Prozess um den Sturz der Ceausescu-Diktatur Rumäniens Revolution kommt vor Gericht

Nach dem Sturz Ceausescus kam es zum Massaker: Die letzten der mutmaßlich Verantwortlichen für Rumäniens blutige Revolution von 1989 stehen nun vor Gericht. Eine Begegnung mit einem prominenten Angeklagten.
Antikommunistischer Aufstand in Rumänien im Dezember 1989: Blutige Unruhen

Antikommunistischer Aufstand in Rumänien im Dezember 1989: Blutige Unruhen

Foto: JOEL ROBINE-CHRISTOPHE SIMON/ AFP

Bukarest, an einem kalten, sonnigen Dezembermorgen. Treffen mit der wohl mysteriösesten Figur beim Sturz des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu im Dezember 1989: Gelu Voican Voiculescu ist heute 78 Jahre alt. Damals war er der Mann, der den geheimen Prozess und die Exekution des Diktators und seiner Ehefrau Elena beaufsichtigte. Er organisierte auch ihr geheimes Begräbnis und wurde später Vizepremier der provisorischen Regierung. Voiculescu ist ein Mann, der im Dezember 1989 aus der Anonymität auftauchte und plötzlich im Zentrum der Macht stand.

Dreißig Jahre später steht er in der rumänischen Hauptstadt vor Gericht. Er wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, gemeinsam mit dem ehemaligen Staatschef Ion Iliescu.

In diesem späten Prozess, der vor wenigen Wochen begann, geht es um die fast 900 Toten in der Schlussphase des einzigen antikommunistischen Aufstands des Jahres 1989, der blutig endete. Die Toten sind bis heute das größte kollektive Trauma des postkommunistischen Rumäniens. Drei Viertel der Opfer des Aufstandes starben in Schießereien und Straßenkämpfen, nachdem das Diktatorenehepaar bereits entmachtet war, ermordet von vermeintlichen Terroristen. Im sogenannten "Prozess der Revolution" wirft die Anklage Iliescu und Voiculescu vor, verantwortlich für diese Tragödie zu sein: Mit einer "umfangreichen Kampagne der Desinformation" über vermeintlich Ceausescu-treue Kräfte hätten sie eine Art "Terroristenpsychose" und in der Folge bürgerkriegsähnliche Zustände provoziert, um sich "in den Augen der Bevölkerung Legitimität zu verschaffen".

Gelu Voican Voiculescu 1990, Mitglied der provisorischen Staatsführung Rumäniens (Archivfoto)

Gelu Voican Voiculescu 1990, Mitglied der provisorischen Staatsführung Rumäniens (Archivfoto)

Foto: Paris Match/ Getty Images

Gelu Voican Voiculescu gibt nur selten Interviews, für den SPIEGEL macht er eine Ausnahme. "Nur ein paar Fragen" könne er beantworten, sagt er beim Gespräch im ungeheizten Festsaal des "Institutes der rumänischen Revolution", dessen Generaldirektor er ist. Er habe nur wenig Zeit, sagt er zunächst unwirsch. Doch dann dauert das Gespräch fast drei Stunden.

Die Geschichte, die er erzählt, ist die einer schillernden Biografie. Voiculescu stammt aus einer rumänischen Aristokratenfamilie, als Geologie-Student wird er wegen "reaktionärer Einstellungen" zeitweise exmatrikuliert, später mehrfach teils für Monate inhaftiert und schließlich 1985 wegen "antisozialistischer Propaganda" zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Grund sind seine Kontakte zu einer verbotenen esoterischen Gruppierung. Er bezeichnet sich damals dennoch nicht als Oppositionellen, sondern lediglich als "passiven Gegner" der Diktatur.

Am Nachmittag des 22. Dezember 1989, dem Tag, an dem die Ceausescus aus Bukarest fliehen und das Regime stürzt, sehen ihn die Rumänen erstmals an einem der zentralen Orte des Aufstandes gegen die Diktatur - im legendären Studio 4 des rumänischen Fernsehens: groß gewachsen und athletisch, mit schlohweißem Vollbart und durchdringendem Blick, gekleidet in eine olivgrüne Kampfmontur. Voiculescu ist eine auffällige, im damaligen Rumänien ungewöhnliche Erscheinung. Er hat sich ins Studio und vor die Kameras gedrängelt.

Bei den Fernsehansprachen des selbsternannten Revolutionsführers Ion Iliescu steht Voiculescu immer dicht hinter ihm. Iliescu ist ein ehemaliger Zögling Ceausescus, 1971 fiel er als möglicher Rivale in Ungnade und wurde degradiert. Viele Jahre lang hatte er eine eher triste Existenz als Direktor eines technischen Verlages gefristet. Nun verkündet er im Fernsehen die Gründung der "Front zur nationalen Rettung" - mit sich selbst als Vorsitzendem.

Diktator Ceausescu mit seiner Frau Elena: Ihre Exekution galt als beschlossene Sache

Diktator Ceausescu mit seiner Frau Elena: Ihre Exekution galt als beschlossene Sache

Foto: AFP

"Eine Revolution ist kein galanter Akt"

Warum damals ausgerechnet Iliescu das Machtvakuum füllen konnte und warum Unbekannte wie Voiculescu plötzlich in den engsten Kreis der provisorischen Machthaber aufsteigen konnten, ist in Rumänien bis heute Gegenstand zahlloser Mythen und Verschwörungstheorien. Voiculescu selbst sagt: "In historischen Augenblicken spielt der individuelle Wille oft eine entscheidende Rolle. In einer Revolution werden die Führer nicht gewählt. Sie setzen sich durch."

