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Rumänien: Gequält in Ceausescus Gefängnissen

Ceausescu-Diktatur "Sie sollen bezahlen für ihre Verbrechen"

Rumänien macht sich an die Aufarbeitung der Ceausescu-Zeit, Jahrzehnte nach dem Sturz des Diktators. Nun werden frühere Gefängniskommandanten für die Quälerei von Häftlingen angeklagt. Doch die Opfer zweifeln an wahrer Gerechtigkeit - zu viele Täter sind noch im Amt.

Bukarest, ein dunkler Treppenaufgang eines Altbaus im Zentrum der rumänischen Hauptstadt. Klopfen. Nach einer Weile ruft ein Mann hinter der Tür mit herrischer Stimme: "Wer ist da?!"

Der Mann heißt Alexandru Visinescu. Er war im stalinistischen Rumänien Kommandant mehrerer berüchtigter Gefängnisse.

Eine aufgebrachte Nachbarin erscheint auf dem Flur. "Lassen Sie ihn in Ruhe, er ist alt und krank!"

Plötzlich öffnet der alte Mann seine Wohnungstür und schreit: "Verschwinde! Du hast kein Recht, hier aufzutauchen! Raus mit dir, verdammt noch mal!"

Alexandru Visinescu, 88, war in den fünfziger und sechziger Jahren Kommandant von Gefängnissen, in denen politische Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt waren: Jilava, Mislea, Ramnicu Sarat - Namen von Anstalten, die heute in Rumänien als Synonyme für Grausamkeit stehen.

Zeugenaussagen zufolge ließ Visinescu Gefangene systematisch hungern und in Dunkelzellen sperren, verweigerte ihnen medizinische Hilfe und Medikamente. Viele ältere Häftlinge, darunter prominente Politiker der rumänischen Zwischenkriegszeit, starben unter diesen Bedingungen. Für seine Dienste bekommt Visinescu heute umgerechnet 760 Euro Rente - fast das Fünffache des rumänischen Durchschnitts.

Zeugen eines Generationswechsels

Im August dieses Jahres erfuhr erstmals eine breite Öffentlichkeit im Land von Visinescus Biografie. Publik gemacht hatte sie das Bukarester Institut zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen (IICCMER). Der Leiter des Institutes, Andrei Muraru, kündigte an, man werde belastendes Material gegen insgesamt 35 ehemalige Gefängniskommandanten vorlegen und gegen sie Anzeige erstatten - wegen inhumaner Behandlung von Gefangenen und Mordes.

Alexandru Visinescu war der erste auf der Liste.

Im September nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Mitte Dezember entschied das rumänische Verfassungsgericht, dass die Anklagen gegen Visinescu und andere ehemalige Gefängniskommandanten zulässig seien. "Die ersten Prozesse könnten schon im Frühjahr beginnen", glaubt Andrei Muraru.

Der Fall Visinescu war der Auftakt zu einer breiten öffentlichen Debatte über den kommunistischen Repressionsapparat, wie es sie seit dem Sturz der Ceausescu-Diktatur im Dezember 1989 noch nicht gegeben hat. Auch dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnimmt, ist ein Novum in Rumänien. "Wir sind Zeugen eines Generationswechsels", erklärt der junge Historiker Muraru den Umschwung. "Ich selbst bin 31 Jahre alt, unsere Generation stellt Fragen zur Vergangenheit, und es gibt in der politischen Elite nicht mehr den Konsens, alles zu vertuschen."

Politische Gefangene wurden jahrelang eingesperrt

Darauf hat Aurora Dumitrescu, 82, ihr Leben lang gewartet. Sie wurde 1951 verhaftet, als 19-Jährige. Ihr Vergehen: Sie hatte sich einer antikommunistischen Jugendgruppe angeschlossen. Über Träumereien vom Freiheitskampf kamen die jungen Leute nie hinaus - dafür erhielt Aurora Dumitrescu sechs Jahre Gefängnis. In der Untersuchungshaft wurde sie mehrmals schwer misshandelt. Ein Vernehmer brach ihr die rechte Hand, die Verletzung ist nie richtig verheilt.

Im südrumänischen Frauengefängnis Mislea traf sie auf Visinescu. Er persönlich habe sie nicht geschlagen, erzählt die alte Dame, aber er habe sie oft tagelang in die Dunkelzelle sperren lassen - eine winzige Kammer, knapp einen Quadratmeter groß, ohne Fenster und Sitzbank, außerdem habe er ein sadistisches Vergnügen an Beschimpfungen gehabt.

"Im Sommer 1953 durfte ich meiner Mutter zum ersten Mal nach 18 Monaten schreiben und sie um ein Paket Lebensmittel bitten", erzählt Aurora Dumitrescu. "Als sie dann kam, um das Paket abzugeben, saß ich wieder einmal in der Dunkelzelle. Visinescu ließ sie mitsamt dem Paket abweisen. Meine Mutter fuhr verzweifelt weg, sie dachte, ich sei tot. So war Visinescu."

