Rom und die Dritte Welt Gottes Werk und Benedikts Beitrag

Papst Benedikt XVI. steht für eine Sexualethik, deren radikale Anwendung dazu führt, dass die Kirche häufig genau das Gegenteil dessen erreicht, was sie will - das Gottesgeschenk Leben schützen. In der Dritten Welt sterben Hunderttausende, auch weil katholische Priester Kondome verteufeln.

Von Sandra Fomferek und Alexander Schwabe


Aids-Infizierte in Afrika: "Die Lehre ist als definitiv und unabänderlich anzusehen"
AFP

Aids-Infizierte in Afrika: "Die Lehre ist als definitiv und unabänderlich anzusehen"

Hamburg - Kirchenkritiker werden in jüngster Zeit gerne damit mundtot gemacht, dass man ihnen vorhält, sie reduzierten den gesamten Glauben auf sexuelle Fragen. Doch das ändert nichts daran, dass in den ärmsten Ländern der Welt Millionen Menschen leiden und sterben, weil die römische Kurie starr an ihrer Lehre festhält, anstatt sich an der Lebenspraxis und -erfahrung zu orientieren. Daher muss daran erinnert werden, dass die Verurteilung künstlicher Empfängnisverhütung und das Verbot jeglicher Abtreibung - selbst nach Vergewaltigungen - genau das Gegenteil dessen bewirken, was die Kirchenfürsten für das Wichtigste erachten: den Schutz menschlichen Lebens.

Beispiel Sambia: Das unmoralische Verhalten der Jugendlichen wollte der sambische Erziehungsminister Andrew Mulenga nicht länger dulden. Ganz im Sinne der katholischen Kirche verbat der Politiker im März 2004 die Verteilung von Kondomen an Schulen. Und das, obwohl die Kampagne eigens vom sambischen Gesundheitsministerium ins Leben gerufen worden war. So sollten die Schüler frühzeitig auf die Gefahren durch Aids aufmerksam gemacht werden. Sambia gehört weltweit zu den Ländern, die am stärksten vom HI-Virus betroffen sind. Nach einem Bericht des Aids-Bekämpfungsprogramms Unaids der Vereinten Nationen, waren Ende 2003 rund 830.000 Sambier zwischen 15 und 49 Jahren mit Aids infiziert.

Ähnlich greift die Regierung auf den katholisch geprägten Philippinen durch: 2004 wurden dort staatliche Zuschüsse für die Verbreitung von Kondomen gestrichen. Stattdessen unterstützt der Staat beeinflusst von der Kirche Kampagnen gegen Kondome, die zur Enthaltsamkeit aufrufen. Ohne die Subventionen können sich Teile der Bevölkerung die Verhütungsmittel nicht mehr leisten. Unaids registriert bereits, dass die Wahrnehmung von Aids als Gefahr auf den Philippinen abgenommen hat und warnt vor dem Risiko einer Epidemie.

Die Aids-Problematik ist dem Vatikan bekannt - aber sinnvolle Mittel gegen die Ausbreitung des HI-Virus werden von den Zölibatären in Rom torpediert. Kondome sind des Teufels. Die katholische Kirche hält auch im Aids-Zeitalter die Tradition höher als eine wirklichkeitsnahe, dringend erforderliche Eindämmung der Pandemie.

Petersplatz in Rom: Aufruf zur Enthaltsamkeit
DPA

Petersplatz in Rom: Aufruf zur Enthaltsamkeit

Bis zur Enzyklika "Casti Connubii" von 1930 galt uneingeschränkt die Auffassung des Kirchenvaters Augustin: Jeder eheliche Akt muss auf Zeugung abzielen. Danach billigten die Päpste lediglich eine kalkulierte periodische Enthaltsamkeit als Form der natürlichen Familienplanung im Rahmen der Ehe.

Erst vor einem halben Jahr hat der Vatikan ein "Kompendium der Soziallehre der Kirche", auch "Sozialkatechismus" genannt, herausgegeben. Sechs Jahre arbeitete der "Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden" daran. In Sachen Empfängnisverhütung blieb alles beim Alten. Es gilt die Enzyklika "Humanae Vitae" aus dem Jahr 1968, die künstliche Empfängnisverhütung strikt verbietet.

"Eine in sich sündhafte Handlung"

Die theologische Begründung lieferte Kardinal Alfonso Lopez Trujillo, Präsident des "Päpstlichen Rates für die Familie", in einem 1997 von Johannes Paul II. in Auftrag gegebenen "Vademecum für Beichtväter". Darin schreibt er: "Die Kirche hat stets gelehrt, dass die Empfängnisverhütung, das heißt jeder vorsätzlich unfruchtbar gemachte Akt, eine in sich sündhafte Handlung ist. Diese Lehre ist als definitiv und unabänderlich anzusehen." Empfängnisverhütung verneine die Souveränität Gottes über die Weitergabe des menschlichen Lebens. Doch greift der Mensch auch in die Souveränität Gottes ein, wenn er die Weitergabe eines tödlichen Virus verhindern will? Wird er nicht auch dadurch schuldig, dass er etwas unterlässt?

