Rote-Khmer-Tribunal Der kühle Exekutor fühlt keine Schuld

Ein kleines Rädchen - so sieht sich der Angeklagte beim ersten Rote-Khmer-Prozess. Freimütig berichtet Folterchef Kaing Guek Eav alias Duch, wie er sein blutrünstiges Handwerk von CIA und KGB gelernt hat. Er beruft sich auf Befehlsnotstand: "Ich war meinen Oberen ergeben wie dein deutscher Schäferhund."

Von Erich Follath


Phnom Penh - Dass es ihm leid tue, hat der oberste Folterer der Roten Khmer bisher zweimal gesagt - einmal, als sie ihn vor einigen Monaten zum Lokaltermin auf die Killing Fields führten, wo er die Gruben sah, in die er vor gut 30 Jahren seine Opfer nach dem Schlag gegen den Nacken hineinstoßen ließ, und an den "Todesbaum", gegen den sie damals die Babys schleuderten, weil sie sich die Hiebe mit der Axt und die Todeskugeln sparen wollten. Dann entschuldigte sich Kaing Guek Eav alias Duch, 68, nochmals am ersten Tag der Gerichtsverhandlung Anfang März: "Ich bedauere meine Taten."

Jetzt ist es ihm aber offenbar auch genug mit dem Mea culpa.

Folterchef Kaing Guek Eav alias Duch vor Gericht: Kühl bis ans Herz
REUTERS

Folterchef Kaing Guek Eav alias Duch vor Gericht: Kühl bis ans Herz

Der Angeklagte wirkt in diesen Tagen, da der Prozess vor dem Tribunal von Phnom Penh auf seine Entscheidung zusteuert, wieder kühl bis ans Herz. Berechnend, wie er sein ganzes Leben lang war, ein Musterstudent, Zweiter bei den landesweiten Prüfungen seines Jahrgangs im Rechnen, später ein Mathematiklehrer par excellence, bevor er in den Untergrund ging. So einer weiß, wie man eine Kostennutzenrechnung aufmacht, wie eine Gleichung funktioniert.

Duch setzt vor Gericht auf Befehlsnotstand. Er leugnet nicht seine Zuständigkeit für Folter und Totschlag - aber er geriert sich als hilfloses Rädchen in einem großen Getriebe. "Ich war als Lagerkommandant ein Instrument in den Händen der Parteiführung, ich war meinen Oberen so treu ergeben wie ein deutscher Schäferhund", sagt er am Tag 13 seines Prozesses. Und zufrieden nickt Francois Roux, sein französischer Anwalt, mit dem die Strategie offensichtlich abgesprochen ist. Roux gilt als Experte für schwierige Fälle; zuletzt hat er den mutmaßlichen 9/11-Terroristen Zacarias Moussaoui verteidigt.

"Ich erhielt Befehle, die Partei intern zu säubern. Das Böse frisst eben das Böse", darf der Kommandant des ehemaligen Lagers S-21 schwadronieren, von dessen etwa 14.000 Insassen nicht vielmehr als eine Handvoll mit dem Leben davon kamen. Einige dieser Überlebenden werden in den nächsten Wochen gegen Duch aussagen; Zeugen aus einem früheren Lager, das der kühle Exekutor leitete, haben ihn schon sadistischer Morde beschuldigt.

Wo hat er sein Folterhandwerk gelernt? Auch auf diese Frage der Staatsanwaltschaft gibt Duch bereitwillig Antwort - und schiebt die Hauptschuld wieder auf andere. Auf seinen Vorgesetzten Son Sen, auf die Praktiken der französischen Kolonialpolizei. "Ich habe auch Bücher über spezielle Verhörtechniken gelesen", sagt der Angeklagte. Vom KGB kenne er ein "sehr nützliches" Handbuch, vor allem aber aufschlussreich sei "das Werk des CIA-Direktors Allen Dulles mit dem Titel: The Craft of Intelligence. (Die Kunst des Geheimen)." Leider habe er den von seinen Rote-Khmer-Bossen übersandten Werken nicht immer ganz folgen können, "wegen sprachlicher Probleme".

Atemlos verfolgen kambodschanische Zuschauer das Geschehen des Prozesses 001 /ECCC in den "Außerordentlichen Kammern" von Phnom Penh. Das Tribunal, mit dem die Geschichte des Genozids aufgearbeitet werden soll, ist ein Zwitter, teils kambodschanisch, teils multinational organisiert. Richter, Staatsanwälte, Verteidiger - alles ist doppelt besetzt mit Einheimischen und mit von der Uno bestallten Ausländern, den Löwenanteil der Tribunal-Kosten (sie belaufen sich jetzt schon auf über 150 Millionen Dollar) stellt die internationale Gemeinschaft.

