Tory-Kandidat Stewart Der gute Brite

Rory Stewart hat Afghanistan durchwandert, Menschenrechte verteidigt, William und Harry weitergebildet. Jetzt will er britischer Premier werden. Aber vermutlich ist er dafür zu seriös und zu höflich.

Andy Rain/ EPA-EFE/ REX

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Ein Zirkuszelt. Das hatte noch gefehlt. Nach all den clownesken Einlagen und seltsamen Verrenkungen, mit denen Großbritanniens Möchtegern-Anführer zuletzt ihr Publikum unterhielten, nach all den billigen Zaubertricks, nach all dem Jonglieren mit falschen Zahlen hat nun also einer der Bewerber gleich ein ganzes Zirkuszelt gemietet.

Es steht am Südufer der Themse, gleich neben dem höchsten Riesenrad Europas, ist mit rotem Samt ausgekleidet und am Dienstagabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Lounge-Musik tönt aus den Lautsprechern, einige Urgesteine der britischen Politik sitzen in der ersten Reihe, daneben steht "Mr. Stop Brexit", der mit seinem EU-blauen Umhang längst zur Londoner Touristenattraktion geworden ist. Er filmt die Show per Smartphone. Die Erwartungen sind hoch.

Glaube an "Realismus und Klugheit"

Der hagere Mann aber, der schließlich die Bühne betritt, hat weder Kaninchen noch gezinkte Spielkarten dabei. Er trägt keinen Zylinder. Er hat sich nicht die Haare gerauft und das Hemd halb aus der Hose gezogen, um irgendwie komisch zu wirken. Er steht einfach nur da und spricht leise und unaufgeregt über ein Land, das seine Mitte verloren hat, in dem Märchenerzähler als Heilsbringer gefeiert werden und das auf dem Weg ist, sein verbliebenes politisches Kapital auf katastrophale Weise zu verspielen.

Dann sagt er: "Ich glaube nicht an So-tun-als-ob, ich glaube nicht daran, Geld zu versprechen, das wir nicht haben - ich glaube an Realismus und Klugheit." Es ist ein Satz, wie man ihn von einem britischen Konservativen schon lange nicht mehr gehört hat.

Der Mann, der ihn an diesem Dienstag gelassen ausspricht, heißt Rory Stewart. Er ist außerhalb Großbritanniens, ja sogar in weiten Teilen des Vereinigten Königreichs selbst, nicht übermäßig bekannt. Er hat, wenn man Londons Buchmachern glauben darf, praktisch keine Chance, das derzeit stattfindende Rennen um die Nachfolge von Premierministerin Theresa May zu gewinnen.

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Kandidaten der Konservativen: Wer wird Premierminister?

Und dennoch lohnt ein genauerer Blick auf Roderick James Nugent Stewart, den mit Abstand ungewöhnlichsten Bewerber ums höchste Regierungsamt, den dieses Land seit Langem hatte. Der 46-Jährige vertritt einen aufgeklärten, modernen Konservatismus, den es im Königreich durchaus noch gibt, was aber kaum jemand wahrnimmt, weil die Tory-Partei längst in die Hände von selbstbesoffenen Spielern und Scharlatanen gefallen ist.

"Schreckliche Zeiten"

Rory Stewart, geboren in Hongkong, aufgewachsen in Malaysia und Schottland, ist seit 2010 Mitglied des britischen Unterhauses. Im Mai wurde er von Theresa May zum Entwicklungshilfeminister ernannt, seither konnte man ihn ein ums andere Mal dabei beobachten, wie er in der ersten Reihe leidenschaftlich das Brexit-Abkommen verteidigte, das seine Chefin mit Vertretern der Europäischen Union verhandelt hatte.

Stewart tat das, obwohl er glühender Anhänger der britischen EU-Mitgliedschaft war und ist. Als einer der wenigen Spitzenpolitiker jedoch akzeptierte er die schlichte Tatsache, dass seine Landsleute im Juni 2016 mit 52 zu 48 Prozent denkbar knapp für einen EU-Austritt gestimmt hatten. Während sich das britische Volk und seine Vertreter seither in immer sturere EU-Feinde und -Freunde spaltete, sah Stewart den einzig möglichen Ausweg in einem für beide Seiten gesichtswahrenden Kompromiss: einem Austritt mit enger Anbindung an die EU. Dafür wurde er von beiden Seiten als Verräter angefeindet.

Großbritannien befände sich in "schrecklichen Zeiten", sagt Stewart, der im persönlichen Gespräch höflich und aufmerksam wirkt und - ungewöhnlich für einen Politiker - tatsächlich auf die Fragen antwortet, die man gestellt hat. Dass er dennoch ausgerechnet jetzt das Ruder übernehmen will, erklärt er so: "Ich bin Diplomat, ich habe meinen Lebensunterhalt mit Verhandeln verdient."

