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08. Dezember 2015, 09:34 Uhr

Sicherheitschef in Rom

Sie nennen ihn Erzengel

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Das Heilige Jahr beginnt am Dienstag: Rom erwartet Millionen Pilger und fürchtet den Terror. Die Sicherheit gewährleisten soll Präfekt Franco Gabrielli - eine menschliche Allzweckwaffe im Kampf gegen Tod und Verderben auf italienischem Boden.

Er ist dicht dran an den Pilgern. Zur "Via Papalis", dem Weg der Päpste, und weiter bis zum einstigen Kerker der Apostel Petrus und Paulus sind es nur ein paar Schritte für Franco Gabrielli.

Der Präfekt, ein hagerer Karriere-Polizist mit Sitz im Palazzo Valentini, ist die höchste Autorität der Stadt Rom in Sachen Sicherheit: verantwortlich für den Schutz von fast drei Millionen Einwohnern und jährlich 16 Millionen Touristen. Ab dem 8. Dezember, wenn das Heilige Jahr der Barmherzigkeit beginnt, kommen mindestens zehn Millionen Pilger hinzu. Gabrielli wird sie an seinem Amtssitz vorbeilaufen sehen.

Dieser Dienstag, der Tag, an dem Papst Franziskus die Heilige Pforte zum Petersdom öffnen will, sei "unter Sicherheitsaspekten" die größte Herausforderung für ihn und seine Leute, sagt Gabrielli. Intern aber gilt für 19 weitere Veranstaltungen während des Heiligen Jahres die höchste Alarmstufe.

Meister im Verhindern drohender Katastrophen

Verstärkt seit den Terrorattacken in Paris patrouillieren in Rom Polizisten und Spezialeinheiten. Bombenalarm wird bisweilen mehrmals täglich ausgelöst. Die Angst vor einem Blutbad im Zentrum der Christenheit lastet auf der Ewigen Stadt. Der Präfekt sagt: Es wird das "erste Heilige Jahr in Zeiten des IS", des "Islamischen Staats".

Wer ihn besucht in seinem Amtszimmer, das dem Salon eines Marchese würdig wäre, stößt rechts von der Eingangstür auf eine Messingtafel: Sie stammt von der Bordwand des gesunkenen Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia". Daneben hängt eine Auszeichnung der Vereinten Nationen; sie würdigt den 55 Jahre alten Gabrielli als "Disaster Risk Reduction Champion" - als Meister im Verhindern drohender Katastrophen.

Anfang der Neunziger leitete der gebürtige Toskaner Polizei-Eliteeinheiten im Kampf gegen die linksextreme Terrororganisation Rote Brigaden. 2006 wurde er zum Chef des Inlandsgeheimdiensts befördert. 2009 übernahm er am Tag des Erdbebens in der Abruzzen-Stadt L' Aquila die Koordination des Krisenstabs. 2012 dann begann seine 30 Monate währende Mission zur Bergung der vor der Insel Giglio gesunkenen "Costa Concordia".

Gabrielli ist die Allzweckwaffe im Kampf gegen Tod und Verderben auf italienischem Boden.

Früher war der Papst gefährdet, heute die Gläubigen

Nun also das "Giubileo", das von Papst Franziskus im März kurzerhand angekündigte Heilige Jahr. Reuigen Sündern beschert es laut katholischer Lehre Ablass, den Sicherheitsverantwortlichen in Rom hingegen eine 347 Tage währende Nervenprobe. Koordiniert vom Präfekten tun nun Tausende Soldaten, Polizisten, Carabinieri und Finanzwächter zusätzlich zu den bereits in der Stadt stationierten Ordnungskräften Dienst im Anti-Terror-Kampf. Küstenwache und Luftwaffe sind in erhöhter Alarmbereitschaft. Für das Stadtgebiet Roms gilt ein Überflug-Verbot.

