Ruprecht Polenz Besonnen, aber glücklos

Schon bei der Wahl der CDU-Fraktionsspitze im März dieses Jahres war Ruprecht Polenz ohne Glück. Jetzt scheidet der ruhige 54-Jährige nach der kürzesten Amtszeit in der CDU-Geschichte als Generalsekretär der Partei aus.


Ruprecht Polenz
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Ruprecht Polenz

Der Katholik Polenz galt als enger Vertrauter von CDU-Chefin Angela Merkel. Auf ihre Intervention hin war der ruhige und zurückhaltende Jurist im April auf dem CDU-Parteitag in Essen mit 88,25 Prozent der Delegiertenstimmen zum Generalsekretär der Partei gewählt worden. Die CSU hatte zuvor Vorbehalte gegen Polenz geäußert. Möglicherweise stehe er zu weit "links", hieß es damals.

Polenz gilt als liberal gesinnter Politiker. So schrieb die "Frankfurter Allgemeine", dass er oftmals bereit sei, "sich über Konventionen hinwegzusetzen und Offenheit für Personen und Ideen zu entfalten". Polenz hatte sich unter anderem gegen die Anti-Doppelpass-Kampagne seiner Partei und für Islam-Unterricht an Schulen ausgesprochen.

Bei den Wahlen zum Fraktionsvorstand der Union fiel Polenz im März dieses Jahres durch und verlor auch die Position des Beisitzers, die er seit November 1998 innehatte. Auch in seiner Zeit als Generalsekretär war Polenz in der CDU umstritten. Intern war dem bedächtig agierenden Vater von vier Kindern zu lasches Auftreten gegenüber der Bundesregierung vorgeworfen worden.

Polenz scheute sich oftmals davor, in der Öffentlichkeit druckvoll zu agieren. "Rampenlicht kann mich auch blenden, und ich muss einen Blick für die langfristigen Perspektiven der Partei behalten", sagte er dazu im Gespräch mit dem SPIEGEL. Selbst bei der offiziellen Ankündigung seines Rücktritts auf einer Pressekonferenz der CDU am Montag blieb Polenz weitgehend emotionslos.

Der 54-Jährige hatte sich in der CDU stets für innerparteiliche Demokratie ausgesprochen. Kurz vor seinem Rücktritt hatte er beim CDU-Festakt zum 50-jährigen Jubiläum der Bundespartei in Goslar eine umfassende Parteireform angekündigt.

Der Rücktritt des Generalsekretärs kam für viele CDU-Politiker unerwartet. So erklärte Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der zu den politischen Vorbildern von Polenz zählt, er habe nicht mit so einer Entwicklung gerechnet.

Ruprecht Polenz sitzt seit 1994 für die CDU im Bundestag. Sein Direktmandat errang er im Wahlkreis Münster. Bei den Bundestagswahlen im September 1998 gehörte er zu den wenigen christdemokratischen Kandidaten, die damals ihr Direktmandat behaupten konnten. Als Bundestagsabgeordneter arbeitet Polenz unter anderem im Auswärtigen Ausschuss mit.

Christoph Seidler



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