Stewart traut sich den Brexit zu

Tatsächlich ist niemand im zehnköpfigen konservativen Kandidatenfeld krisenerprobter als Rory Stewart. Der polyglotte Schotte hat als ranghoher Vertreter des britischen Außenministeriums unter anderem in Osttimor, auf dem Balkan und im Irak gedient. Für eine Menschenrechtsorganisation arbeitete er in Afghanistan, das er bei der Gelegenheit in einem 32-tägigen Solomarsch durchwanderte. Eine Erfahrung, die er Jahre später an der schottisch-englischen Grenze, seinem Wahlkreis, wiederholte. Die Bücher, die er darüber schrieb, wurden internationale Bestseller.

Seit neun Jahren tänzelt der frühere Tutor der Prinzen William und Harry leichtfüßig durchs Minenfeld von Westminister. Und als seine Frau zwischendurch in den Wehen lag, aber weit und breit kein Arzt in Sicht war, betätigte er sich mal eben als Geburtshelfer. Kein Wunder, dass Stewart sich sogar den Brexit zutraut.

Als May vor einigen Wochen zur Aufgabe gezwungen wurde, zögerte Stewart daher nicht lange und ging ins Rennen - was in seinem Fall wörtlich zu verstehen ist. Zu Fuß bereiste er seither Brexit-Britannien und verwickelte verdutzte Passanten in Gespräche, um herauszufinden, was sie eigentlich von den weit entfernten Politikern in London erwarten. Wacklige Videos zeugen davon, wie Stewart Moscheen besucht, Landwirte ausfragt und mit Afghanen auch mal in deren Sprache Dari parliert. Die Clips haben sich längst zu Rennern im Netz entwickelt.

Unter jungen Wählern genießt Stewart - der anders als andere Konservative gebildet, aber nicht eingebildet wirkt - Sympathiewerte wie keiner seiner Konkurrenten. Am Dienstag versprach er seinen Zuhörern im Zirkuszelt, dass er sein Land wieder "serious" machen möchte, was man mit ernsthaft, aber auch ernstzunehmend übersetzen kann. Aber davor will er erst mal "durch jeden einzelnen Wahlkreis laufen und zuhören".

Schlechte Chancen

Die Chancen jedoch, dass er das jemals als Premierminister tun wird, stehen schlecht. Zu sehr sind zahllose Briten, vor allem konservative Briten, inzwischen den simplen Heilsversprechen von politischen Hallodris wie Boris Johnson erlegen. Der lancierte seine Kampagne am Mittwoch mit der üblichen inhaltsleeren Grandezza, aber danach sprach kaum noch jemand in London über Rory Stewart.

Wie sehr das System aus den Fugen geraten ist, machte im Mai eine YouGov-Umfrage unter jenen konservativen Parteimitgliedern deutlich, die in Kürze den neuen britischen Premierminister küren werden. Wenig verwunderlich lag Johnson schon damals weit vor all seinen Konkurrenten. Als die Meinungsforscher auch nach Eigenschaften der Kandidaten fragten, zeigte sich jedoch Verblüffendes: Während 32 Prozent der Befragten den Gentleman Stewart "sympathisch" fanden, sagten das 77 Prozent über den vielfach überführten Serienlügner, Aufwiegler und politischen Opportunisten Johnson. In Sachen Kompetenz ging der Vergleich mit 61 zu 27 für Johnson aus.

Ganz offensichtlich gehört Rory Stewart mit seiner Sehnsucht nach Klugheit und Realismus eher zu einer aussterbenden Minderheit.

