US-Wahlkampf Romneys Flucht nach vorn

100 Prozent, das ist die neue Sprachregelung: Krampfhaft beteuert Mitt Romney, dass ihm alle Amerikaner am Herzen lägen. Doch seine abfälligen Worte über Obamas Wähler kann er nicht mehr einfangen - das PR-Debakel ist perfekt. In neuen Umfragen fällt er zurück.

Von , New York


Mitt Romney wirkt, als habe er den Tag in der Sonne verbracht. Gebräunt, frisch, erholt: So sieht keiner aus, der sich große Sorgen macht.

Kein Wunder - der Empfang ist diesmal mehr als freundlich. Die Zuschauer, viele davon handverlesene Parteigänger, springen auf: "Rom-ney! Rom-ney! Rom-ney!" Der tut ganz überrascht: "Wie schön, euch zu sehen!" Jovial eilt er auf seine Gastgeber zu, die TV-Moderatoren María Elena Salinas und Jorge Ramos: "Jorge! Wie geht's, mein Freund?"

Mittwochabend in Miami: Mitt Romney, nach einer spektakulären Pannenserie schwer angezählter Präsidentschaftskandidat, schlägt zurück. Der spanische Sender Univision hat ihn zum Web-Forum mit Latinos geladen. Es ist einer der wichtigsten - und für ihn schwierigsten - Wählerblöcke. Die vier US-Staaten mit dem höchsten Latino-Anteil sind allesamt unentschlossene "Swing States", von denen Romney wenigstens einen erobern muss. Hoher Einsatz, akute Themen: Minderheiten, Einwanderung, Arbeitslosigkeit.

Doch natürlich geht es in Miami zunächst um etwas anderes. Ramos' erste Frage zielt auf das, wovon seit Montag die ganze Nation spricht: das womöglich karrierekillende Geheimvideo, in dem Romney über jene "47 Prozent" der Amerikaner herzieht, die - wie er hinter vermeintlich verschlossenen Türen vor reichen Parteispendern dozierte - keine Einkommensteuern zahlten, nur jammerten und dem Staat auf der Tasche lägen.

"Bereuen Sie das?", fragt Ramos.

Romney grinst gequält, greift die Vorlage aber dankbar auf: "Dies ist ein Wahlkampf um die 100 Prozent." 100 Prozent: Das ist seine neue Sprachregelung, gleich viermal sagt er das, damit es auch keiner überhört. "Mein Wahlkampf geht um 100 Prozent Amerikas."

Es ist sein erster größerer öffentlicher Auftritt seit dem Videofiasko. Nach einer hastigen und wenig hilfreichen Pressekonferenz hat sich Romney zwei Tage lang verkrochen, hat sich nur zu einem Interview mit dem parteinahen Sender Fox News sehen lassen - der das Debakel als "Gewinn für Romney" sieht - und zu "privaten" Auftritten vor wohlgesonnenen Finanziers. Doch um die Univision-Einladung kommt er nicht herum, da hatte er schon lange zugesagt.

"Ich brauche Ihre Stimme"

Also tritt er die Flucht nach vorne an, will sich nicht geschlagen geben. Im Gegenteil: Kämpferisch und offenbar unbeirrbar zieht Romney alle Register, um den Image-Schaden zu begrenzen. "Ich will, dass Sie zu Hause und hier im Publikum wissen, dass ich mich um Amerika sorge", beschwört er. "Ich brauche Ihre Stimme."

Stimmt: In Umfragen bekommt Romney derzeit nur 30 Prozent der Latino-Stimmen, halb so viele wie Präsident Barack Obama. Das wird nicht reichen. Vor allem jetzt nicht. Mit seinen abschätzigen Kommentaren über ärmere Amerikaner hat es sich Romney offenbar bei vielen Landsleuten verscherzt: Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos sehen 43 Prozent der Befragten Romney weniger positiv als zuvor.

Fast 60 Prozent der Befragten beurteilen Romneys Äußerungen als unfaire Herabsetzung eines großen Teils der Amerikaner. In einer Erhebung der Nachrichtenagentur Reuters konnte Obama seinen Vorsprung gegen Romney am Mittwoch gegenüber dem Vortag um einen Punkt auf fünf Prozent ausbauen. Demnach würden 48 Prozent der Befragten für Obama stimmen, wenn jetzt Wahlen wären. Romney käme auf 43 Prozent.

Der Republikaner befindet sich im freien Fall - landesweit, in "Swing States" und selbst in sicher geglaubten Staaten. Ein Parteifreund nach dem anderen distanziert sich, aus Angst um die eigenen Wahlchancen.

"Wenn Romney nicht besser wird, könnte uns das den Senat kosten", warnt ein Top-Stratege im Polit-Magazin "The Hill". Der ideologische Vordenker William Kristol nennt Romneys Worte "arrogant und dumm". Die Kolumnistin Peggy Noonan - Ex-Ghostwriterin von Ronald Reagan - fordert eine "Intervention", um Romneys "inkompetenten" Wahlkampf doch noch zu retten. Berater Mark McKinnon wütet: "Wie kann man einen Kandidaten mit einer solchen Vision des Landes nur unterstützen?"

