Russische Irak-Diplomatie Wege aus dem US-Desaster
Beim 19-jährigen Moskauer Nikolaj haben Folterfotos aus dem Bagdader Militärgefängnis Abu Ghureib keinen großen Eindruck hinterlassen. "Ich habe nur eines ganz kurz im Fernsehen gesehen und ein anderes in der englischsprachigen 'Moscow Times'", räumt er ein: "Aber irgendwie kam mir alles ziemlich bekannt vor, was dort gezeigt wurde."
Die Vertrautheit hat einen Grund: Nikolaj dient in der russischen Armee. Obwohl ihn ein gütiges Schicksal bislang vor Einsätzen in Tschetschenien und "ganz schlimmen Schikanen" bewahrt hat, kennt er zur Genüge die "gewöhnliche Folter des Rekrutenlebens": Schläge von altgedienten Kameraden und Offizieren, Tritte in die Kniekehlen, Dauer-Strammstehen, nackt, mit ausgestreckten Armen und auf einem Bein - was sich uniformierte Menschen eben so einfallen lassen, um andere gefügig zu machen.
Deshalb, sagt Nikolaj, aber nicht nur er, sei "ganz Russland eine Art Abu Ghureib, jedenfalls innerhalb seiner Knäste und Kasernen". Zu ganz ähnlichem Schluss gelangte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bei einer allrussischen Bestandsaufnahme vor knapp anderthalb Jahren: "Auf Polizeistationen, während der Untersuchungshaft und in Gefängnissen" werde "regelmäßig gefoltert". Und: Der Regierung fehle es "an politischem Willen, Angehörige der Armee für Menschenrechtsverletzungen zu bestrafen".
Wo gehobelt wird...
Doch Gewöhnung an alltägliche Grobheiten, traditionell geringerer Respekt vor Menschenrechten und eine insgesamt größere Geneigtheit, dort Späne zu akzeptieren, wo militärisch gehobelt wird, erklären selbst in der Summe nur unzureichend die auffällig gedämpfte Anteilnahme der Russen und ihrer Obrigkeit an der Zwangslage der Amerikaner im Irak. Fast scheint es, als profitierten US-Besatzer und ihre Verbündeten von jener Omerta, welche die russische Führung über das eigene Kriegshandeln im Kaukasus verhängt hat.
Wer von den Ausschreitungen der eigenen Okkupanten-Armee in den Kaukasusdörfern, wer von Drangsalierungen tschetschenischer Häftlinge im Gefängnis Tschernokosowo nicht schreiben soll, mag auch die Exzesse von Abu Ghureib nicht so wichtig nehmen. Oder allenfalls fragen, wie die liberale Moskauer Tageszeitung Kommersant, ob nicht auch "der gerechteste Krieg undenkbar ist ohne Militärgefängnisse" ?
Der russischen Diplomatie kommt das US-Debakel im Nahen Osten nicht ungelegen: Einmal kalmiert es fürs Erste die Sorge des Kreml, eine rasche Befriedung des Irak könnte jählings die Weltmarktpreise für Erdöl abstürzen lassen - und mit ihnen die unverändert durch Petrodollars zugleich beflügelte wie mumifizierte russische Wirtschaft. Zum anderen geben Moskau die herben Rückschläge Washingtons bei seinem martialischen Installierungsversuch von "freedom and democracy" das erste Mal seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Gelegenheit, sich dem alten Weltfeind und neuen Partner in der Anti-Terror-Allianz als erfahrener, älterer Bruder im Geiste des Imperialismus in Erinnerung zu bringen. Und an vor Tische getroffene Abmachungen zu erinnern.
Hauruck in die Demokratie
Schon die Aktion gegen die afghanischen Taliban habe gezeigt, zürnen russische Außenpolitiker, dass sich die USA nicht an Verabredungen halten: "Sie haben uns gesagt, dass sie gehen, wenn die Sache beendet ist", mahnt Moskaus Erster Vize-Außenminister Wjatscheslaw Trubnikow, "doch sie gehen nicht." Obwohl es doch nicht so schwer zu begreifen sei, dass man Staaten "mit tausendjährigen Traditionen" nicht einfach im Hauruck-Verfahren "westliche Demokratie" aufnötigen könne, äußerte sich Trubnikow gerade erst in der Moskauer "Nesawissimaja Gaseta".
Der Geostratege, dem besondere Nähe zu seinem Präsidenten nachgesagt wird, weiß, wovon er spricht: Er hat den Rang eines Armeegenerals und leitete bis vor vier Jahren den Bundesdienst für Außenaufklärung - Nachfolgeorganisation jener KGB-Hauptverwaltung, bei der sich einst Wladimir Putin seine Spionage-Sporen verdiente.
Ein Schirm für den Irak
Noch sehen Moskaus Sicherheitsstrategen Chancen, einiges von ihrem alten Einfluss im Irak zu retten, doch nur so lange, wie US-Versuche erfolglos bleiben, eine neue Infrastruktur aufzubauen. Eine Uno-Resolution, "die zu hundert Prozent die Interessen des Irak berücksichtigt", könnte nach Ansicht Trubnikows eben jene brüderliche "Hilfe" sein, die es den Amerikanern ermöglichen würde, "ohne Gesichtsverlust aus jener Sackgasse heraus zu kommen, in der sie sich gegenwärtig befinden". Mitarbeiter des stellvertretenden Außenministers arbeiten gegenwärtig an der Konstruktion eines "solchen internationalen Schirms für den Irak" (Amtsjargon). Auch der deutsche Kanzler und der französische Präsident hätten daran bei ihren letzten Moskau-Besuchen starkes Interesse gezeigt.
Freilich dürfte - ginge es nach dem Volkswillen - der diplomatische Schirm keiner sein, der die Amerikaner gefährlichen Gewittern vor gründlichem Nasswerden im Irak bewahrt. Denn das Herz des russischen Wahlbürgers schlägt für den irakischen Widerstand gleich welcher Couleur. Bei einer repräsentativen Umfrage, vor zwei Wochen vom Analysezentrum des Soziologen Juri Levada veranstaltet, wünschten sich 41 Prozent einen Sieg der Aufständischen; nur sieben Prozent mochten Partei für die USA und ihre Verbündeten ergreifen. Fast jeder zweite Befragte fand, eine krachende Niederlage der Amerikaner im Irak diene am besten russischen Interessen.