Russische Agentenaffäre Bei Anruf Zugriff

Warum ließ das FBI den russischen Spionagering ausgerechnet nach dem Staatsbesuch von Präsident Medwedew in den USA hochgehen? Laut "Washington Post" ist die Frage nun geklärt - ein Anruf der Agentin Anna Chapman bei ihrem Vater soll die US-Fahnder zum Zuschlagen bewegt haben.

Irina Kuschenko mit dem Bild ihrer Tochter, Anna Chapman: Anruf mit Konsequenzen
AP/ lifenews.ru

Irina Kuschenko mit dem Bild ihrer Tochter, Anna Chapman: Anruf mit Konsequenzen


Washington - Einem Zeitungsbericht zufolge ist das Rätsel gelöst, wie es zu der Festnahme des russischen Spionagerings in den USA kam - kurz nach der Visite von Dmitrij Medwedew bei seinem Amtskollegen Barack Obama. Wie die "Washington Post" am Sonntagabend unter Berufung auf nicht namentlich genannte Polizei- und Geheimdienstmitarbeiter berichtete, hatte die mutmaßliche russische Spionin Anna Chapman ihren Vater, einen Mitarbeiter des Außenministeriums und Veteranen des früheren sowjetischen Geheimdienstes KGB, nach einem Treffen mit einem verdeckt arbeitenden Agenten der US-Bundespolizei FBI im Juni angerufen. Das Treffen hatte bei Chapman offenbar Misstrauen erweckt.

Das FBI, das den Anruf dem Bericht zufolge mithörte, befürchtete, der russische Auslandsgeheimdienst SWR könne seine Agenten auffordern, aus den USA zu fliehen. Das FBI habe geplant, Chapman und den mutmaßlichen Agenten Michail Semenko über Informanten zu Taten zu verführen, die eine Anklage nicht nur wegen geheimen Informationsaustauschs mit russischen Diplomaten ermöglichen würden. Die US-Ermittler entschlossen sich der "Washington Post" zufolge zudem zu der Festnahme der zehn mutmaßlichen Agenten, weil einer von ihnen, Richard Murphy, eine Reise zum SWR-Hauptquartier in Moskau antreten sollte. Das FBI befürchtete, nach Chapmans Anruf könnte der SWR Murphy nicht wieder in die USA reisen lassen.

Die US-Ermittler hatten die Agenten vor der Festnahme bereits jahrelang im Visier. Es war darüber gerätselt worden, warum die Ermittler ausgerechnet Ende Juni zuschlugen.

Die Affäre hatte die Beziehungen zwischen Russland und den USA zunächst erheblich belastet. Beide Seiten arbeiteten danach an einer schnellen Lösung, um langwierige Gerichtsverfahren mit möglicherweise unangenehmen Enthüllungen zu vermeiden.

Im Zuge des ersten Agentenaustausches zwischen den USA und Russland seit dem Ende des Kalten Krieges wurden die Agenten am Freitag in der österreichischen Hauptstadt Wien gegen vier wegen "Kontakten mit westlichen Geheimdiensten" verurteilte Häftlinge ausgetauscht.

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Anna Chapmann: Liebe Grüße aus Moskau
Nach Angaben aus Moskau stand der Austausch zwischenzeitlich auf Messers Schneide. Nachdem die Namen der vier von Washington gewünschten Westspione in der russischen Presse aufgetaucht seien, wollte die US-Seite den Deal fast platzen lassen, sagte ein Moskauer Geheimdienstler der Zeitung "Moskowski Komsomolez". Zudem habe sich der Nuklear-Experte und angebliche CIA-Agent Igor Sutjagin vehement gegen einen Austausch gesträubt. Erst im letzten Moment seien die Hindernisse beseitigt worden.

Unterdessen haben die mutmaßlichen Spione abgeschirmt von der Öffentlichkeit ein neues Leben begonnen. Während die Behörden in beiden Ländern am Wochenende Stillschweigen bewahrten, begann in den Medien das Rätselraten um das Schicksal und den Aufenthaltsort der Agenten.

