Rudolph Giuliani Der Präsident von New York

Rudolph Giuliani könnte derzeit problemlos US-Präsident werden - so sehr schätzen ihn die Amerikaner. Der einst als unbarmherzig und niederträchtig verschriene New Yorker Bürgermeister wächst in der Krise über sich hinaus.


Der erste Mann in New York: Rudolph Giuliani (r.)
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Der erste Mann in New York: Rudolph Giuliani (r.)

New York - Rudolph Giuliani hat ein weiteres Wunder vollbracht. Der stolze Monsieur Jacques Chirac spricht plötzlich Englisch. "Ich möchte Ihnen die Bewunderung aller Franzosen überbringen", sagt Frankreichs Präsident in einem grammatikalischen Kauderwelsch. "For this efficiency, clever and full of heart." In Frankreich sei Giuliani ein "Bürgermeisterheld", das heiße übersetzt so viel wie "Rudy the Rock".

Die kuriosen Worte Chiracs vom Mittwoch sind der jüngste Beweis dafür, wie sich die öffentliche Wahrnehmung in der vergangenen Woche verändert hat. Der einst unbeherrschte, kampflustige Giuliani, dessen Name vor allem für die "Null Toleranz"-Politik stand, ist plötzlich der Tröster der Nation. Der oberste Trümmermann. Der heimliche Präsident der Vereinigten Staaten.

Von der ersten Stunde an mittendrin

Das neue Image formte sich unmittelbar nach der Attacke auf das World Trade Center. Während Präsident George W. Bush den Tag aus Sicherheitsgründen über den Wolken verbrachte, stand Giuliani mit beiden Beinen im Schutt und gab eine erste Pressekonferenz. Er fand die Worte, die die Menschen hören wollten. New York werde es den Terroristen zeigen, versprach er. Man werde durchhalten. "Er wurde zum Symbol dafür, dass New York nicht zerstört worden war", kommentierte die "New York Post".

Von der ersten Stunde an war Giuliani mittendrin. Unmittelbar nachdem das erste Flugzeug eingeschlagen war, eilte er an den Ort des Geschehens. Während er nach einer funktionierenden Telefonleitung suchte, stürzte der erste Turm ein. Die Fassade des Gebäudes, in dem er sich aufhielt, fiel ebenfalls in sich zusammen. Giuliani musste durch den Keller fliehen. Zurück auf der Straße, stürzte der zweite Turm ein. Der Bürgermeister rannte vor der herannahenden Staubwolke um sein Leben. Er schlug sein vorläufiges Kommandozentrum in einer Feuerwehrwache an der Houston Street auf, später dann weiter nördlich in Midtown.

Er trifft immer den richtigen Ton

Das weiße Haar und die verstaubten Schuhe unterstrichen eindrucksvoll, wer an diesem Tag der Commander-in-Chief war. "Rudy eroberte die Straßen von New York für uns zurück", kommentierte die "Arizona Republic".

Seitdem hat Giuliani eine Pressekonferenz nach der anderen gegeben. Immer trifft er den richtigen Ton, eine Balance zwischen Betroffenheit und Aufmunterung. Er redet über die U-Bahn, die Fähren, die Brücken. Bereits am Mittwoch forderte er die New Yorker auf, abends wieder auszugehen. "Zeigt, dass ihr keine Angst habt." Mehrmals am Tag tritt er an das Rednerpult, um die neuesten Zahlen zu den Vermissten bekannt zu geben.

Giuliani ist in diesen Tagen überall. Er bittet Investmentbanker, in der Stadt zu bleiben. Er geht zu Beerdigungen. Er tagt mit dem Krisenstab. Er tröstet die Menschen auf der Straße. Er eröffnet die Börse. Er ruft zur Toleranz gegenüber Arabern auf. Und immer wieder besucht er den "Ground Zero" und redet mit den Helfern. Der Baseballkappen-Fan trägt in diesen Tagen nicht das Logo der New York Yankees, sondern die Buchstaben FDNY und NYPD. Bei keinem öffentlichen Auftritt vergisst Giuliani, den "Helden" der Polizei und der Feuerwehr zu danken.

