Russlands Rubel-Krise Kein Grund zur Schadenfreude

Gerade waren die Russen noch euphorisiert vom Anschluss der Krim, jetzt stürzt der Rubel ab. Kein Grund zur Schadenfreude: Die Krise könnte die Nachbarländer destabilisieren - und ein Sturz Putins würde für noch mehr Probleme sorgen.
Putin: Seinem Image hat die Krise kaum geschadet

Putin: Seinem Image hat die Krise kaum geschadet

Foto: Alexei Nikolsky/ AP/dpa

Das US-Magazin "Forbes" hat Wladimir Putin zum mächtigsten Politiker der Welt gewählt - aber schon 2013: vor der Krim-Annexion, vor dem Krieg in der Ostukraine - vor diesem verrückten Jahr 2014, in dem sich der Kreml offenbar vorgenommen hat, die Welt in Atem zu halten.

Am Ende dieses Jahres zeigt sich aber auch, dass die Stärke geliehen war. Rund drei Billionen Dollar hat der Öl-Boom Russland während Putins Regentschaft eingebracht. Das Geld wirkte wie eine Droge: Der Kreml brauchte immer mehr davon.

Der Verfall des Ölpreises lässt jetzt die Luft raus aus der russischen Euphorie: Die Zentralbank rechnet im kommenden Jahr mit einer Rezession, die Wirtschaft könnte um 4,5 Prozent schrumpfen.

Das Durchschnittseinkommen der Russen lag zuletzt bei rund 33.000 Rubel pro Monat, vor Kurzem waren das noch umgerechnet 800 Euro. Inzwischen ist es nur noch die Hälfte wert. Der Rubel stürzt ab und wird bei den Russen - eben noch berauscht von der Krim-Euphorie - für große Löcher in den Portemonnaies sorgen.

Schadenfreude ist allerdings fehl am Platz. Man würde zwar vermuten, dass die Russen die Schuld für den Absturz beim Verursacher suchen, bei ihrem Präsidenten also. Denn Putin schlug einen Konfrontationskurs gegenüber dem Westen ein und tat in den 15 Jahren an der Macht nichts, um die Abhängigkeit der russischen Wirtschaft vom Öl zu reduzieren.

Aber in Russland gelten andere Gesetze. Deshalb ist nicht ausgemacht, dass sich der Zorn der Volkes zwangsläufig gegen den Staatschef richtet. Die russische Geschichte kennt dafür viele Beispiele: Der Zar ist immer gut, Schuld ist sein wahlweise unfähiger oder böswilliger Hofstaat.

Putin hat bereits von dieser Einstellung profitiert: So grollt zwar praktisch jeder Russe der Regierungspartei "Einiges Russland", die im Volksmund verschrien ist als "Partei der Gauner und Diebe". Putins Image aber hat das kaum geschadet - obwohl er die Partei selbst aus der Taufe gehoben hat.

Die Rubel-Krise birgt viele Unwägbarkeiten. Der Absturz der Währung befeuert den schwelenden Machtkampf in der Führung: Die Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina gehört zur Gruppe der Reformer, die nicht nur wirtschaftsliberal denken, sondern Russlands Zukunft an der Seite des Westens sehen. Die Hardliner fordern ihre Ablösung. Ganz Moskau spekuliert zudem, dass die Krise auch Premier Dmitrij Medwedew zu Fall bringen könnte, ebenfalls ein Liberaler.

Ein Zusammenbruch der russischen Wirtschaft könnte viele Nachbarländer ins Chaos stürzen. Denn Millionen Gastarbeiter aus den ehemaligen Teilrepubliken der Sowjetunion verdienen ihr Geld in Russland. In Tadschikistan machen Überweisungen von Gastarbeitern aus Russland in die Heimat rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus, in Kirgisien sind es 31 Prozent. Auch in Moldau, das mit einem Assoziierungsabkommen Kurs auf die EU genommen hat, sind es immerhin noch 20 Prozent. Die Russland-Krise sendet bereits jetzt Schockwellen aus in die Nachbarländer: In Georgien und Armenien geraten die nationalen Währungen unter Druck.

Im Donbass-Konflikt scheint das Schwächeln der Wirtschaft immerhin zu mehr Kompromissbereitschaft in Moskau zu führen. Der Kreml rückt von seiner Forderung nach einer Föderalisierung der Ukraine ab.

Mittelfristig könnte die Russland-Krise aber eher zu mehr als zu weniger Spannungen führen. Auf die bislang schwerste Krise - die Massendemonstrationen in Moskau nach den manipulierten Duma-Wahlen 2011 - antwortete die Führung ja auch nicht mit Reformen, sondern mit einer Welle autoritärer Maßnahmen. Sollte der Kreml durch die Rubel-Krise innenpolitisch unter Druck geraten, könnte er mit noch mehr Repression antworten.

Selbst wenn Putin über die Wirtschaftsprobleme über kurz oder lang fallen sollte: Die Probleme Russlands und die Schwierigkeiten, die das Land dem Westen bereitet, werden nicht verschwinden. Im Gegenteil: Selbst scharfe Kritiker des Wirtschaftskurses des Kreml in russischen Investmentbanken warnen vor einem Sturz Putins. "Dann werden die Radikalen das Machtvakuum füllen", sagt ein Top-Banker. Und fügt die Frage an, ob der Westen darauf wirklich hoffen wolle.

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