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EU-Osterweiterung: "Eurowaisen" in Rumänien

Foto: Maria Feck/ SPIEGEL ONLINE

"Eurowaisen" Rumäniens einsame Kinder

Die EU-Osterweiterung hat Hunderttausende Kinder praktisch zu Waisen gemacht: Sie wachsen ohne ihre Eltern auf, weil diese im Westen arbeiten. Erkundungen in ostrumänischen Dörfern - und in Berlin.
Von Keno Verseck und Maria Feck (Fotos)

Nicoletas Mutter freut sich, ihre Tochter zu sehen. "Wie war die Schule?", fragt sie. "Wie immer, es gab nichts Besonderes", sagt Nicoleta lächelnd. "Wie lief Mathe?" - "Ganz gut, ich fahre nachher wieder zur Nachhilfe, der Lehrer holt mich ab, hat er gesagt. Hast du schon etwas gekocht?" - "Nein, aber ich mache gleich etwas zu essen", sagt die Mutter.

Nicoleta starrt auf den Bildschirm ihres Smartphones. 2500 Kilometer trennen die beiden. Ihr Gespräch findet über WhatsApp statt. Ileana Tanase, 37, ruft aus London an, die 14-jährige Nicoleta sitzt auf dem Bett ihres Zimmers in Scarisoara, einem kleinen Dorf im Kreis Bacau in Ostrumänien.

Die beiden sprechen ein paar Minuten. Schule, Essen, Arbeit, Wetter. Im Zimmer nebenan spielt Nicoletas jüngerer Bruder Andrei auf seinem Smartphone. Der 11-Jährige mag nicht gern telefonieren, überhaupt ist er eher verschlossen. "Bussi", sagt die Mutter schließlich zu Nicoleta. "Gib auch Andrei und Oma und Opa einen von mir." - "Mach ich, tschüss, Mami", sagt die Tochter. Dann drücken die beiden die rote Taste.

Tägliche Gespräche über WhatsApp, selten länger als einige Minuten. So sieht seit drei Jahren das Familienleben von Ileana Tanase mit ihren beiden Kindern aus. Ein Familienleben aus wackeligen Videobildern und schnell hingetippten Botschaften, garniert mit Emojis. Die digitale Simulation eines gemeinsamen Alltags.

Nicoletas Familienleben findet auf dem Smartphone statt

Nicoletas Familienleben findet auf dem Smartphone statt

Foto: Maria Feck/ SPIEGEL ONLINE

Ileana Tanase hat einen Acht-Klassen-Abschluss, den niedrigsten Schulabschluss in Rumänien, und sie war lange Zeit Hausfrau. Nach der Scheidung von ihrem Mann 2014 fand sie daheim keine Arbeit und ging nach London. Erst immer wieder nur für einige Wochen, von 2016 an endgültig. Anfangs arbeitete sie als Zimmermädchen in einem Hotel, heute ist sie Küchenhilfe in einem Café. Ein, zwei Mal im Jahr kommt sie zu Besuch nach Hause. Der Vater hat den Kontakt zu den Kindern nach der Scheidung abgebrochen. Seit dem Weggang der Mutter leben Nicoleta und Andrei bei den Großeltern in Scarisoara.

Kinder wie die beiden heißen in den Medien "Eurowaisen", in Rumänien nennt man sie "Copii singuri acasa", die "Allein-zuhause-Kinder". Es sind Kinder aus mittel- und südosteuropäischen Ländern, die jahrelang bei Großeltern oder anderen Verwandten aufwachsen, weil ihre Eltern aus Mangel an Jobs in der Heimat im westlichen EU-Ausland arbeiten.

Es ist eine der dunklen Seiten der Erfolgsgeschichte der EU-Osterweiterung. Nach verschiedenen offiziellen Statistiken ist derzeit bei zwischen 95.000 und 160.000 Kinder in Rumänien mindestens ein Elternteil im Ausland. Allerdings gehen die Behörden davon aus, dass die Zahl viel höher liegt, bei möglicherweise 350.000 "Allein-zuhause-Kindern". Und das sind nur jene in Rumänien. Eurowaisen gibt es überall zwischen Baltikum und Balkan.

