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22. Dezember 2013, 14:32 Uhr

TV-Sender in Mazedonien

Mutmacher aus dem Roma-Slum

Aus Skopje berichtet

Shutka gilt als die wohl größte Roma-Siedlung der Welt - das Ghetto in Mazedonien ist ein bunter, schriller und oft trauriger Ort. Jobs gibt es kaum, Armut regiert. Doch ein kleiner TV-Sender strahlt Hoffnung aus.

Shutka/Skopje - Die "Energy Bend" macht ihrem Namen alle Ehre. Bässe wummern. Erol bläst fett in die Klarinette. Nicht ganz, er pumpt nur die Backen auf, und Samco trommelt mit den Sticks ins Leere. Kein Schlagzeug da. Dennis und Ferdy haben ihre Keyboards abgeschaltet. Ramko bewegt nur die Lippen, Umer hat seine Gitarre ausgestöpselt. Ihr Song kommt vom Band. Aber eines muss man den Energy Boys lassen: So heftig jammen kaum andere Musiker beim Playback.

Nach dem letzten Akkord knistert es aus den Boxen. Kameramann Koki Sirhan nickt kurz. Ein weiterer Clip in der unendlich langen Liste von Songs, die im Sutel-Studio aufgenommen wurden.

Sutel, das ist ein Roma-Fernsehsender, der täglich aus dem kleinen Universum von Shutka in die Weite Mazedoniens und des Internets funkt. Sutel ist die Stimme von Shutka. Der Stadtteil von Skopje ist vermutlich die weltgrößte Roma-Siedlung, aber auf alle Fälle ein eigener, ziemlich bunter, gelegentlich schriller und manchmal ein sehr trauriger Planet. Viele der Bewohner würden ihn gerne verlassen, träumen von einem besseren Leben in EU-Europa. Es soll sogar eine Art "Reisebüro" geben, das seine Kunden als Asylbewerber nach Deutschland bringt. Munkelt man.

Sicher ist das Resultat: Am Ende würde die Abschiebung aus dem Zielland stehen. Roma wurden in ihrer Geschichte selten willkommen geheißen.

Verlässliche Zahlen über das Stadtviertel sind nur begrenzt vorhanden. Die Einwohnerzahl kann nur grob geschätzt werden: 22.000. Vielleicht weniger, wahrscheinlich viel, viel mehr. Doch was sind schon Daten im Universum von Shutka.

Musik ist der Puls des Viertels

Das Studio von Sutel ist ein riesiger Keller, eine Art Halle, in der in jeder Ecke ein anderer Hintergrund aufgebaut ist. Hier spielen die Bands, hier bekommt Tag für Tag Shutka seinen Beat. Blues, Jazz, Rock oder Pop - in Shutka ist alles erlaubt, was sich gut anhört.

Musik, das ist der Puls des Viertels. Schräg vor den leuchtenden Eisblumen steht ein quietschgelbes Pult. Hier präsentiert Jonatan Dimovski sein Programm "Nova Generacija". Das Jugendprogramm kommt ziemlich bunt daher, die Themen sind aber durchaus ernst: die Jugend-Arbeitslosigkeit, der wachsende Rassismus in Europa. Denn Sutel ist nicht nur Musikkanal mit gelegentlichen Bauchtanzeinlagen, die Handvoll Fernsehmacher wollen auch guten Journalismus liefern.

Als 2001 ein Bürgerkrieg zwischen Slawen und Albanern drohte, da sahen viele in Mazedonien die Nachrichtensendung von Sutel als eine der wenigen neutralen Quellen an. Für die Sutel-Macher ein Ritterschlag. Im Vielvölkerstaat Mazedonien haben Roma eine schwache Lobby, von Slawen und Albanern kennen sie oft eines: Vorurteile, die seit Jahrhunderten wenig Gutes bewirken.

Sutel setzt vor allem auf Zuschauernähe, es gibt jede Menge Direktschaltungen von Anrufern in die Beiträge. Wer die Clips von Formationen wie der "Energy Bend" und Co. schaut, bekommt gleichzeitig den neusten Klatsch geliefert. Bilder von Hochzeiten oder Taufen laufen in gewöhnungsbedürftigen Wendungen und Drehungen über den Bildschirm. Umgerechnet 1,20 Euro kostet es Frischvermählte und Eltern, ihre Hochzeits- oder Babyfotos bei Sutel zu präsentieren. Das macht mehr Sinn als eine Zeitungsannonce, denn Shutka hat eine hohe Analphabetenquote.

Shutka ist ein Synonym für bittere Armut

Der Moderator hat Feierabend und schnappt sich seine Jacke; es geht zur Hauptader von Shutka, der Ulica Suto Orizari. Hier stehen die besseren Häuser des Viertels. Links und rechts parken Veteranen des Straßenverkehrs aus den achtziger und neunziger Jahren. Zerbeulte Daimler und Audi mit oft unglaublichem Tachostand. Dort ist der Markt, der große Schnäppchenbasar, der auch Slawen und Albaner aus den anderen Stadtvierteln anlockt. Unterhose, Hose und Pulli für insgesamt weniger als zehn Euro, die chemische Industrie macht's möglich.

Hier gibt es die meisten auf CD gebrannten Hits der heimischen Musiker. "In Shutka kenne ich allein mehr als 20 richtig gute Bands", sagt Jonatan, als er sich die Neuerscheinungen zeigen lässt. Auf einem Tisch liegen Hunderte von CDs und DVDs. "Die Scheiben werden aber nur von Roma gekauft", meint der Verkäufer traurig.

Kein Wunder, slawische Mazedonier lassen sich in Shutka nur selten blicken. Es gilt als Ghetto. Abseits der Hauptstraße gleicht Shutka einem Slum, wie man ihn in Europa kaum vermuten würde. Verschläge aus Sperrholz, Brettern und Wellblech reihen sich aneinander. Abfall türmt sich auf. Hier wohnt man nicht, hier haust man nur. Ein Junge kurvt auf pinkfarbenen Rollerblades an den Müllhaufen vorbei. Shutka ist ein Synonym für bittere Armut.

Ein TV-Sender als Mutmacher

Mazedonien ächzt unter einer Arbeitslosigkeit von fast 30 Prozent. Die Quote kann in Shutka getrost mal zwei multipliziert werden. Die Menschen in Shutka waren die ersten, die die Weltwirtschaftskrise zu spüren bekamen. Sie sind die letzten, die heute auf einen geregelten Job hoffen können.

Jonatan hat es in "Nova Generacija" oft gesagt: "Lernt, macht eine Ausbildung." Aber dazu braucht es erst eine Chance. Eine Perspektive, dass es damit auch einen Job gibt. Das weiß der Journalist nur zu gut. Daran kann er mit seinen Programmen nichts ändern.

Mut machen, das wollen sie alle bei Sutel. Mit Musikern, die selbst in die windschiefsten Verschläge noch Lebenslust bringen. Und damit, dass sie den Menschen in Shutka eine Stimme geben.

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