Russisch-georgische Beziehungen Von Bruderliebe zum Bruderkrieg

Die Georgier waren den Russen einst die Lieblingskaukasier. Doch seit der georgischen "Rosenrevolution" hat sich die einstige Bruderliebe in aufrichtige Feindschaft verkehrt - der heutige rätselhafte Raketenzwischenfall markiert einen neuen Tiefpunkt in den Beziehungen der Nachbarländer.
Von Simone Schlindwein

Moskau - Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili spricht von einer "Bombardierung" seines Landes - der Kreml weist den Vorwurf brüsk zurück: Er entbehre jeder Realität, heißt es in Moskau. Von Provokationen ist die Rede, auf beiden Seiten.

Wer hier wen provoziert, diese Frage lässt sich derzeit kaum klären. Georgien wirft Russland vor, georgisches Territorium mit Raketen angegriffen zu haben. Der Zwischenfall soll sich in der Nähe des kleinen Ortes Zitelubani ereignet haben. Einwohner des Dorfes schilderten Reporten, sie hätten "zwei Flugzeuge in großer Höhe" gesehen, von denen eines "runtergegangen" sei und "irgendetwas abwarf".

Dieses "irgendetwas" soll nach Darstellung des georgischen Verteidigungsministeriums eine 1000 Kilogramm schwere Lenkrakete gewesen sein, die am Boden jedoch nicht explodierte. Die Bombe sei bereits gefunden worden, möglicherweise würden noch weitere folgen, hieß es in Tiflis. Im russischen Fernsehen wurden ein kleiner Krater und Raketenteile gezeigt, die russische Schriftzeichen trugen. Nach Angaben von Innenminister Wano Merabischwili wurden die Verletzung des Luftraums und der Raketen-Beschuss von georgischem Radar erfasst. "Zwei russische Flugzeuge haben unseren Luftraum verletzt", sagte ein Sprecher.

Die georgische Regierung ist entsprechend aufgebracht. Russland wolle Georgien destabilisieren und mit Gewalt von seinem pro-westlichen Kurs abbringen, keilte Saakaschwili heute in Richtung Moskau. "Wir erwarten eine offizielle Erklärung von Moskau", forderte er bei einer Begehung des vermeintlichen Tatorts. Der Angriff sei nicht nur ein Problem für Georgien, "sondern für die gesamte europäische Sicherheit".

Moskau dagegen dementierte jede Verwicklung in den Vorfall, der sich in der Nähe der abtrünnigen und pro-russischen Region Süd-Ossetien ereignete, wo es regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen georgischen Einheiten und Separatisten kommt, die von Moskau unterstützt werden.

Bruderliebe zu Sowjetzeiten

Der rätselhafte Raketenzwischenfall markiert einen neuen Tiefpunkt in den ohnehin nicht zum besten stehenden Beziehungen zwischen Russland und Georgien. Es ist ein rapider Verfall, der sich im Verhältnis der beiden Staaten in den vergangenen Jahren vollzogen hat. Denn allzu lang ist es noch nicht her, da war die Chemie zwischen Russen und Georgiern noch bestens.

Aus Moskau und Sibirien reisten die Menschen zum Badeurlaub an die georgische Schwarzmeerküste, um scharfes Hühnchen und Knoblauchquark zu genießen. Umgekehrt zog es Georgier in Scharen nach Moskau, sie eröffneten Restaurants oder verdienten ein paar Rubel als Gastarbeiter auf den Großbaustellen der Hauptstadt. Noch unter dem ehemaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin und seinem georgischen Kollegen Eduard Schewardnadse pflegte man zu Beginn der neunziger Jahre enge Beziehungen.

Doch wie Partnerschaften nach Jahren inniger Liebe manchmal in einem erbitterten Ehekrieg enden, so schlugen Mitte der neunziger Jahre die Beziehungen zwischen Russland und Georgien ins Gegenteil um. Moskau fällt es bis heute schwer, zu akzeptieren, dass Tiflis eine selbstbewusste Außenpolitik betreibt.

Spätestens nach der georgischen "Rosenrevolution", in welcher der in den USA ausgebildete Staatschef Saakaschwili 2003 an die Macht kam, hat sich die Bruderliebe zu einer aufrichtigen Feindschaft verkehrt. Georgien strebt unter dem Reformpräsidenten Saakaschwili in die Nato und träumt langfristig von einem EU-Beitritt. Davon verspricht sich die georgische Regierung Sicherheit und Stabilität des kleinen Landes, das nach dem Bürgerkrieg der frühen neunziger Jahre und den mit Unterstützung Russlands erfolgten Unabhängigkeitserklärungen der Regionen Süd-Ossetien und Abchasien innerlich zerrissen ist.

Tiflis betrachtet Russland als Besatzungsmacht

Die Regierung in Tiflis betrachtet Russland als Besatzungsmacht, weil das russische Militär die Uno-Friedenstruppen an den Grenzen zu Süd-Ossetien und Abchasien stellt. In einer Rede vor der Uno-Vollversammlung warf Saakaschwili Russland vor, die beiden abtrünnigen Republiken annektieren zu wollen. Doch Probleme mit Georgien seien laut dem ehemaligen Chef des russischen Sicherheitsrates Igor Iwanow, nicht entstanden, weil Georgien proamerikanisch gesinnt sei, sondern "weil von georgischem Gebiet aus Terroristen in Scharen herbeiströmten, die in Russland ihr Unwesen trieben".

Im vergangenen Jahr erlebte Georgien Moskaus Rache, nachdem die georgische Polizei vier russische Offiziere wegen angeblicher Spionage festgenommen hatte. Als Reaktion kappte die russische Regierung alle Bahn-, Schiff- und Flugverbindungen zwischen Russland und der kleinen Nachbarrepublik. In Militärmaschinen ließ die russische Regierung mehr als 1700 Georgier aus Moskau abschieben und holte in einer Evakuierungsmission russische Staatsbürger aus der georgischen Hauptstadt Tiflis zurück.

Seitdem gibt es kaum mehr georgische Männer und keinen georgischen Wein mehr in Russland. Schon ist sogar vom Bruderkrieg der beiden Nachbarländer die Rede, der mittlerweile vor den Augen der Weltgemeinschaft ausgetragen wird. Und ähnlich wie bei einem Ehekrieg geht es auch hier um die Kinder, die aus dieser Partnerschaft hervorgegangen sind.

Moskau stellt die ungelöste Frage der abtrünnigen Teilrepubliken Süd-Ossetien und Abchasien innerhalb der Uno auf eine Stufe mit der Kosovo-Frage: Entweder sollen außer dem Kosovo auch Abchasien, Süd-Ossetien und Transnistrien unabhängig werden - oder niemand.

Der populäre Bürgermeister der russischen Hauptstadt, Jurij Luschkow, bedauert einerseits, dass die Russen heutzutage die georgische Gastfreundschaft nicht mehr kennenlernen. Die ehemalige Brudernation andererseits warnte er vor ihren neuen Bundesgenossen, den USA, die auf fremde Völker letztlich immer von oben herabschauen: "Glaubt ja nicht, dass die Amerikaner euch so lieben werden, wie euch die Russen geliebt haben."

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