Die Zahlen sind nicht verlässlich, weil viele Eltern ihrer gesetzlichen Meldepflicht nicht nachkommen, wenn sie ihre Kinder bei Verwandten lassen. Aus Unwissen, Nachlässigkeit oder Angst, sie könnten ihr Sorgerecht verlieren. So erklärt es Daniela Titaru, die Direktorin der Sozial- und Kinderschutzbehörde DGASPC im Kreis Bacau. Es ist einer der rumänischen Kreise mit der höchsten Anzahl von "Allein-zuhause-Kindern": "Es gibt viele leere Dörfer in unserem Kreis, viel brachliegendes Land, überall fehlen Arbeitskräfte", sagt sie.

Vor drei Jahren ging die Mutter fort

Auch Scarisoara ist halbverlassen. Es liegt unweit des Flusses Sereth inmitten sanfter Hügel. Der Ort gehört zur Gemeinde Corbasca und hat offiziell 719 Einwohner. Doch auf den stillen Straßen sind fast nur Kinder, Jugendliche und ältere Leute zu sehen. Die meisten Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter sind, wie es im Ort heißt, "plecati in strainatate", "weggegangen ins Ausland".

Nicoleta erinnert sich noch genau an den Tag, an dem auch ihre Mutter endgültig verschwand. Es war ein warmer Sommertag im August vor drei Jahren. Sie fuhren aus Scarisoara in die Kreisstadt Bacau zum Bus. Ileana hatte den Kindern vorher erklärt, warum sie fortgehen müsse. Sie könne in Rumänien keine Arbeit finden, von der sie den Kindern ein Leben ohne Armut und später eine Ausbildung bieten könne. Sie werde für lange Zeit fortgehen, viele Jahre. Eines Tages könnten sie, die Kinder, vielleicht nach England nachkommen.

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Vor der Abfahrt hatten sie noch etwas Zeit. Sie gingen zu viert in einen Park, es gab ein Eis für die Kinder. Als der Bus losfuhr, winkte Ileana Tanase weinend. Nicoleta sagt, ihr sei das Herz sehr schwer gewesen, aber sie habe sich damit getröstet, dass die Mutter für sie, für die Kinder, fortgehe. Und dass sie eines Tages vielleicht nachkommen könnten.

Die Familie Tanase wohnt in bescheidenen Verhältnissen auf einem kleinen Hof. Die Großeltern, Matei und Margareta Tanase, 69 und 64 Jahre alt, betreiben Landwirtschaft für den Eigenbedarf. Sie halten Schweine und Hühner, bauen Mais an und haben einen Gemüsegarten.

Matei Tanase, früher Kraftfahrer, verkauft tagsüber meist selbstgeangelten Fisch in den umliegenden Dörfern, durch die er mit seinem Pferdewagen zieht. Margareta Tanase war ungelernte Arbeiterin in einer Teppichfabrik. Jetzt versorgt sie Haus und Hof, kocht und pflegt ihre 98-jährige Mutter. Die Tochter Ileana schickt jeden Monat Geld aus England. "Wir sind arme Leute, aber wir leben in Würde", sagt Margareta Tanase stolz, "und die Kinder leiden keinen Mangel."

Sie wirkt, als habe sie keine Zeit, über Gefühle nachzudenken. Auf die Frage, wie es den Kindern ohne ihre Mutter gehe, sagt sie: "Es ist schwer, für meine Tochter genauso wie für meine Enkel, aber sie haben sich an die Situation gewöhnt. Ich bin ja für die Kinder da."

Nicoleta ist ein ernstes Mädchen. Ihr Zimmer, zehn Quadratmeter, hat sie zu einem kleinen, wohlgeordneten Reich gestaltet, mit vielen Kuscheltieren, Porzellanpferdchen und bunten, sorgfältig in Vasen gesteckten Papierblumen.

Sie sagt, sie habe einige Freundinnen, aber die treffe sie meist nur in der Schule im Nachbardorf. Sie müsse lernen, deshalb sei sie viel für sich. Wenn sie Zeit hat, zeichnet sie gern Fantasiebilder. Geometrische Muster oder grellbunte, unwirkliche Landschaften mit Pferden, Einhörnern und Mädchen: "Ich komme klar."

Nicoleta lebt mit ihrem Bruder Andrei bei den Großeltern im Dorf Scarisoara

Nicoleta lebt mit ihrem Bruder Andrei bei den Großeltern im Dorf Scarisoara

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Später, als ihre kleine Katze Mischa ins Zimmer kommt, wird sie fröhlich und zeigt, was sie ihr beigebracht hat. Auf Kommando springt die Katze aufs Bett, legt sich hin und gibt ihr die Pfote. "Sie weiß, wann ich aus der Schule komme und wartet jeden Tag auf mich", sagt Nicoleta und schmiegt ihr Gesicht an den Kopf der Katze.