Die nackte Realität jenseits kirchlicher Idealvorstellungen sieht so aus: Im Jahr 2004 waren laut Unaids 39,4 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus infiziert. Davon 25,4 Millionen allein in den Ländern südlich der Sahara. 1990 lag die durchschnittliche Lebenserwartung dort noch bei 62 Jahren, mittlerweile ist sie auf 48 Jahre gesunken.

Kondome: "Eine in sich sündhafte Handlung"
REUTERS

Kondome: "Eine in sich sündhafte Handlung"

Etwa die Hälfte der neu Infizierten ist zwischen 15 und 24 Jahre alt. Allein im Jahr 2004 starben rund 3,1 Millionen Menschen weltweit an der Immunschwäche, davon 2,3 Millionen in Südafrika. Gleichzeitig haben sich dort im Jahr 2004 3,1 Millionen Menschen mit Aids infiziert, weltweit waren es 4,9 Millionen. Besonders Frauen sind von der Krankheit betroffen: In der südlichen Region Afrikas sind 57 Prozent der Aids-Infizierten weiblich.

"Enthaltsamkeit, die sicherste Methode"

Der südafrikanische Bischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu war einer der ersten, der nach der Wahl Benedikt XVI. an die katholische Kirche appellierte, sich der Aids-Problematik endlich anzunehmen. Ob der Anglikaner in Rom gehört werden wird, darf bezweifelt werden, verfährt doch selbst die katholische Kirche Afrikas streng gemäß den Richtlinien aus dem Vatikan. Der herausragende Repräsentant der katholischen Kirche Afrikas, Kardinal Francis Arinze, jüngst noch einer der Favoriten auf den Stuhl Petri, verwies immer wieder darauf, Enthaltsamkeit sei die sicherste Methode gegen die besonders auf seinem Kontinent grassierende Seuche - dass diese Strategie nicht greift, belegen die Horrorzahlen.

Anfang des Jahres kam immerhin ein bisschen Bewegung in die festgefahrene Diskussion. Äußerungen aus der Spanischen Bischofskonferenz über den Einsatz von Kondomen als Mittel gegen Aids lösten heftige Debatten in der latein-amerikanischen Welt aus, wo inzwischen rund die Hälfte der mehr als eine Milliarde Katholiken lebt. Juan Antonio Martinez Camino, Generalsekretär und Sprecher der Bischofskonferenz, hatte nach einem Treffen mit Spaniens Gesundheitsministerin Elena Salgado erklärt: "Kondome haben bei der integralen und globalen Aids-Vorbeugung ihren Platz."

Kardinal Ratzinger: Treibende Kraft gegen Abtreibungsberatung
REUTERS

Kardinal Ratzinger: Treibende Kraft gegen Abtreibungsberatung

Doch Eintagsfliegen haben verglichen mit der Aussage Caminos ein langes Leben: Während Spaniens Medien die Äußerungen als Kehrtwende und als ein Abrücken von der rigiden Sexualethik des Vatikans begrüßten, gab die Bischofskonferenz umgehend eine Mitteilung heraus: "Die Benutzung von Kondomen beinhaltet ein unmoralisches Sexualverhalten. Es ist unmöglich, einer Nutzung zuzuraten, nicht einmal, um gegen Aids zu kämpfen."

Gottes Mühlen mahlen langsam. Immerhin wird im Vatikan bereits über die Frage nachgedacht, ob Kondome in der Ehe moralisch erlaubt sind, so sie eingesetzt werden, um den nicht infizierten Ehepartner vor einer tödlichen Ansteckung durch den Gatten zu schützen.

Die Ansichten dazu gehen weit auseinander. Der Moraltheologe Carlo Caffarra - inzwischen Erzbischof von Bologna - forderte 1989 auf einem Aids-Kongress im Vatikan, in einer Ehe solle die sexuelle Beziehung beendet werden, wenn einer der Partner infiziert sei. Der mexikanische Kurienkardinal Javier Lozano Barragan dagegen verwies auf das Recht der Notwehr: Eine Ehefrau dürfe von ihrem HIV-positiven Mann die Benutzung von Kondomen verlangen. Auch der belgische Kardinal Godfried Danneels sprach sich bereits für den Gebrauch von Kondomen in der Ehe aus, falls einer der Partner HIV-infiziert ist: "Sonst kommt zu einer Sünde, nämlich dem Verstoß gegen das sechste Gebot (Ehebruch, d. Red.), noch eine andere hinzu, ein Verstoß gegen das fünfte Gebot (Mord, d. Red.)".

68.000 Frauen sterben jährlich auf Grund illegaler Abtreibungen

Weltkindertag in Rom: Wider eine "Kultur des Todes"
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Weltkindertag in Rom: Wider eine "Kultur des Todes"

Auch auf einem anderen Gebiet der Sexualethik beharrt Rom auf seiner Lehre, auch wenn sie de facto der eigenen Intention zuwiderläuft. Weltweite Statistiken belegen, dass eine restriktive Abtreibungspolitik das Gegenteil dessen bewirkt, was sie verfolgt. Die liberalen Niederlande haben eine der geringsten Abtreibungsquoten in Europa, Polen dagegen, wo Abtreibung verboten ist, eine der höchsten.