Voiculescus brutale, pragmatische Logik und eiserne Nerven müssen im Dezember 1989 wohl auch Iliescu imponiert haben: Der bärtige Geologe wird in den "Rat der Front zur nationalen Rettung" aufgenommen, die provisorische Staatsführung.

Von Anfang an drängt er auf eine schnelle Exekution der Ceausescus, nur so könne die Revolution und die neue Macht sich erfolgreich behaupten. Deshalb wird Voiculescu als politischer Delegierter der neuen Machthaber zum Geheimprozess gegen das Dikatorenehepaar entsandt. Der Prozess vom 25. Dezember 1989 ist eine Farce, das Urteil steht schon fest.

Voiculescu sitzt als einer der wenigen Zeugen im Raum, sein Blick ist eisig. Er habe damals nichts empfunden, sagt er, er habe nur eine schnelle Exekution gewollt. Bei der Frage nach der Legitimität wird er laut und spricht mit harter Stimme: "Eine Revolution ist kein galanter Akt, sie ist gewaltsam und sehr oft blutig, humanitäre Überlegungen spielen in ihr keine Rolle. Sie ist auch ein illegaler Akt, schließlich will man eine bestehende Rechtsordnung stürzen. Wäre uns das nicht gelungen, wären wir die Toten gewesen."

Selbsternannter Revolutionsführer Iliescu (Archivbild): Das Machtvakuum gefüllt

Selbsternannter Revolutionsführer Iliescu (Archivbild): Das Machtvakuum gefüllt

Foto: Vadim Ghirda / AP

Kurz nach der Exekution der Ceausescus wurde Voiculescu Vizepremier der provisorischen Regierung. In dieser Funktion verantwortete er unter anderem die Auflösung und Neuordnung des Geheimdiensts Securitate. Nach der ersten freien Wahl im Mai 1990 zog er als Senator ins rumänische Parlament ein. 1992 verließ er die aktive Politik, später amtierte er einige Jahre als Botschafter in Tunesien und in Marokko. Danach lebte er lange Zeit zurückgezogen. Erst seit im vergangenen Jahr die juristischen Vorbereitungen für den "Prozess der Revolution" begannen, tritt er gelegentlich wieder in der Öffentlichkeit auf.

Aus seiner Sicht hat im Dezember 1989 niemand eine "Psychose" geschürt - die "Terroristen" seien vielmehr, wie er sagt, kleine Gruppen von Ceausescu-treuen Elitekämpfern gewesen, speziell für gewaltsame Aktionen trainiert. Den Prozess gegen ihn und Iliescu bezeichnet er als "absurd".

Missratener Versuch, Gerechtigkeit zu schaffen

Tatsächlich steht die Anklage auf wackeligem Fundament. Den Straftatbestand des "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" gibt es erst seit 2009. Die Anklageschrift liest sich größtenteils wie eine kurze Geschichte des Aufstands gegen Ceausescu. Sie enthält nichts Neues gegenüber früheren, weit ausführlicheren Untersuchungen von Parlament oder Staatsanwaltschaft, die Jahrzehnte in den Schubladen lagerten.

Zweifellos rissen Iliescu und eine kleine Gruppe teils ehemaliger, teils bis zuletzt amtierender hochrangiger Funktionäre der Diktatur die Macht im Dezember 1989 an sich. Moralisch legitimiert waren sie nicht, mit ihnen beschritt Rumänien einige Jahre lang einen tragischen Sonderweg. Die meisten der in der Anklageschrift genannten Personen leben nicht mehr. Übrig sind nur Iliescu und Voiculescu. Doch echte Beweise für ihre Schuld finden sich in der Anklageschrift nicht.

Der späte Prozess könnte also als missratener Versuch gedeutet werden, für jene Gerechtigkeit zu sorgen, die der rumänische Staat dreißig Jahre lang nicht schaffen konnte und wollte. Missraten auch, weil ausgerechnet der Generalstaatsanwalt Augustin Lazar, der die Anklage auf den Weg brachte, schon in der Ceausescu-Zeit politische Unrechtsurteile fällte.

"Revolutionen sind einfach unkontrollierbar"

Dieses wohl nicht mehr gut zu machende Versagen des rumänischen Staates liegt wie ein Fluch über dem Land. Jedes Jahr im Dezember fragen die Angehörigen der Ermordeten von Neuem öffentlich: Wer hat geschossen? Wer gab die Befehle? Frage an Gelu Voican Voiculescu: Kann er den Schmerz dieser Menschen verstehen? "Mir tun die Opfer leid, aber Iliescu und ich sind nicht für sie verantwortlich", sagt er. "Revolutionen sind einfach unkontrollierbar."

Zwei Wochen nach der Begegnung. Am 21. Dezember erscheint Voiculescu bei einer Gedenkfeier für die Toten der Revolution am Bukarester Universitätsplatz. Einige Anwesende schreien: "Verbrecher!", ein Mann schlägt ihn mit einer Stange auf den Kopf. Es ist eine unwürdige Szene.

Es ist auch der Fluch, der nicht vergeht. Voiculescu blutet stark, Polizisten führen ihn schützend zu seinem Wagen. "Jämmerlich und erbärmlich" nennt er den Angriff in einem Telefonat mit dem SPIEGEL.

Was, wenn Sie im Prozess verurteilt werden, Herr Voiculescu? Er wartet einen Moment mit der Antwort. "Eine Revolution kann man nicht anklagen", sagt er. "Wenn ich aber ins Gefängnis muss, werde ich denken: Undankbarkeit ist die höchste Form der Anerkennung." Seine Stimme ist kalt und hart.