Ihr größter Traum sei es, aus dem Dorf weg- und nach London zu ihrer Mutter zu ziehen, dort das Abitur zu machen, Pharmazie zu studieren und Apothekerin zu werden. Prinzipiell wäre das inzwischen möglich, denn Ileana Tanase hat sich in London eine bescheidene, aber stabile Existenz aufgebaut. Sie wohnt am nordöstlichen Stadtrand in einem kleinen Reihenhaus mit drei Zimmern, die Kinder hätten Platz dort.

Sie arbeitet von Montag bis Donnerstag jeweils dreizehn Stunden, Freitag bis Sonntag acht bis zehn Stunden im Café und verdient umgerechnet 1700 Euro, erzählt sie in einem Gespräch über WhatsApp. Es reiche, um die Lebenshaltungskosten zu bezahlen und Geld nach Hause zu schicken, es reiche auch, um die Kinder zu sich zu holen. Aber ihr Ex-Mann müsste unterschreiben, dass die Kinder aus Rumänien wegziehen dürften. Es ist unklar, ob und wann er das macht. "In meinen Gedanken bin ich bei den Kindern", sagt Ileana Tanase. Sie klingt bedrückt .

"Migration ist unser größtes Problem"

Vor dem Sturz der Diktatur gab es in der Gemeinde Corbasca mit ihren sieben Dörfern eine landwirtschaftliche Kooperative. Wer nicht dort arbeitete, konnte in die 50 Kilometer entfernte Kreisstadt Bacau pendeln. Die war damals in Ostrumänien ein Zentrum der Chemie-, Textil- und Papierindustrie. In den politischen und ökonomischen Wirren des ersten postkommunistischen Jahrzehnts blieb davon kaum noch etwas übrig. Die Kooperativen wurden landesweit aufgelöst, von den einstigen Staatsunternehmen überlebten nur die wenigsten und nur mit einem Bruchteil des Personals.

Und so gibt es auch in Corbasca mit seinen 4900 Einwohnern nur noch eine Handvoll Arbeitsplätze. Unter anderem im Gemeinderat, in einer Bäckerei, einer Kantine und einigen Bars und kleinen Läden. Der Bürgermeister der Gemeinde, Nicusor Andone Puscasu, will nichts beschönigen. "Migration ist unser größtes Problem", sagt er. "Es wäre besser, wenn die Leute bleiben würden, schon allein für die Kinder, aber leider erlaubt das die ökonomische Lage vielen nicht."

Wahrscheinlich kennt niemand in der Gemeinde die einzelnen Fälle und ihre Umstände besser als Constantin Tabacaru. Der 55-Jährige war lange Zeit Lehrer in Corbasca. Vor acht Jahren begann er, nebenbei in einem Unicef-Projekt für Kinder aus bedürftigen Familien zu arbeiten. Er sei selbst in sehr ärmlichen, schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, erzählt Tabacaru, das habe ihn wohl angetrieben.

Constantin Tabacaru (l.), Sozialasisstent beim Bürgermeisteramt in der Gemeinde Corbasca, macht sich Sorgen um die Kinder ohne Eltern

Constantin Tabacaru (l.), Sozialasisstent beim Bürgermeisteramt in der Gemeinde Corbasca, macht sich Sorgen um die Kinder ohne Eltern

Foto: Maria Feck/ SPIEGEL ONLINE

2015 gab er den Lehrerberuf auf und wechselte in den Sozialdienst der Gemeinde. Seitdem macht er Hausbesuche bei Kindern, deren Eltern im Ausland arbeiten, schaut nach dem Rechten und berät Großeltern oder Verwandte in Bildungs-, Sozial- oder Vormundschaftsfragen. Was er sieht, macht ihn ratlos. "Eine ganze Generation in diesem Land ist schon ohne Eltern aufgewachsen, jetzt erlebt das bereits ein Teil einer zweiten Generation", sagt Tabacaru. "Ich frage mich oft: Was wird aus diesen Kindern und welche Zukunft werden sie haben?"

Nirgendwo fährt Tabacaru so oft zu Besuchen wie nach Bacioi. Es ist das größte Dorf der Gemeinde Corbasca, hier leben offiziell etwa 2000 Einwohner. Von hier sind 80 Prozent aller Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter abgewandert, schätzt Tabacaru.