Probleme machen die Kambodschaner: Immer wieder ist von Vetternwirtschaft die Rede, die bei Gericht angestellten Khmer sollen von ihren Gehältern einen erheblichen Prozentsatz an bestechliche lokale Politiker abgeben müssen. Die Regierung Hun Sen bestreitet diese Vorwürfe. Aber Kambodscha gilt auch unabhängigen Beobachtern wie Transparency International als einer der korruptesten Staaten der Welt.

Der Premier und einige seiner Minister haben eine Khmer-Rouge-Vergangenheit als mittlere Kader, wie sehr sie wirklich an einer gründlichen Aufarbeitung des Schreckensregimes interessiert sind, bleibt fraglich. Die Autoritäten wollen auf jeden Fall verhindern, dass über die jetzt neben Duch inhaftierten vier Spitzen-Kader hinaus noch mehr politisch Verantwortliche von damals angeklagt werden - es würde die Gesellschaft zerreißen, behaupten sie. Die internationalen Juristen und auch die meisten Kambodschaner sehen das anders und wollen sich dem Diktat Hun Sens in dieser Frage nicht beugen: eine Machtprobe.

Das Urteil gegen Duch, der es nie bis in die Ränge des Zentralkomitees der Partei geschafft hat, dürfte noch im Sommer fallen; sollte es, wie erwartet, auf lebenslänglich lauten, könnte der Chef-Folterer der Roten Khmer nach 15 Jahren freikommen. Ein psychiatrisches Gutachten des Gerichts, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, hält verblüffenderweise eine Wieder-Integration des mutmaßlichen Massenmörders in die Gesellschaft für möglich.

Ob dann unmittelbar nach dem Ende des Duch-Verfahrens auch gleich die wichtigeren, die "politischen" Prozesse beginnen, ist keinesfalls sicher. Die ehemalige Nummer zwei des Regimes Nuon Chea, der Ex-Staatspräsident Khieu Samphan sowie die Ex-Minister Ieng Sary und Ieng Thirith haben brillante Anwälte, die versuchen werden, die Beweisaufnahme zu verzögern oder die Schuldfrage zu vernebeln.

Auch der fragile Gesundheitszustand der Angeklagten, alle Ende 70 oder Anfang 80, könnte den Strafverfolgern einen Strich durch die Rechnung machen. Bliebe es aber nur bei dem Prozess gegen Duch, gegen eine hierarchisch zweitrangige Figur, wäre das Völkerrechtsgericht grandios gescheitert, die geschichtliche Aufarbeitung zur Farce degradiert.

In Kambodscha wird derzeit nicht nur lebhaft das Für und Wider des Tribunals diskutiert - in den Brennpunkt rücken jetzt auch die ehemaligen Rote-Khmer-Apologeten aus dem Westen, die dem Folter-Regime den Rücken stärkten. Wie steht's um die Ausländer, die vor gut 30 Jahren durch das ansonsten so streng von der Außenwelt abgeschirmte Kambodscha Pol Pots reisen durften und das Land mit seinem angeblich so hoffnungsvollen "Modellcharakter" begeistert beklatschten?