Selbst Romneys Gattin Ann, als sympathisches Sprachrohr vorgeschoben, hilft wenig. Sichtlich erschöpft versucht sie ihn in einem Interview mit dem TV-Lokalsender FOX31 in Denver in Schutz zu nehmen. "Verachtet er die Armen?", fragt der Moderator frech. "Absolut nicht, absolut nicht!" Ob ihr das noch Spaß mache? "Aber ja, ich habe Spaß!" Romneys Team tilgt den Clip schnell wieder von seiner Website.

Die Comedians haben ihre Freude. Jon Stewart ("Daily Show") macht sich über "Romney 9.0" lustig und vergleicht ihn mit "Mr. Burns", dem bösen Boss aus der Fernsehserie "Die Simpsons". TV-Talker David Letterman - der am Dienstag Obama zu Gast hatte - mokiert sich über Romneys Behauptung, er, Letterman, hasse Romney: "Mehr denn je sind er und seine entzückende Frau, Mrs. Mitt, in unserer Show willkommen."

Doch noch ist nicht alles verloren. "Jeder Wahlkampf hat seine dummen Momente, die die Medien aufbauschen", schreibt Karl Rove, der Republikaner-Stratege, im "Wall Street Journal". "Präsidentenrennen können heute so aussehen und am Wahltag dann ganz anders."

Schon schlagen die Republikaner zurück: Flugs verbreiten sie ein altes Tonband, auf dem sich Obama für "Umverteilung" ausspricht - ein Reizwort für die Rechten. Dass die Aufnahme von 1998 stammt, scheint sie nicht zu stören.

Obama und Romney treffen in drei TV-Debatten aufeinander

Auch hoffen sie, den geheimen Mitschnitt der Romney-Tirade - der dem Magazin "Mother Jones" ausgerechnet über Jimmy Carters Enkel Jimmy Carter IV. zugespielt wurde - vielleicht irgendwie dem Obama-Team direkt in die Schuhe schieben zu können: "Obamas Watergate?", fragt der konservative "Newsweek"-Kolumnist David Frum.

In der Tat kann in den nächsten knapp sieben Wochen noch viel passieren. Da sind vor allem die drei großen Fernsehdebatten zwischen Obama und Romney, die erste am 3. Oktober.

Wie wohl sich Romney in diesem Umfeld fühlt, zeigt er in Miami: Konzentriert pariert er Fragen, meidet Details, überspielt mit seinem Grinsen selbst Fehler wie den, vor dem Latino-Publikum von "illegal aliens" zu reden - eine abfällige Tabubezeichnung für illegale Einwanderer. "Obama wird bei den Debatten alle Hände voll zu tun haben", prophezeit der Autor und Polit-Analyst Jonathan Alter anschließend.

Obama ist schon an diesem Donnerstag dran, beim zweiten Teil des Univision-Forums. Von Miami fliegt er dann gleich nach Tampa weiter, um in der Privatresidenz einer Immobilienerbin vor zahlenden Gästen um mehr Spenden zu buhlen. Diese Schlacht ist längst nicht zu Ende.

Mit Material von Reuters



insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
herr_kowalski 20.09.2012
1. ja, so gehts einem wenn
Zitat von sysopAFP100 Prozent, das ist die neue Sprachregelung: Krampfhaft beteuert Mitt Romney, dass ihm alle Amerikaner am Herzen lägen. Doch seine abfälligen Worte über Obamas Wähler kann er nicht mehr einfangen - das PR-Debakel ist perfekt. In neuen Umfragen fällt er zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856879,00.html
die Goschn schneller ist als das Hirn. Vielleicht ist Obama ja nicht nur das kleinere Übel. Die schweren Zeiten für die USA kommen erst noch.
spon_2019382 20.09.2012
2. Romney schaft es!
da wird sich SPOL aber wundern, wenn trotz aller negativen Berichterstattung Mitt Romny zum Präsidenten der USA gewählt wird. Die Redaktion sollte mal anfangen die positiven Seiten und die Erfolge von Romny herauszustellen.
spon-1203191786232 20.09.2012
3. Wer glaubt denn
Zitat von sysopAFP100 Prozent, das ist die neue Sprachregelung: Krampfhaft beteuert Mitt Romney, dass ihm alle Amerikaner am Herzen lägen. Doch seine abfälligen Worte über Obamas Wähler kann er nicht mehr einfangen - das PR-Debakel ist perfekt. In neuen Umfragen fällt er zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856879,00.html
jetzt noch Romney würde sich irgendeinen Deut um die Armen der USA scheren. Das hat er nie getan und das wird er nie tun. Hat dieser Schnösel, der mit dem glodenen Löffel im Mund geboren ist, den jemals überhaupt mit Armen gesprochen? Ich kann mir das nicht vorstellen, auuser mit drei Worten: "you are fired".
Simax 20.09.2012
4. Katastrophe abwenden !
Zitat von herr_kowalskidie Goschn schneller ist als das Hirn. Vielleicht ist Obama ja nicht nur das kleinere Übel. Die schweren Zeiten für die USA kommen erst noch.
Die Bush Jahre haben die USA tief genug in die Scheiße geritten - Romney und Co wären nur eine Fortsetzung dieser absoluten Katastrophe. Insofern kann man über diese Wahlkampfeskapaden ja sehr froh sein.
steve_burnside 20.09.2012
5. Diese Schlacht ist längst nicht zu Ende ?
Doch, diese Schlacht ist do gut wie zu Ende. Auch in den TV-Debatten wird Obama vorne liegen, da er der bessere Redner ist. Romney tut immer erst reden und dann denken.
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