiefragen, Richard Morningstar. Der diente bereits Bill Clinton, als dieser in den neunziger Jahren die Bedeutung von Aserbaidschan erkannte - und die Vision der 2,5 Milliarden Euro teuren Pipeline mitentwarf. Die Amerikaner schickten hochtrainierte Kampfschwimmer, um den Einheimischen zu zeigen, wie man die kostbare Röhre auch unter Wasser etwa vor Saboteuren schützt.

"Great Game" hieß der Kampf von Briten und Russen um Einfluss am Kaspischen Meer und in Zentralasien im 19. Jahrhundert. Heute kämpfen die Amerikaner an vorderster Front mit - und der mögliche Gewinn ist viel höher. Leider auch der Preis, den die Diplomaten zahlen müssen, das wird aus den Geheimdokumenten des State Department ebenfalls klar.

Unterdrücken und niederknüppeln

Denn Aserbaidschan ist - ähnlich wie die anderen kaspischen Ölstaaten - ein Partner, für den man sich schämen muss. Die korrupten Institutionen des Landes kommen mit dem Öl-Boom und den Dollar-Milliarden nicht klar, Wachstumsraten von durchschnittlich fast 15 Prozent pro Jahr überrollen nahezu jeden Ansatz von Recht und Ordnung. Freie Presse wird unterdrückt, Dissidenten werden niedergeknüppelt. Diktator Gejdar Alijew - der von 1993 bis 2003 herrschte - hatte kurz vor seinem Tod die Macht natürlich an seinen Sohn Ilcham weitergereicht, und der arbeitet genauso wie der Vater.

Die Dokumente der Amerikaner lassen keinen Zweifel, dass sie genau wissen, wen sie da umwerben. US-Diplomaten erstellten schon eine Reihe Memos mit dem Titel "Who owns what?", in denen sie die mächtigsten Familien des Landes porträtieren: Wem gehört was? Zitat: "Beobachter in Baku weisen oft darauf hin, dass das heutige Aserbaidschan geführt wird wie ein Land im europäischen mittelalterlichen Feudalismus. Eine Handvoll bestens vernetzter Familien kontrolliert einzelne Landstriche und Sektoren der Wirtschaft."

Das Memo stützt die Einschätzung: "Es gibt eine Übereinkunft zwischen den führenden Familien, die Erträge zu teilen und die einzelnen wirtschaftlichen und geografischen Interessen nicht zu stören - und ausländische Mitbewerber herauszuhalten." Am besten ist darin natürlich die Herrscherfamilie Alijew: Gattin Mehridan ist nach Einschätzung der US-Diplomaten zwar "kaum informiert über politische Themen" - ganz stark sei sie aber bei der Versorgung ihrer Familienmitglieder: Ihre Schwester Nargis fungiert als Chefin des Ablegers der Moskauer Lomonossow-Universität in Aserbaidschan, ihr Vater als Boss der Nationalen Luftfahrtakademie, ihr Onkel ist Vizeaußenminister.

Unter dem Schutz des Alijew-Imperiums

Auch Nar Mobile/Azerfon, eine der größten Mobilfunkfirmen des Landes, gehört zum Familienimperium der Alijews. Die einzige Lizenz für moderne Hochgeschwindigkeits-Handynetze im Land, eine Lizenz zum Gelddrucken also, bekam ihre Firma. Was für ein Zufall. Mitbewerber Azercell ging leer aus. Als der sich in einer anderen Sache zu wehren versuchte, zog Nar Mobile/Azerfon vor Gericht - und bekam natürlich umgehend recht. "Es wird oft scherzhaft gesagt, dass man in Aserbaidschan vor Gericht nur gewinnen kann, wenn man ein Freund der Richter ist - oder wenn man von Benjamin Franklin vorgestellt wird", lästern die US-Diplomaten. Ein Porträt von Franklin, einem der Gründerväter der USA, prangt auf Dollar-Noten, gemeint ist also Bestechung.

Doch natürlich sei es genauso nützlich, politisch gut vernetzt zu sein, meinen die Diplomaten. Das hilft besonders im lukrativen Baugewerbe. In Aserbaidschan läuft darin ohne "Kryscha" ("Dach") wenig, wissen westliche Experten. Solch ein Dach ist eine mafiose Schutzorganisation. Die Firma Pasha Construction, auch ein Teil des Alijew-Imperiums, hat natürlich den besten Schutz. Anders als bei Konkurrenten wachsen Pasha-Immobilien meist ungehindert und ganz schnell in den Himmel. So verdient das Unternehmen viele Millionen.

Doch die Alijews sind großzügig, sie lassen andere Familien mitscheffeln. Die Heydarows etwa. Deren Patriarch Kamaladdin wurde "im reifen Alter von 35 Jahren", wie US-Beobachter spotten, zum Chef des staatlichen Zoll-Komitees ernannt, das selbst nach aserbaidschanischen Maßstäben als überaus korrupt gilt.

De-facto-Monopol auf Granatapfelsaft und jede Menge Spielzeug

Aber Kamaladdin brachte beste Empfehlungen mit: Sein Vater Fattah war ein enger Vertrauter des alten Alijew. Als der US-Geschäftsträger Heydarow junior zum ersten Mal traf, bemerkte er dessen ordenübersäte Brust, "die mit dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs der USA konkurrieren könnte".

Heydarows Söhne genießen Macht und Reichtum in vollen Zügen. "His boys and their toys" ist die Passage über sie in einem Geheimmemo überschrieben - "Die Jungs und ihre Spielzeuge": Einen Fußballclub besitzen die Heydarow-Sprösslinge schon, nun versuchen sie angeblich, zwei amerikanische Gulfstream-Jets zu kaufen, für 20 Millionen Dollar das Stück.

Sie müssen nach den neuen Anti-Terror-Vorschriften der USA nachweisen, dass sie den Wohlstand legal erworben haben. Kein Problem für die Boys, sie schicken an Gulfstream eine lange Liste der Familieninvestments. Darunter diese Branchen: Beton, Asphalt, Chemikalien, Textilien, Milchverarbeitung, Alkohol, Bauwirtschaft. Außerdem Kleinigkeiten: das De-facto-Monopol auf Granatapfelsaft beispielsweise. Während so ein paar aserbaidschanische Clans dank der US-Dollar im Land immer reicher werden, darbt der Rest des Volks. Über 40 Prozent der Einwohner leben in Armut, das Durchschnittseinkommen beträgt 24 Euro im Monat.

Lala Schewket, Führerin der Liberalen Partei in Aserbaidschan, sagt: "Das Öl ist unsere Tragödie." Abschrecken lassen sich die Amerikaner davon nicht; im Gegenteil: Sie werben sogar für eine erweiterte Sicherheitskooperation mit dem Land. Nach dem Besuch eines US-Gesandten in Baku notierte ein Diplomat zufrieden: Er "unterstrich gegenüber Präsident Alijew den Wert der Beziehung mit Aserbaidschan für die amerikanische Regierung".

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