Rückkehr nach Tunesien Islamistenführer Ghannouchi begeistert empfangen 

Der tunesische Islamistenführer Rached Ghannouchi ist nach 22 Jahren im britischen Exil in seine Heimat zurückgekehrt. Bei seiner Ankunft in Tunis wurde Ghannouchi von hunderten begeisterten Anhängern empfangen - ein politisches Amt strebe er aber nicht an.

Rückkehrer Ghannouchi am Flughafen in Tunis: Hatte das Land 1989 verlassen
AFP

Rückkehrer Ghannouchi am Flughafen in Tunis: Hatte das Land 1989 verlassen


Tunis/Paris - "Ich werde nicht antreten und es wird kein anderes Mitglied der Ennahda tun", erklärte Ghannouchi wenige Stunden nach seiner Rückkehr nach Tunis am Sonntag. Mehrere hundert Anhänger hatten den Anführer der tunesischen Islamistenbewegung Ennahda zuvor bei seiner Ankunft am Flughafen begeistert empfangen. Seine Rückkehr aus London war durch den Sturz von Präsident Zine El Abidine Ben Ali möglich geworden.

Der 69-Jährige hatte mehr als zwei Jahrzehnte in London im Exil verbracht. Bereits vor seiner Rückreise in die Heimat hatte Ghannouchi betont, dass er kein politisches Amt anstrebe. Am Abend erklärte Ghannouchi, nach 20 Jahren Abwesenheit sei Ennahda "nicht bereit, eine Rolle auf der politischen Bühne zu spielen". Vorrang habe der Wiederaufbau der Partei. Eine Mitarbeit in der Übergangsregierung schloss er nicht aus.

Ghannouchi hatte sein Land 1989 verlassen, als zwei Jahre nach der Machtübernahme von Ben Ali in Tunesien die Verfolgung von Islamisten begann. Der frühere radikale Prediger hatte die Ennahda-Partei 1981 nach dem Vorbild der ägyptischen Muslimbruderschaft gegründet.

Seitdem war die Bewegung in dem nordafrikanischen Land verboten und wurde zur terroristischen Organisation erklärt. 1992 wurde Ghannouchi in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Mit dem gleichnamigen tunesischen Ministerpräsidenten ist der Islamistenführer nicht verwandt. Die Islamisten gelten in Tunesien als relativ schwach.

Seit der jüngsten Kabinettsumbildung hat sich die Lage in Tunesien einigermaßen beruhigt. Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi hatte am Freitagabend in einer TV-Ansprache zur Rückkehr zur Normalität aufgerufen: "Die beiden größten Aufgaben sind der demokratische Wandel und das Wiederankurbeln des wirtschaftlichen Lebens."

Die Zahl der Demonstranten, die seinen Rücktritt forderten, hat unterdessen abgenommen. Am Donnerstag hatten die meisten Vertreter der alten Garde nach tagelangen Protesten das Kabinett verlassen. Die Übergangsregierung soll das Land nach der Flucht des autoritären Ex-Präsidenten Ben Ali auf Neuwahlen vorbereiten.

luk/dpa/AFP

insgesamt 1324 Beiträge
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ewspapst 14.01.2011
1.
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
Wozu braucht Tunesien denn Reformen, es ist doch ein durch und durch kapitalistisches Land und dementsprechend muss es doch allen gut gehen. Ich verstehe diese ganzen Unruhen der " Strasse" nicht, man darf sich doch vom Pöbel nicht beeinflussen lassen. So viele Deutsche haben sich dort im Urlaub immer wohlgefühlt und auch den dortigen Wohlstand bewundert. So, oder so ähnlich würden wir in der nächsten Zeit über die Lebenslage der tunesischen Bevölkerung "informiert". Ich hoffe aber, diesmal klappt es nicht.
Tunesier 14.01.2011
2. Kein Zurück mehr!
Ich glaube, es gibt kein Zurück mehr für Ben Ali. Sein Regime zerfällt gerade. Immer mehr Menschen, Prominente und Angestellte (wie beim Staatsfernsehen) outen sich. Der Moderator der letzten "mutigen" TV-Sendung von gestern Abend sagt: Es war alles nur reine Inszenierung! Was gibt es noch mehr zu sagen? Zu den Plünderungen: Schon seit Tagen gibt es zahlreiche Gerüchte. Nicht die Demonstranten brennen die Geschäfte, sondern regierungstreue Banditen. Sie setzen Gebäude in Brand und plündern Geschäfte oder lassen die Menschen von denen plündern, nachdem sie die Türen kaputt machen. Es ist noch ein Versuch Ben Ali's das Land ins Chaos zu stürzen und die Demonstranten als Terroristen und Banditen darzustellen. Danach will er der Retter sein. Das wird ihm inscha Allah nie gelingen. Wir wissen wer er ist und was er getan hat und wozu er fähig ist. Morgen früh auch viele Demos in Deutschen Städten. Wie lange wird der Westen weiter zuschauen? Es findet seit Wochen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!
ratxi 14.01.2011
3. Durch diese Unruhen...
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
...kommt die ganze Unzufriedenheit der Menschen an die Oberfläche und das Ganze scheint nun eine Eigendynamik zu bekommen. Ich denke nicht, dass Ali Die Leute noch beruhigen kann. Warum sollten sie ihm glauben? Warum sollten sie ihn an der Macht lassen, wo sie doch jetzt schon so weit sind? Jeder tut ja nur ein bisschen, dann ein bisschen mehr und der Mob macht den Rest.
zackzodiac, 14.01.2011
4.
Die Demonstranten in Tunesien zeigen uns, wie man eine ungewollte Regierug los werden kann. Bravo!
Tunesier 14.01.2011
5. Position von Frankreich
Ein französischer Oppositioneller (Olivier Besancenot) fordert die französische Außenministerin (Alliot-Marie) sich entweder zu entschuldigen oder zurückzutreten. Noch vor zwei Tagen sagte sie, wir wollen unser Savoir-Faire der Polizei, wie sie Demos zurückhält, an Ben Ali weitergeben! Wow! Könnte die Lage in Tunesien sogar Auswirkungen auf europäische Staaten haben? Dass sie arabische Staaten und Diktaturen verändern wird, steht außer Frage. Heute ist ein neuer (und hoffentlich ein schöner) Tag in der Welt-Geschichte.
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