Die zehn in den USA begnadigten russischen Agenten waren zuvor bereits in Moskau angekommen. Die russischen Behörden machten über das Schicksal der Agenten keine Angaben und blockten alle Fragen zum Aufenthaltsort ab. Der Online-Zeitung Gaseta.ru zufolge wurden sie in das Hauptquartier des Auslandsgeheimdienstes SWR gebracht. Medienberichten zufolge nahm mindestens Agentin Chapman Kontakt mit ihrer Familie auf. Sie habe vom Flughafen aus ihre Schwester angerufen und gesagt, dass alles in Ordnung sei, berichtete das Onlineportal lifenews.ru.

Die frühere Sicherheitsberaterin der US-Regierung von Ex-Präsident George W. Bush, Francis Townsend, sagte dem Nachrichtensender CNN, auf die in die USA zurückgekehrten Agenten warte nun eine Nachbesprechung ihres Einsatzes, die Wochen oder sogar Monate dauern könne. Anschließend werde der Geheimdienst ihnen neue Identitäten geben und ein neues Leben ermöglichen. Das russische Fernsehen berichtete, der in die USA ausgelieferte Agent Alexander Saporoschski werde künftig in seinem fast eine Million Dollar (790.000 Euro) teuren Anwesen im US-Bundesstaat Maryland leben.

anr/AFP

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Seite 1
JDR 12.07.2010
1. ...
Zitat von sysopWarum ließ das FBI den russischen Spionagering ausgerechnet nach dem Staatsbesuch des russischen Präsidenten in den USA hochgehen? Laut "Washington Post" ist die Frage nun geklärt - ein Anruf der Agentin Anna Chapman bei ihrem Vater soll die US-Fahnder zum Zuschlagen bewegt haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705927,00.html
Nun, es scheint, dass die Attraktivität der jungen Dame von anderen Qualitäten abzulenken geeignet ist. Den richtigen Instinkt für den Job hatte sie jedenfalls... http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/07/11/AR2010071102416.html?hpid=topnews
Transmitter, 12.07.2010
2. Zweifel
Zitat von JDRNun, es scheint, dass die Attraktivität der jungen Dame von anderen Qualitäten abzulenken geeignet ist. Den richtigen Instinkt für den Job hatte sie jedenfalls... http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/07/11/AR2010071102416.html?hpid=topnews
Je mehr man über diesen "Agenten-Skandal" erfährt, je grösser werden die Zweifel, ob es sich überhaupt wirklich um Spione handelt. Falls ja, haben sie jedenfalls wohl nicht viel Bedeutendes herausfinden können.
rkinfo 12.07.2010
3. Keine große Gefahr
Zitat von sysopWarum ließ das FBI den russischen Spionagering ausgerechnet nach dem Staatsbesuch des russischen Präsidenten in den USA hochgehen? Laut "Washington Post" ist die Frage nun geklärt - ein Anruf der Agentin Anna Chapman bei ihrem Vater soll die US-Fahnder zum Zuschlagen bewegt haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705927,00.html
Ist ja nur logisch dass Agenten nach diesen vielen Jahren irgendwann man mißtrauisch werden wenn die überwacht werden. Realistisch erscheint dass die Ermittler schon früh immer das Thema schnelle Verurteilung plus Austausch im Blick hatten. Es waren ja keine 'großen Spione' und so waren sie nicht als unmittelbare Gefahr zu betrachten.
Barbapapa, 12.07.2010
4. Geklärt ist in meinen Augen was anderes
Zuerst liest man in den Medien, dass die über Jahre gesammelten Beweise nicht mal für eine Spionage-Anklage reichen, dann darf man lesen, dass die "Spione" von Geheimdienstmitarbeitern zu Straftaten angestiftet werden sollten, damit man sie neben der Spionage zu weiteren Straftaten anklagen kann. Natürlich wieder alles als Hörensagen-"Nachrichten" zentral verteilt per Agentur wie vom Ministerium für Sicherheit und Desinformation ins Volksbewusstsein geträufelt. Es lebe der Qualitätsjournalismus. Ohne ihn wäre regieren so nicht möglich.
SmarterAlsDu 12.07.2010
5. Für die Spionage in Russland braucht man Agenten
Um an Wirtschaftsdaten aus der EU zu kommen, reicht den USA ein Abkommen mit dem Universalargument "Terrorbekämpfung" und schon werden die Informationen freiwillig rausgerückt.
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