Aus einiger Entfernung sieht Bacioi aus wie eine schicke Mittelklassesiedlung, irgendwo im grünen Speckgürtel einer Großstadt. Ein Ort voller moderner, großzügiger Wohnhäuser, die meisten dreistöckig, ockerfarben gestrichen, mit Balkons und Terrassen und himbeerroten Dächern. Aber niemand wohnt in diesen Häusern. Sie gehören den Arbeitsemigranten, all ihr Erspartes steckt darin. Es ist die traditionelle Zukunfts- und Altersvorsorge

Emotional haben fast alle Kinder Defizite

In die Schule von Bacioi gehen etwa 220 Kinder und Jugendliche, Unterricht gibt es bis zur achten Klasse. Nur bei etwa 20 Kindern seien die Eltern noch im Dorf, alle anderen wüchsen bei Großeltern oder Verwandten auf, sagt die Direktorin Adriana Duca. "Sie sind gut gekleidet und haben die neuesten Telefone, sie verhalten sich sehr respektvoll, es gibt keine Disziplinprobleme", sagt die Direktorin. "Aber emotional haben fast alle Defizite. Viele jüngere Kinder nehmen uns ständig in den Arm und suchen Körperkontakt."

Adriana Duca, 46, ist seit einem Vierteljahrhundert an dieser Schule. Aber es gibt immer wieder diese Augenblicke, an die sie sich nicht gewöhnen kann. "Das ist, wenn mich manche der Kinder Mama nennen."

Die elfjährige Petronela ist eine gute Schülerin. Sie will Polizistin werden und Diebe jagen, verrät sie. Vermisst sie ihre Eltern? Sie lächelt verschämt und scheint zu überlegen, wie sie antworten soll. Schließlich sagt sie: "Naja, geht so." Nach einer Weile fügt Petronela hinzu: "Es sind eher meine Eltern, die Sehnsucht nach mir haben." Ihr Bruder und die anderen Kinder um sie herum, ihre Cousins und Cousinen, brechen in schallendes Gelächter aus.

Petronela wächst bei ihrer Großmutter in Bacioi auf

Petronela wächst bei ihrer Großmutter in Bacioi auf

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Petronela wohnt nicht weit von der Schule entfernt, bei ihren Großeltern Vasile und Maria Calin. Die beiden Eheleute, 61 und 57 Jahre alt, haben neun Kinder großgezogen, acht von ihnen leben außerhalb Rumäniens. Jetzt wachsen fünf Enkel bei ihnen auf, zusammen mit der jüngsten Tochter Betania, einem späten Kind, 12 Jahre alt. "Wir fühlen uns nicht wie Großeltern", sagt Vasile Calin, "wir sind immer noch Eltern, auch für unsere Enkel, und wir sind gern Eltern."

Calin und seine Frau leben in einem kleinen Haus mit zwei Zimmern, eines für die sechs Kinder, eines für das Ehepaar. Auf dem hinteren Teil des Grundstücks hat ein Sohn, der in Spanien arbeitet, ein großes, zweistöckiges Haus bauen lassen, das erste Stockwerk mit drei großen Zimmern und marmornen Fußböden ist schon weitgehend eingerichtet. Aber die Calins und ihre Enkel leben doch lieber in dem kleinen, alten Haus, sie finden es gemütlicher.

"Ich möchte, dass meine Enkel anständige Berufe lernen"

Im Hof kocht Maria Calin auf einem steinernen Ofen, während hin und wieder Nachbarinnen auf ein Schwätzchen vorbeikommen. Vasile Calin hackt Brennholz, die Kinder helfen dabei und beim Wasserholen vom Brunnen zwischendurch tollen sie lachend herum, spielen Videospiele auf ihren Smartphones oder posten etwas auf ihren Facebook-Seiten, bis der Großvater ihnen zuruft: "So, eure tägliche Telefonzeit ist um!"

Vasile Calin und seine Frau haben beide einen Acht-Klassen-Abschluss und ihr Leben lang in verschiedenen landwirtschaftlichen Kooperativen gearbeitet. Eine Rente bekommen sie nicht. Nach dem Sturz der Diktatur, sagt Vasile Calin, seien mal die Unterlagen in Betrieben verloren gegangen, mal hätten sie ohne Papiere gearbeitet. Jetzt leben sie von der Familienbeihilfe für die Enkel und von dem, was die Kinder aus dem Ausland überweisen.