insgesamt 18 Beiträge
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Klaus S., 03.05.2009
1. Ausser Spesen nichts gewesen.
Warum muss man 150 millionen ausgeben um einen Prozess zu fuehren? Warum findet der Prozess erst jetzt statt? Die Nazi Prozesse wurden dagegen im Schnellverfahren durchgeuehrt (Was richtig war!!). Das ganze ist eine Farce des Westens um der Welt zu zeigen das sie etwas unternehmen. Warum haben sie in den 70er Jahren nichts unternommen? Viele Fragen und es wird keine Antworten geben. Besser man haette das Geld fuer direkte Hilfe fuer die Opfer Familien eingesetzt. So ist das halt. Von den 150 millionen geht ein grossteil an die Auslaender damit sie gemuetlich anreisen koennen und gut untergebracht sind und 50% in die Korruption. Das ist das Gleiche wie bei den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen die immer nur grosse Autos fahren und sich Nachts in den Hotel Bars und anderen Bars rumtreiben. Ich glaube mir ein Urteil erlauben zu koennen, da ich Cambodia sehr oft bereise.Wenn alles vorbei ist kann man sagen "Ausser Spesen nichts gewesen".
ThFuegner 03.05.2009
2. Die einzige Verdrängung..?
Es wird nicht nur in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen. Die Verbrechen der Braunen werden uns allenthalben vor Augen geführt. Und das ist richtig und gut so. Das darf und soll sich nie wiederholen. Und die Verbrechen der "Roten"? Es sind nicht nur die Roten Khmer und Vietcong, die Verbrechen in der Sowjetunion unter Stalin (Gulag) forderten etwa 20 Millionen Opfer, Maos Revolution kostet etwa 80 Millionen Menschen das Leben. Im Kampf der roten Ideologie sterben noch heute Menschen unter dem "Leuchtenden Pfad", die SED- Nachfolgepartei versucht die Verbrechen der Stasi und Mauertoten zu banalisieren,.. Selbst die Krawalle Tausender verfassungsfeindlicher Linksautonomer werden mehr als Banale Mai- Rituale zur Kenntnis genommen, (Körting) während sich bei Ansammlungen von ein paar Hunderten Rechter ein Sturm der Entrüstung erhebt und man die Demokratie in Gefahr sieht.
Sveto 03.05.2009
3. Kbw
War das nicht die Jugendliebe unserer famosen Ulla Schmidt? Da wundert einen allerdings nichts mehr - sie will ja auch nur heute nur glauben, was in ihr ideologisch verbohrtes Weltbild passt (und schiebt das vorhersehbare Scheitern ihres perversen "Gesundheitsfonds" (ein schönes Beispiel für "Neusprech" im Sinne Orwells) jetzt flugs auf die Wirtschaftskrise). Schon irgendwie lustig: Wer in seiner Jugend auch nur einmal die "erste Strophe" gesungen hat, der kann in der deutschen Politik nie mehr etwas werden, aber der Kotau vor linken Massenmördern u.ä. wirkt sogar karrierefördernd (siehe etwa Joschka Fischers Auftritt auf dem PLO-Kongress 1969 in Algier oder Daniel Cohn-Bendits mehr als nur zweifelhafte Ergüsse in "Der grosse Basar" (1975), dort inbesondere Seiten 139 bis 147). .
RobbiTobbi, 03.05.2009
4. So fern, so nah
---Zitat von sysop--- "Ich war meinen Oberen ergeben wie ein deutscher Schäferhund". ---Zitatende--- Herr Duch irrt. Ein deutscher Schäferhund hat Charakter. Vielleicht meint er einfach "deutsch"? Und denkt an Joscha Schmierer, damals einer der KBW Oberfuzzies ("Zentralkommitee") und während der Massemnorde zu Besuch bei der Bruderpartei in Kampuchea? Mit der erstaunlichen Karriere 20 Jahre später ins Aussenministerium wechseln zu dürfen. Ins deutsche Aussenministerium, als Angestellter von Joschka Fischer. Was hat ihn qualifiziert? Meiner Meinung nach dasselbe, was einem Kiesinger eine Ohrfeige einbrachte. Politische und menschliche Blindheit.
Papa_Oystein 03.05.2009
5. weil...
Zitat von Klaus S.Warum muss man 150 millionen ausgeben um einen Prozess zu fuehren? Warum findet der Prozess erst jetzt statt? Die Nazi Prozesse wurden dagegen im Schnellverfahren durchgeuehrt (Was richtig war!!). Das ganze ist eine Farce des Westens um der Welt zu zeigen das sie etwas unternehmen. Warum haben sie in den 70er Jahren nichts unternommen? Viele Fragen und es wird keine Antworten geben. Besser man haette das Geld fuer direkte Hilfe fuer die Opfer Familien eingesetzt. So ist das halt. Von den 150 millionen geht ein grossteil an die Auslaender damit sie gemuetlich anreisen koennen und gut untergebracht sind und 50% in die Korruption. Das ist das Gleiche wie bei den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen die immer nur grosse Autos fahren und sich Nachts in den Hotel Bars und anderen Bars rumtreiben. Ich glaube mir ein Urteil erlauben zu koennen, da ich Cambodia sehr oft bereise.Wenn alles vorbei ist kann man sagen "Ausser Spesen nichts gewesen".
Warum? Ist doch offensichtlich: Weil man der Täter nicht habhaft werden konnte. Der Westen hatte schlicht keinen Zugriff auf Kambodscha in den 70ern, nachdem die USA das Land bombardiert, den Krieg aber verloren hatten (es mangelt im Westen viel mehr an der Aufarbeitung der völkerrechtswidrigen Massentötungen seitens der USA). Deutschland war 1945 komplett erobert und hatte kapituliert - die faktische Voraussetzung für eine schnelle juristische Aufarbeitung von Staatsverbrechen. Nein, beides ist nötig; die Herstellung des Rechtsfriedens ist sogar noch nötiger, und noch schwieriger, soe ist aber Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft und damit für die Heilung oder wenigstens Kompensierung der Wunden.
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