"Rudy, Rudy"

Wenn Giuliani spricht, unterbricht CNN sein Programm und schaltet live zu ihm. Die Zeitungen im Land überschlagen sich mit Lobeshymnen. "Rudy, im Namen der Nation, danke", schreibt die "Arizona Republic". "Du warst da, als wir dich am meisten brauchten." Als George W. Bush vergangenen Freitag nach New York kam, hielt Giuliani sich im Hintergrund. Doch wo immer sie gemeinsam auftauchten, riefen die Menschen: "Rudy, Rudy!"

Dabei war Giuliani noch am Tag vor der Katastrophe der umstrittenste Mann der Stadt. Der öffentlich ausgetragene Ehekrieg mit Frau Donna Hanover hatte seine Popularität auf 50 Prozent sinken lassen. Die Sympathie, die ihm nach der Bekanntgabe seiner Prostata-Krebserkrankung vergangenes Jahr entgegengeschlagen war, hatte sich in Enttäuschung verwandelt.

Giuliani stellt sich gerne als der Mann dar, der New York vom Verbrechen befreit hat. Doch insbesondere in der zweiten Amtszeit nahm sein Kreuzzug für mehr "Lebensqualität" absurde Formen an. Er drohte, das Brooklyn Museum of Art wegen eines angeblich gottlosen Gemäldes zu schließen, er ließ Barrikaden in Midtown errichten, damit Fußgänger nicht mehr bei Rot über die Ampel gingen. Er verlor sich in Kleinkriegen aller Art. Seine achtjährige Amtszeit (bis zum 31. Dezember) schien mit einer schiefen Note zu enden.

Auch Menschen mit erheblichen Mängeln können sich ändern"

Bis die zwei Flugzeuge in das World Trade Center flogen. Inzwischen fordern selbst härteste Kritiker, dass die Wahlgesetze geändert werden, damit er noch länger Bürgermeister bleiben kann. Erzfeinde wie der schwarze Bürgerrechtler Al Sharpton zollen ihm Respekt. "Four more years", rufen die Menschen in der Straße, wenn sie Giuliani sehen. Niemand kann sich die Krisenbewältigung ohne Rudy vorstellen.

Unter den Cheerleadern ist der demokratische Ex-Bürgermeister Ed Koch. "Auch Menschen mit erheblichen Mängeln können sich ändern", sagt Koch, der zuletzt ein Buch über Giuliani mit dem eindeutigen Titel "Nasty Man" ("Gemeiner Mann") veröffentlicht hatte.

Giuliani macht es ihnen leicht zu vergeben. An die Stelle seiner alten Bissigkeit ist eine neue Altersmilde getreten. Die Menschen trauten ihren Augen kaum, als Giuliani vergangene Woche Hillary Clinton umarmte. Im Rennen um den New Yorker Senatorenposten vor einem Jahr noch fiel ihm jeden Tag ein neues Schimpfwort für sie ein.

"Verängstigte Maus" Bush

Seine neue Popularität ist längst nicht auf New York beschränkt. "Ich wünschte, Präsident Bush wäre so engagiert", schreibt ein Leser aus Virginia an die "Washington Post". Und auch die internationalen Medien haben Notiz genommen. "Es ist so cool, dass sie ihn Rudy nennen", sagt ein spanische Reporterin.

Bei so viel Lob sind Vergleiche unvermeidlich. Neben dem Giganten Giuliani verschwand Präsident Bush zunächst. Zu unsicher, zu wenig spontan - die Amerikaner waren entsetzt, als sie Bush zum ersten Mal nach der Krise im Fernsehen sahen. Wie eine "verängstigte Maus" habe er ausgesehen, sagte ein New Yorker Busfahrer.

Inzwischen haben sich die Amerikaner mit ihrem Präsidenten arrangiert, seine Zustimmungsrate ist auf Rekordniveau. Doch Giuliani ist weiterhin das Maß aller Dinge. Ein politischer Berater sagt: "Im Moment könnte Rudy für jedes Amt der Welt kandidieren."



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