Rotlicht-Skandal Wie Carl Gustaf das Vertrauen der Schweden verspielt 

Der Auftritt in der Talkshow sollte der Befreiungsschlag sein: Schwedens König bekam Gelegenheit, alle Rotlicht-Gerüchte zu entkräften. Aber vergeblich - viele Bürger glauben Carl Gustaf nicht mehr. Sie debattieren längst über das Ende der Monarchie. Nur eine Nachricht könnte sie noch erweichen.

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Berlin - Mehr als achtzig Antworten hat Schwedens König Carl XVI. Gustaf am Montagabend der Nachrichtenagentur TTT gegeben. Es war ein historisches Interview. Denn der Monarch sprach nicht etwa über die Zukunft seines Landes oder über die Rolle des Königshauses. Stattdessen ging es um angebliche Kontakte des schwedischen Staatsoberhauptes ins Rotlicht-Milieu, um angebliche Besuche von Strip-Clubs.

Der Monarch stritt alle Vorwürfe gegen ihn ab - wirkte aber wenig souverän, verwirrte mit erstaunlichen Formulierungen. Es sei Definitionssache, was man mit Strip- oder Sexclub meine, erklärte er etwa. Falls Carl Gustaf geglaubt hatte, mit seiner Interviewoffensive endgültig Ruhe in die Affäre um ihn zu bringen - es ist ihm gründlich misslungen.

Seit Monaten steht der König unter Druck. Die umstrittene Biografie "Der widerwillige Monarch", die im vergangenen Herbst erschien, schildert wilde Partys und Affären des Königs mit jungen Frauen. Vor kurzem dann berichtete der schwedische Fernsehsender TV4 von Bildern, die den König in einem Strip-Club zeigen sollen. Die Fotos will der ehemalige Nachtclubbesitzer Mille Markovic in seinem Besitz haben, der gleichzeitig enthüllte, dass ein enger Freund des Monarchen große Geldsummen geboten habe, um die Veröffentlichung von kompromittierenden Fotoszu verhindern. Kurz nach dem Interview kündigte Markovic die baldige Veröffentlichung der Fotos an. Der König sagte jetzt der TTT, es könne keine solchen Fotos von ihm geben.

Viele Schweden glauben dem Monarchen nicht

Aber viele glauben ihm nicht mehr: Zwei Tage nach dem Interview verlangen Kommentatoren großer schwedischer Zeitungen die Abdankung Carl Gustavfs, der seit 1973 schwedischer König ist. Politiker schalten sich in die Debatte ein. Die Geduld der Schweden mit ihrem König scheint aufgebraucht: In der tausendjährigen Geschichte des Könighauses habe ein neues Kapitel begonnen, meint der schwedische Historiker Herman Lindqvist. Der Anfang des Endes der Monarchie sei eingeleitet.

Das Interview habe wenig Klarheit gebracht, sagt der Vorsitzende des Verfassungsausschuss im schwedischen Parlament. Die Sozialdemokraten kündigten an, im Herbst einen Antrag einzureichen, wonach künftig eine bessere Kontrolle des Könighauses möglich sein soll. Es soll etwa offengelegt werden, wofür der Hof die jährliche Apanage verwendet, wohin die Steuergelder fließen.

Ungewöhnlich deutliche Reaktionen kommen aus der schwedischen Presse. Unter der Überschrift "Die Monarchie schwankt" schreibt die liberale "Dagens Nyheter": Nach dem Interview habe der König auf dramatische Weise seinen Einsatz in dem Drama erhöht. Indem er ausführlich jegliche kompromittierenden Vorwürfe gegen sich abgestritten habe, verpfände er die Glaubwürdigkeit als Staatsoberhaupt. Das sei eine extrem riskante Strategie für den Fall, dass es nun neue Belege gebe, die bewiesen, dass die Wahrheit eine andere sei. "Dagens Nyheter" zeigt sich entsetzt. Es sei unbegreiflich, dass der König sein Vertrauenskapital beim Volk, auf dem seine Macht basiere, nicht besser pflege.

Der Schwiegersohn soll das Königshaus retten

Die Tageszeitung "Aftonbladet" geht noch weiter. Die politische Chefredakteurin des Blattes, Karin Pettersson, fordert den Monarchen in einem Leitartikel zum Abdanken auf: "Die Situation zeigt die Brüchigkeit unserer Staatsform, wie absurd es ist, dass weder Kompetenz, noch die Legitimierung durch das Volk eine Rolle spielen". Es sei notwendig und gut, dass es jetzt eine Debatte um die Zukunft der Monarchie gebe. Der König müsse nun einsehen, dass er gehen müsse.

Wenn es das nächste Mal eine nationale Tragödie gebe wie den Brand in einer Disco in Göteborg vor 13 Jahren etwa oder den Tsunami mit vielen toten schwedischen Staatsbürgern, dann habe das Volk einen Staatschef verdient, der nicht mit seinen Gedanken in Strip-Clubs oder bei serbischen Porno-Web-Seiten sei. Premier Reinfeldt müsse nun für eine größere Transparenz bezüglich der Amtsführung des Königs sorgen - es müsse eine demokratische Kontrolle geben.

Die dänische Zeitung "Jyllandsposten" präsentiert einen ungewöhnlichen Weg aus der Krise. "Der Schwiegersohn könnte das schwedische Königshaus retten", titelt die Onlineseite der Zeitung. Denn Kronprinzessin Victoria soll angeblich schwanger sein. Mit königlichem Nachwuchs könnten die Eskapaden des Monarchen schnell vergessen sein. Ähnlich sieht es die schwedische Politologin Cecilia Åse: "Sollte morgen eine Pressemitteilung vom Hof kommen, in der steht, dass Victoria ein Kind erwartet, dann würde sich die Situation sofort und grundlegend ändern", so Åse in der "Süddeutschen Zeitung".

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