Aurora Dumitrescu wohnt in einer kleinen Bukarester Stadtvilla, zusammen mit ihrem Mann, auch er war politischer Gefangener. Oft trifft sich das Ehepaar dort zu gemeinsamen Abenden mit ehemaligen Leidensgenossen. Eine von ihnen ist Nina Moica, 70. Sie wurde 1958 verhaftet, als sie gerade einmal 15 Jahre alt war, ebenfalls wegen Mitgliedschaft in einer antikommunistischen Gruppe. Sie bekam 20 Jahre Gefängnis. Die Zeit bis zur Volljährigkeit verbrachte sie in Einzelhaft, danach musste sie Zwangsarbeit leisten, 1964 kam sie nach sechs Jahren vorzeitig frei.

Eigentlich hatte sie studieren wollen, doch das ging nach ihrer Haft nicht mehr. Sie schlug sich als Buchhalterin durch. Lange Zeit sprach sie nicht einmal mit ihrer Tochter über die Zeit im Gefängnis. Inzwischen geht sie manchmal an Schulen und erzählt Jugendlichen davon, was sie als 15-Jährige erleben musste. Doch dass ehemalige Gefängniskommandanten endlich bestraft werden, glaubt sie nicht. "Die meisten von ihnen sind ruhig im Bett gestorben", sagt Nina Moica, "und auch für diejenigen, die noch leben, wird man einen Weg finden, damit sie ein ruhiges Ende genießen dürfen".

Mauer der Angst

Tatsächlich hat ein Generationswechsel, wie ihn etwa der junge Historiker Andrei Muraru ausmacht, in Rumänien bisher nicht vollständig stattgefunden. Von den Angehörigen des Staatssicherheits- und Repressionsapparats der fünfziger und frühen sechziger Jahre leben nur noch wenige, doch viele ihrer Nachfolger sind bis heute im Amt.

Zum Beispiel in Miercurea Ciuc, einer Kreisstadt in den Ostkarpaten. Der Polizeichef des Kreises heißt Radu Moldovan. Er ist nicht zu sprechen - jedenfalls nicht, wenn man ihn zu seiner Vergangenheit befragen will. Der heute 54-Jährige war von 1985 bis 1991 Chefermittler der Polizei in der Stadt. Er soll in dieser Eigenschaft vor 1989 Verdächtige, darunter viele Minderjährige, misshandelt haben, vor allem solche, die politisch auffielen oder versucht hatten, über die Grenze nach Ungarn zu fliehen.

Schon einmal, im Jahr 2008, erstattete das IICCMER deswegen Anzeige gegen Moldovan. Doch dann zogen plötzlich die meisten Zeugen ihre Aussagen zurück - und die Militärstaatsanwaltschaft beschloss: "Keine Ermittlungen."

Wer heute in der Stadt nach Moldovan fragt, stößt auf eine Mauer des Schweigens und der Angst - als sei Rumänien kein EU-Land, sondern immer noch eine Diktatur. Zwar konnte SPIEGEL ONLINE mehrere Betroffene ausfindig machen, die als Minderjährige misshandelt wurden. Doch sie wollen ihre Geschichten nicht einmal anonym dargestellt wissen - aus Angst, sie könnten über die Details identifiziert werden.

"Ihre Taten sind nicht vergessen"

Ein einziger Betroffener ist bereit, Zeugnis abzulegen: Mihály András, 50, der heute weit entfernt lebt, in Dallas im US-Bundesstaat Texas. Er war schon als Jugendlicher ein Rebell und hasste die Ceausescu-Diktatur. Er schmierte öffentliche Toiletten mit dem Wort "Freiheit!" voll, einmal klebte er nachts an ein Kaufhausfenster ein Ceausescu-Bild, auf dem stand: "Nieder mit der Diktatur!"

Eines Abends, es war im Februar 1988, passte Moldovan ihn und einen Freund auf der Straße ab. Moldovan und vier andere Polizisten hätten seinen Freund und ihn bewusstlos geprügelt, sie dann in einen Wagen geladen und in einem Waldstück außerhalb der Stadt in den Schnee geworfen, erzählt András.

Er mutmaßt, der Grund sei wohl gewesen, dass er sich von Moldovan nicht als Informant habe anwerben lassen. "Wir waren froh, dass wir mit dem Leben davongekommen waren", berichtet András. "Zwei Monate später bin ich nach Ungarn abgehauen. Ich dachte, wenn ich bleibe, bringen sie mich um."

Am Institut zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen ist der Fall Moldovan in guter Erinnerung. Möglicherweise werde man neue Zeugenaussagen sammeln, neue Ermittlungen anstreben, sagt Andrei Muraru. "Unsere Priorität sind jetzt erst einmal die Kommandanten der fünfziger Jahre, denn sie sind sehr alt, und bevor sie sterben, sollen und müssen sie im Rahmen aller rechtsstaatlichen Möglichkeiten für ihre Verbrechen bezahlen. Aber wir werden auch noch zu denen kommen, die 20, 30 Jahre später Verbrechen begangen haben. Ihre Taten sind nicht vergessen."