Alice Schwarzer hat nach der Wahl Benedikts XVI. darauf hingewiesen, dass jährlich Zehntausende Frauen bei Abtreibungen sterben. Dies sei darauf zurückzuführen, dass diese unter illegalen Verhältnissen vorgenommen würden. Dadurch erhöhe sich das medizinische Risiko erheblich. Die katholische Kirche sei für dieses Elend direkt verantwortlich.

Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jährlich 68.000 Frauen an den Folgen von unprofessionellen Abtreibungen. Davon 30.000 in Afrika, 34.000 in Asien und 4000 in Lateinamerika. Pro Jahr werden laut WHO insgesamt 19 Millionen solcher riskanten Abtreibungen vorgenommen.

Schwarzer: "Vatikan ist direkt verantwortlich"
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Schwarzer: "Vatikan ist direkt verantwortlich"

Mehr als 200 Millionen Frauen vor allen in den Entwicklungsländern haben keinen Zugang zu Verhütungsmitteln, kritisiert die Uno. Knapp vier Milliarden US-Dollar würde es jährlich kosten, diesen Bedarf zu decken. Dadurch könnten pro Jahr 23 Millionen ungewollte Geburten, 2,2 Millionen Abtreibungen und 142.000 Todesfälle durch Komplikationen bei der Schwangerschaft und der Tod von 1,4 Millionen Säuglingen verhindert werden.

Die Sinnlosigkeit von Abtreibungsverboten zeigt auch das Beispiel Rumänien. Das Land hat eine der höchsten Abtreibungsraten Europas. Aus Unwissenheit und Mangel an Verhütungsmitteln wird ein Schwangerschaftsabbruch dort als alltägliche Methode der Familienplanung angesehen. 1966 ließ der damalige Staatsratsvorsitzende Nicolae Ceausescu Abtreibungen verbieten, mit dem Effekt, dass illegal abgetrieben wurde und sich die Zahl der dadurch verursachten Todesfälle etwa versiebenfachte. Als Abtreibung Ende 1990 wieder zugelassen wurde, nahm die Zahl signifikant ab.

Bei Abtreibung Exkommunikation

Nach katholischem Kirchenrecht wird eine Abtreibung mit der Exkommunikation geahndet. Die Strafandrohung richtet sich nicht nur gegen die Frau, sondern gegen alle, die an der Abtreibung durch physische (Arzt, Hebamme) oder moralische (Zwang, Zureden) Mitwirkung ursächlich beteiligt sind. Männer, die positiv an einer Abtreibung mitgewirkt haben, ziehen sich den Status der so genannten Irregularität zu. Sie können nicht mehr zum Priester geweiht werden. Bereits empfangene Weihen werden ungültig.

Der jetzige Papst bezeichnete als Kardinal einen Schwangerschaftsabbruch als schwere Sünde. Gesetze, die Abtreibungen legitimierten, entsprängen einer "Kultur des Todes". Er galt im Konflikt zwischen Papst Johannes Paul II. und der deutschen Bischofskonferenz als treibende Kraft, die Caritas aus dem staatlichen Beratungssystem zu nehmen.

Bevölkerungsexplosion ist Folge von Verarmung

Petersdom: Massenarmut bekämpfen statt Bevölkerungswachstum
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Petersdom: Massenarmut bekämpfen statt Bevölkerungswachstum

Neben der Aids-Prävention gelten empfängnisverhütende Maßnahmen auch als wirksames Mittel im Kampf gegen die Überbevölkerung. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung von heute 6,5 Milliarden auf 9,1 Milliarden im Jahr 2050 anwachsen. Das Wachstum findet fast ausschließlich in den Entwicklungsländern statt: In Ländern wie Uganda, Niger, Kongo und Afghanistan wird sich die Bevölkerung verdreifachen.

Der Vatikan sieht das schnelle Bevölkerungswachstum allerdings nicht als Ursache von Unterentwicklung, sondern als deren Folge. Je miserabler Menschen leben, desto stärker pflanzen sie sich fort. In Rom geht man davon aus, "dass es sinnvoller ist, die Massenarmut zu bekämpfen, um das Bevölkerungswachstum zu bremsen und sich - nicht umgekehrt - auf ein Absenken der Wachstumsrate der Bevölkerung zu beschränken, um die Armut zu besiegen".

Der Päpstliche Rat "Cor unum" schreibt in einem Dossier über den Hunger auf der Welt: "Die Bevölkerungsdichte - abgesehen von Extremfällen - bietet keine Erklärung für Hungersnöte." Für "Ungleichgewichte" seien Staat, Politiker und wirtschaftliche Verwaltung verantwortlich - hier freilich liegt die Kirche ganz nah an der Wirklichkeit.



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