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jochenbergerhoff 12.06.2019
1. Langfristige Nebenwirkungen
Das ist dann wohl die langfristige Nebenwirkung einer verfehlten Bildungspolitik. Ich war 1982 für ein Jahr Austauschschüler in England. Das Bildungsniveau war erschreckend niedrig, aber jeder Schüler war davon überzeugt, dass das britische Schulsystem weltweit das Beste ist. Mehrheitlich "dumme" Bürger wählen mehrheitlich "dumme Politiker". Traurig, aber so ist Demokratie.
Mal was Anderes 12.06.2019
2. Jemand mit Kompetenz
und der Bereitschaft zuzuhören und nachzudenken hat in der politischen Landschaft heutzutage leider so gut wie keine Chance. Der Zeitgeist erfordert offenbar die Absenz jeglicher Ratio, dafür eine große Klappe und möglichst plakative, wenn auch unwahre Marktschreiereien, wie die jüngere Entwicklung in zahlreichen Staaten zu belegen scheint. Ich freue mich, sollten die Briten mich eines Besseren bekehren. Aber: Um wirklich ernst genommen zu werden, muss man nach drei Jahren Lügen, Stümperhaftigkeit und Borniertheit auch ernsthaft die Möglichkeit eines neuen Referendums in Betracht ziehen. Das hat nichts mit "Wählen lassen, bis das Ergebnis stimmt" zu tun, vielmehr wäre dies Ausdruck des Respekts vor und der Wertschätzung für die Wähler als mündige Bürger, die selbstverständlich das Recht haben, aufgrund neuer Informationen ihre Meinung zu überdenken. Zum Einen gäbe es ohne diese Grundbedingung keinen Fortschritt, in keinem Bereich, zum Anderen ist dies die Basis unserer Wahlsysteme: Genau darum wird ja alle paar Jahre neu gewählt...
Sonnestrandundmeer 13.06.2019
3. Demokratie
Zitat von jochenbergerhoffDas ist dann wohl die langfristige Nebenwirkung einer verfehlten Bildungspolitik. Ich war 1982 für ein Jahr Austauschschüler in England. Das Bildungsniveau war erschreckend niedrig, aber jeder Schüler war davon überzeugt, dass das britische Schulsystem weltweit das Beste ist. Mehrheitlich "dumme" Bürger wählen mehrheitlich "dumme Politiker". Traurig, aber so ist Demokratie.
Das darf so nicht unwidersprochen stehen bleiben, denn dann müsste man die Demokratie abschaffen und durch eine Diktatur ersetzen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass eine Demokratie die besseren Ergebnisse für die Menschen hervorbringt. Die Politiker stehen miteinander im Wettbewerb. Falls sich "dumme Politiker" zur Wahl stellen, können schlaue Politiker als Gegenkandidaten antreten und Aufklärungsarbeit leisten und die Wähler vom Richtigen überzeugen. Man darf die Wähler nicht für dumm halten. Sie wählen denjenigen, der für sie am besten ist. Wenn zum Beispiel die Mehrheit der Bürger in Großbritannien das Gefühl hat, von der EU gegängelt zu werden, dann ist dieses Gefühl nun einmal real vorhanden. Die EU könnte versuchen, Politik für die Menschen in Großbritannien zu machen UND ihnen diese erklären. Aktuell vermittelt sie jedoch den Eindruck, dass es nur um eine Rangelei um Posten in der Europäischen Kommission geht. Auch einsame Hinterzimmerentscheidungen aus Brüssel oder Urteile des Europäischen Gerichtshof - wenn sie den Menschen nicht erklärt werden - bringen diese gegen die EU auf. Dann nur auf die "dummen Bürger" zu schimpfen löst das Problem nicht. Den Punkt, dass eine gute Bildung eine wichtige Grundlage für Demokratie ist, teile ich uneingeschränkt.
var 13.06.2019
4. Kompetent?
Boris Johnson und kompetent? Uh, auf die Idee wär ich jetzt nie gekommen. Ob seine Sympathiewerte daher kommen, dass er Kohle macht ohne Ende? Gerüchtehalber hat er schon ne Viertel-Milliarde Euro. Vielleicht kommt es auch daher, dass man über Boris redet, und das in einem Beitrag über Rory Stewart? (Ja, ich auch.) Schade, dass so bodenständige Politiker wie Steward keine Chance haben gegen solche Schaumschläger.
droid84 13.06.2019
5.
Zitat von SonnestrandundmeerDas darf so nicht unwidersprochen stehen bleiben, denn dann müsste man die Demokratie abschaffen und durch eine Diktatur ersetzen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass eine Demokratie die besseren Ergebnisse für die Menschen hervorbringt. Die Politiker stehen miteinander im Wettbewerb. Falls sich "dumme Politiker" zur Wahl stellen, können schlaue Politiker als Gegenkandidaten antreten und Aufklärungsarbeit leisten und die Wähler vom Richtigen überzeugen. Man darf die Wähler nicht für dumm halten. Sie wählen denjenigen, der für sie am besten ist. Wenn zum Beispiel die Mehrheit der Bürger in Großbritannien das Gefühl hat, von der EU gegängelt zu werden, dann ist dieses Gefühl nun einmal real vorhanden. Die EU könnte versuchen, Politik für die Menschen in Großbritannien zu machen UND ihnen diese erklären. Aktuell vermittelt sie jedoch den Eindruck, dass es nur um eine Rangelei um Posten in der Europäischen Kommission geht. Auch einsame Hinterzimmerentscheidungen aus Brüssel oder Urteile des Europäischen Gerichtshof - wenn sie den Menschen nicht erklärt werden - bringen diese gegen die EU auf. Dann nur auf die "dummen Bürger" zu schimpfen löst das Problem nicht. Den Punkt, dass eine gute Bildung eine wichtige Grundlage für Demokratie ist, teile ich uneingeschränkt.
Vielen Dank für diesen Beitrag. Mir geht dieses ewige 'die Briten sind alle doof' ungemein auf den Senkel. Ich habe das Gefühl das diese Arroganz auch auf Beleidigtsein basiert, dass ein anderes Land Mut zeigt. Ich bin gegen den Brexit aber der ganze Prozess ist auch lebendige Demokratie mit all den positiven und negativen Begleiterscheinungen.
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