"Rote Linie" um Bagdad Angst vor Chemiewaffen der Iraker

Noch haben die Alliierten bei ihrem Vormarsch im Irak keine Massenvernichtungswaffen des Gegners gefunden. Aber dennoch spukt diese Gefahr in den Köpfen der Generäle. Angeblich planen die Iraker den Einsatz chemischer Waffen, wenn Amerikaner und Briten eine imaginäre "rote Linie" um Bagdad überschreiten.



Bagdad - Saddam Hussein habe seine Elitetruppe Republikanische Garde ermächtigt, chemische Waffen einzusetzen, wenn es keine anderen Mittel zur Verteidigung der Hauptstadt gebe, behaupten mehrere amerikanische und britische Medien, die sich auf Berichte von Geheimdiensten berufen. Es existiere eine imaginäre "rote Linie" auf dem Stadtplan von Bagdad. Wenn die Alliierten diese überschritten, sollten die Elitetruppen von Saddam einen Angriff mit Chemie-Waffen führen dürfen, heißt es weiter.

Propaganda oder berechtigte Angst? Vor den irakischen Massenvernichtungswaffen warnte auch US-Außenminister Colin Powell, allerdings in noch spektakulärerer Variante: es gebe Hinweise darauf, dass Saddam Hussein Iraker mit Chemiewaffen umbringen und den alliierten Truppen dann die Schuld geben wolle. Solche "Überlegungen" würden derzeit anscheinend in der irakischen Führung angestellt, sagte Powell in einem Interview mit dem britischen Nachrichtensender Sky News.

Powell unterstrich, dass es sich um keine Spekulationen handele: "Wir haben Berichte, und es gibt einige Beweise für diese Berichte." In den amerikanischen und britischen Medien kursieren Berichte, wonach Schiiten angeblich mit Giftgas getötet und dann in irakische Uniformen gesteckt werden sollen. Damit wolle die irakische Regierung dann den Eindruck erwecken, dass die Alliierten feindliche Soldaten "vergast" hätten.

Nach Angaben von Generalmajor Stanley McChrystal haben die Alliierten bei ihrem Feldzug bisher keine irakischen Massenvernichtungsmittel gefunden. Man gehe jedoch Hinweisen nach, die man von gefangen genommenen Irakern und aus gefundenen Dokumenten bekommen habe.

Bagdads Flughafen unter Beschuss

Auf ihrem Marsch nach Bagdad wollen die von den USA geführten Bodentruppen nach Angaben aus britischen Verteidigungskreisen noch im Laufe des Dienstags erste Stellungen außerhalb der irakischen Hauptstadt beziehen. In einem nächsten Schritt würden die Stellungen dann gefestigt, hieß es.

Die Alliierten setzten unterdessen ihre Bombenangriffe auf Bagdad fort. Dabei wurde erstmals auch der internationale Flughafen unter Beschuss genommen, meldete der US-Nachrichtensender CNN. Die alliierten Bodentruppen sollen laut einem BBC-Reporter, der die Truppen begleitet, bis auf 90 Kilometer auf die Hauptstadt vorgerückt sein. Die Iraker dementierten dies.

US-Kampfflugzeuge werden laut CNN bei ihren Attacken zunehmend zur Unterstützung der Bodentruppen eingesetzt, die sich erste Gefechte mit der Medina-Division, eine der härtesten Truppen der Garden, liefern. Zuvor hatte die US-Luftwaffe fast ausschließlich ausgewählte Bodenziele bombardiert.

Die Bodentruppen werden auch von "Apache"- Kampfhubschraubern unterstützt, die von den Irakern mit Maschinengewehren beschossen wurden. 30 von 32 "Apache"-Hubschraubern der USA wurden dabei getroffen. Ein Helikopter ging in einem Feld nieder, die zweiköpfige Besatzung wurde gefangen genommen und später im irakischen Fernsehen präsentiert. Die beiden Piloten, die im irakischen Fernsehen gezeigt wurden, wirkten verwirrt. Sie sagten nichts und drehten den Kopf weg, wenn die Kamera auf sie einschwenkte.

Aus Angst, dass die Iraker in Besitz der Technologie kommen könnten, versuchten die Amerikaner, die Hubschrauber durch Raketenbeschuss selbst zu vernichten. Die Apache-Hubschrauber waren bei ihren Einsätzen angeblich auch nicht sehr erfolgreich, nur zehn bis 15 irakische Schützenpanzer seien zerstört worden. Die Amerikaner denken deshalb darüber nach, ihre Taktik zu ändern.

Blutige Kämpfe in Kerbela

Auch das Wetter dürfte den Vormarsch der Alliierten beeinträchtigen. Der Korrespondent des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira berichtete, dass in den kommenden zwei bis drei Tagen in Bagdad mit Sandstürmen gerechnet werden muss. Darauf habe bereits der starke Wind am Abend hingedeutet.

Blutige Kämpfe wurden aus der Nähe von Kerbela, 80 Kilometer südlich von Bagdad, gemeldet. Dort seien mehr als 100 Iraker getötet worden, teilten US-Kommandeure mit. Die ganze Nacht über hätten bei Kerbela schwere Artilleriegefechte getobt, berichtete der Reporter der Nachrichtenagentur AP, Chris Tomlinson. Bei einem Angriff von Kämpfern der irakischen al-Kuds-Miliz auf einen US-Konvoi seien US-Offizieren zufolge zwei Geländefahrzeuge zerstört worden. Die amerikanische Einheit habe das Feuer erwidert. Bei Kerbela stehen die vordersten Kräfte des alliierten Invasionsheers auf dem Weg nach Bagdad.

Die US-Streitkräfte bombardierten auch weiterhin Ziele im Nordirak. Dies berichtete ein CNN-Reporter, der mit den Truppen unterwegs ist, aus Chamchamal, etwa 40 Kilometer von der strategisch wichtigen Öl-Stadt Kirkuk entfernt. Er habe im Laufe des Vormittags etwa zehn Bombeneinschläge aus Richtung Kirkuk gehört, sagte der Korrespondent. Bislang gebe es seiner Einschätzung nach noch keine eigentliche Nordfront, da praktisch nur aus der Luft angegriffen werde. Auch Mossul wurde wieder aus der Luft angegriffen.

Mehr als 1500 US-Angriffe am Montag

Am Montag flog die US-Luftwaffe nach eigenen Angaben mehr als 1500 Angriffe auf den Irak. Das Pentagon bezeichnete die abgeworfenen Bomben und Raketen als Präzisionswaffen, die zumeist von Lasern, Radargeräten, Satelliten und Videokameras gesteuert würden. Damit solle die Zivilbevölkerung weitgehend geschützt werden. Nach irakischen Angaben wurden bei den Bombardierungen jedoch allein am Sonntag 58 Einwohner getötet und 469 verletzt. Diese Angaben konnten nicht von unabhängiger Seite bestätigt werden.

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