Ruanda Laienrichter urteilen über Völkermord

Die Gefängnisse sind überfüllt. Gerichte und ausgebildete Juristen fehlen. Elf Jahre nach dem Völkermord in Ruanda setzt die Regierung auf Dorfgerichte, um die Aufarbeitung des Genozids zu beschleunigen. Heute begannen die ersten Prozesse.


Häftling in Ruanda (Archivbild): Dorfgerichte sollen nach dem Völkermord Verdächtigen den Prozess machen
REUTERS

Häftling in Ruanda (Archivbild): Dorfgerichte sollen nach dem Völkermord Verdächtigen den Prozess machen

Kigali - Drei Jahre lang haben die Nachbarschaftsgerichte ermittelt, heute begannen 118 der so genannten Gacaca-Prozesse. Als Gacaca wird in ruandischen Gemeinden eine Wiese bezeichnet, wo sich die Dorfältesten zur Beratung über Streitfragen versammeln. Jetzt soll mit dieser Gerichtsform Zehntausenden Hutus der Prozess gemacht werden. Insgesamt sind 63.000 Verdächtige der Beteiligung am Völkermord angeklagt.

Rund 12.000 Dorfgerichte sollen bis Anfang nächsten Jahres gebildet werden. Die ruandische Regierung hofft, so die juristische Aufarbeitung des Genozids von 1994 drastisch zu beschleunigen. Damals waren innerhalb von 100 Tagen etwa 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutus in Ruanda umgebracht worden.

Binnen sieben Jahren sollen alle Prozesse abgeschlossen sein. Die ordentlichen Gerichte des Landes würden dafür theoretisch 100 Jahre brauchen. Für jedes Gericht wurden jeweils neun Dorfbewohner zu Richtern ausgebildet. Sie können als Höchststrafe lebenslange Haft verhängen. 80 Prozent der Verdächtigen, die vor ein Nachbarschaftsgericht gestellt würden, hätten bereits gestanden und um Vergebung gebeten, sagte der Generalsekretär im Justizministerium Johnston Busingye. Die Drahtzieher des Genozids werden nicht den Laienrichtern vorgeführt, sondern vor ein Uno-Gericht im Nachbarland Tansania gestellt.

Die Dorfgerichte sind umstritten: Überlebende befürchten langsame Verfahren und nachsichtige Urteile. Menschenrechtsorganisationen haben kritisiert, dass die Gerichte nicht den internationalen Standards für Strafverfahren genügen. Sie fürchten, dass Angeklagte keine fairen Prozesse zu erwarten haben und viele Zeugen aus Angst vor Repressalien auf ihre Aussagen verzichten.

Die Regierung hofft dagegen, dass die Dorfgerichte auch zur Versöhnung beitragen, indem sie Täter und Opfer zusammenbringen. Deshalb habe das ganze Land auf diese letzte Phase der Gacaca-Verfahren gewartet, sagte Busingye.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.