In den Wirren der postkommunistischen Jahre sind die Calins auf der Suche nach Arbeit oft umgezogen, die Kinder gingen kaum zur Schule. Jetzt bedauert Vasile Calin das. Drei seiner Kinder haben im Ausland keine feste Arbeit, deshalb hat er darauf bestanden, dass seine fünf Enkel im Dorf bleiben und zur Schule gehen. Er achtet sehr darauf, dass sie keinen Unterricht versäumen, ihre Hausaufgaben machen und nicht zu viel Zeit mit ihren Smartphones verbringen. "Ich möchte, dass meine Enkel und meine jüngste Tochter anständige Berufe lernen, sonst enden sie auch so wie einige meiner Kinder, irgendwo in der Fremde, in einem entwürdigenden Leben."

Ortswechsel: Die Zeitungsverkäufer von Berlin

An einem kühlen Frühsommertag steht Petrica Gologan, 38, vor einer Supermarktfiliale im Märkischen Viertel in Berlin-Reinickendorf, in der Hand die Straßenzeitung "Motz". Alle, die sich einen Einkaufswagen holen, begrüßt er in gebrochenem Deutsch: "Gutten Tag!" Viele kennen ihn, grüßen ihn freundlich zurück und drücken ihm ein paar Cent-Stücke in die Hand, wenn sie herauskommen, manche auch einen oder zwei Euro. Die Zeitung will niemand haben. Petrica Gologan verbeugt sich und sagt: "Danke! Vielen Dank! Eine schöne Tag!"

Petrica Gologan hat seine Kinder in Rumänien zurückgelassen

Petrica Gologan hat seine Kinder in Rumänien zurückgelassen

Foto: Keno Verseck

Hier, im Märkischen Viertel, steht er jeden Mittwoch, an anderen Wochentagen vor anderen Supermärkten in Berlin, zweimal pro Woche fährt er in nahegelegene Brandenburger Orte. Es sei wichtig, sagt er, nicht zu häufig am selben Ort zu stehen.

Petrica Gologan, 38, und seine zehn Jahre jüngere Frau Maria wohnen seit sechs Jahren in Berlin. Sie sind die Eltern von Petronela und Leonard. Auch Maria hat ihre festen Plätze vor Berliner Supermärkten, meistens irgendwo in der Nähe ihres Mannes. Die Kinder wissen, dass ihre Eltern "mit den Zeitungen" Geld verdienen.

Es läuft nicht ganz schlecht. Sie bekommen jeder um die dreißig Euro pro Tag zusammen, das macht im Monat etwa 1500 Euro, manchmal auch mehr. In Rumänien würden sie bei Vollzeitjobs zusammen allenfalls die Hälfte verdienen - wenn sie denn überhaupt eine Arbeit bekommen würden.

"Ich habe die Nase voll von dieser Bettelei"

Die beiden wohnen zur Untermiete von Untermietern in Berlin-Lichtenberg, sie zahlen 300 Euro pro Monat für zwei Betten in einem Raum mit vier Personen und Gemeinschaftsküche. Mehr wollen sie dazu nicht sagen. Weil sie keinen Mietvertrag haben, können sie sich auch nicht anmelden und daher praktisch auch keine normale, feste Existenz aufbauen.

Kurz vor Mittag an diesem Tag vor dem Supermarkt im Märkischen Viertel weiß Petrica Gologan schon, dass an diesem Tag wohl mehr als dreißig Euro zusammenkommen werden, die Leute geben gut heute. Aber er freut sich nicht. "Ich schäme mich und habe die Nase voll von dieser Bettelei", sagt er und seufzt. "Wenn ich wenigstens einen Minijob machen könnte!"

Nach neun Stunden fährt er zur S-Bahn-Station Wittenau, seine Frau wartet dort an einem Imbiss auf ihn. Zusammen haben die beiden etwas mehr als siebzig Euro zusammengetragen. Es war ein guter Tag. Sie trinken Tee und rufen ihre Kinder an. Sie haben nur ein Tastentelefon, Videoanrufe sind nicht möglich. Den Kindern scheint es gut zu gehen. Aus dem Telefon ist Petronelas fröhliche Stimme zu hören. Nach dem Ende des Gesprächs sehen sich Petrica und Maria Gologan stumm an. Dann weinen sie.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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