Seit dem letzten Giubileo im Jahr 2000, urteilt Enrico Marinelli, damals als Chef des Sicherheits-Inspektorats an der Seite von Johannes Paul II., sei es zu einer erheblichen Ausweitung der Kampfzone gekommen: "Zu jener Zeit war das potenzielle Anschlagsziel der Papst. Heute sind die Gläubigen im Visier, die an den Feierlichkeiten teilnehmen."

Gabrielli aber sagt, die Angst vor Anschlägen raube ihm nicht den Schlaf: "Ich weiß, dass es absolute Sicherheit nicht gibt; mein Auftrag ist es, den Einfluß des Schicksals so gering wie möglich zu halten; leider bin ich nicht Superman, sondern nur ein ehrlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn."

Das klingt bescheiden, aus dem Mund eines Spitzenbeamten, der bis vor Kurzem deutlich mehr verdiente als Italiens Staatspräsident. In Rom nennen sie Gabrielli respektvoll einen "culo di pietra", Steinarsch, weil er sich mit Zähigkeit, Ehrgeiz und analytischer Intelligenz jeder Herausforderung stellt. Von Premier Matteo Renzi persönlich hat er nun den Auftrag, dafür zu sorgen, dass nach der Expo 2015 auch das Heilige Jahr zum Erfolg wird; zu einem Beleg dafür, dass auf Italien Verlass ist.

Rom so schwach wie nie

Entlang der sechs Kilometer langen Via Papalis, dem Weg, den von alters her die Päpste gehen nach dem Konklave im Petersdom, wird klar, wie diffizil die Aufgabe der Anti-Terror-Trupps ist. Durch enge Altstadt-Gassen geht es da, hin zur von Mussolini geschaffenen Via dei Fori Imperiali mit Menschenmassen vor dem Colosseum und fliegenden Händlern aus Bangladesch. Dann geht es hügelaufwärts zur Basilika des Bischofs von Rom nach San Giovanni in Laterano, wo die Häupter von Petrus und Paulus aufbewahrt sind und nebenan unter den Augen schwerbewaffneter Bersaglieri die Gläubigen auf Knien die Heilige Treppe hinauf rutschen.

Der Pilgerstrom kommt über eine Stadt, die in ihren Grundfesten erschüttert ist. Über eine Stadt, in der sich gerade 46 Angeklagte vor Gericht verantworten müssen, weil sie offenkundig Teil eines tief wurzelnden Geflechts aus Politik und organisiertem Verbrechen waren; gleichzeitig ist Rom seit dem Rücktritt des Bürgermeisters und seiner Mannschaft Ende Oktober ohne gewählte politische Führung und wird kommissarisch durch einen Zwangsverwalter regiert.

Als "Erzengel Gabrielli" wird der Präfekt gerne von der Hauptstadtpresse verspottet. Wo er in diesen Tagen auch auftritt, ob bei einer Preisverleihung in den Abruzzen oder in Rom auf der hermetisch abgeriegelten Sicherheitskonferenz in der Höheren Polizeischule, überall versucht Gabrielli, die Gemüter zu beruhigen und zu erklären, dass Rom gerüstet ist fürs Heilige Jahr im Visier der Heiligen Krieger.

In seinem Amtszimmer aber sagt er offen: Er sei zwar zuversichtlich, "dass unsere Geheimdienste und die Polizei gute Arbeit in Sachen Vorbeugung geleistet haben". Aber man müsse sich dennoch Sorgen machen: "Die Bedrohung ist greifbar." Der Anschlag auf Italiens Konsulat in Kairo am 11. Juli dürfe als Warnung verstanden werden.

Aber nicht nur die Terroristen des "Islamischen Staats" seien eine Bedrohung für Papst und Pilger - für Gewalttaten kämen auch andere Verrückte in Frage, so Gabrielli. Er halte es mit der Devise: "Die Mutter des Schwachkopfs ist ständig schwanger."

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