Russische Kriegsflotte in Syrien Die Schutzmacht zeigt ihre Waffen

Erst kamen Raketen, jetzt folgen Kriegsschiffe: Russland entsendet seinen einzigen Flugzeugträger nach Syrien, um das strauchelnde Assad-Regime zu stützen. Der Kreml fürchtet um einen seiner letzten Verbündeten in Nahost - und den Verlust von Milliardenaufträgen.

AFP/ SANA

Von


Die Besatzung der russischen Fregatte "Ladny" hat Erfahrung mit kniffligen Operationen. 2009 entsandte Moskau das 123 Meter lange Kriegsschiff, um die "Arctic Sea" aufzubringen. Der Frachter war im Juli auf der beschaulichen Ostsee von mindestens acht bewaffneten Männern in einem Schlauchboot geentert worden und galt kurz darauf als vermisst. Mitte August dann stellte die "Ladny" den Frachter an den Kapverdischen Inseln. Russische Staatsanwälte fanden nur "Holz aus Finnland" im Bauch des Schiffs. Bis heute kursieren Gerüchte über eine zweite, weitaus brisantere Fracht an Bord der "Arctic Sea": von russischen Waffen ist die Rede, von Raketen.

Weniger rätselhaft, aber kaum weniger heikel ist die derzeitige Mission der rund 130 Mann an Bord der "Ladny". Die Fregatte ist in Syriens Hafen Tartus eingelaufen, gemeinsam mit einem Flottenverband, dem auch die "Admiral Kusnezow" angehört, Russlands einziger Flugzeugträger, ein Koloss mit 2000 Mann Besatzung, Kampfflugzeugen und Helikoptern an Bord.

In Tartus unterhält Russland auch einen kleinen Marine-Stützpunkt mit rund 600 Mann. Es ist die einzige russische Basis im Nahen Osten. Moskau hat den großen Einfluss, den die Sowjetunion einst in Arabien und Nordafrika genoss, fast vollständig eingebüßt. Mit dem Sturz von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi ist die Zahl der russischen Verbündeten im Nahen Osten weiter geschrumpft: Es bleiben nur noch Algerien und Syrien.

Russlands Flottenverband eilt nun der bedrängten syrischen Führung um Präsident Baschar al-Assad zu Hilfe. Das Regime in Damaskus wehrt sich mit brutaler Gewalt gegen einen immer weiter um sich greifenden Aufstand. Am Samstag starben nach Angaben der Opposition mindestens 29 Menschen. In der Provinz Idlib nahe der türkischen Grenze wurde nach Angaben von Aktivisten am Sonntag der Ort Sarakeb unter Beschuss genommen. Dabei seien ein Teilnehmer eines Sitzstreiks durch Granatsplitter getötet und mindestens 20 verletzt worden. Die Vereinten Nationen und internationale Beobachter schätzen, dass seit Ausbruch der Unruhen mindestens 6000 Menschen ums Leben gekommen sind.

Moskau behält Assad-freundlichen Kurs bei

Weil auch die Gewalt trotz einer Beobachtermission der Arabischen Liga unvermindert andauert, drohen die USA erneut mit "weiteren Schritten" gegen Syrien.

Offiziell spricht Russlands Marine nur von einem unpolitischen Routinebesuch. In Tartus sollten die Schiffe Vorräte bunkern. Die Bilder, die Syriens Nachrichtenagentur Sana stolz verbreitet, sprechen aber eine andere Sprache: Moskaus Kriegsschiffe wurden mit allen Ehren empfangen. Obwohl Assads Truppen immer häufiger in Kämpfe mit Deserteuren oder anderen Aufständischen verwickelt werden, nahm sich Syriens Verteidigungsminister Dawud Radschiha eigens Zeit, um Moskaus Emissäre in Tartus persönlich zu begrüßen. Der Besuch der Militärs aus Russland sei eine "Demonstration der Solidarität" gewesen, meldeten Syriens Staatsmedien.

Ungeachtet des brutalen Vorgehens der syrischen Führung behält Moskau seinen Assad-freundlichen Kurs bei. Russlands Außenminister Sergej Lawrow sieht in Syrien gar Extremisten am Werk, die "eine humanitäre Katastrophe provozieren wollen, um einen Vorwand zu bekommen, ausländisches Eingreifen zu fordern".

Im Oktober hatte die Veto-Macht Russland gemeinsam mit China im Uno-Sicherheitsrat eine Resolution verhindert, die Syrien Sanktionen androhte, sollte die Gewalt andauern. Russland kümmere sich nicht um das syrische Volk, sondern liefere lieber Waffen an Damaskus, schimpfte Washingtons Uno-Botschafterin Susan Rice nach der Abstimmung.

Tatsächlich gilt Assad als zahlungskräftiger Kunde russischer Waffenschmieden. Laut Angaben des Fachdienstes "Moscow Defense Brief" will Syrien Flugzeuge, Artillerie und Boden-Luft-Raketen im Wert von mehr als vier Milliarden Dollar in Russland kaufen. Im Dezember traf eine Lieferung russischer "Jachont"-Raketen in Syrien ein. Israel hatte versucht, den Verkauf der modernen Anti-Schiff-Lenkwaffen zu verhindern.

Russlands Image-Problem bleibt

Auch sonst macht Russlands Wirtschaft in Syrien gute Geschäfte: Der Ölkonzern Tatneft will knapp 13 Milliarden Dollar in die Erschließung eines syrischen Ölfelds investieren. Die Kritik von Rice konterte Moskau prompt: Die eigenen Waffengeschäfte fielen angesichts amerikanischer Rüstungsverkäufe in die Region ja kaum ins Gewicht. Washington hat gerade erst einen 30-Milliarden-Dollar-Deal mit Saudi-Arabien besiegelt.

Russlands Image-Problem aber bleibt: Moskau steht - wie der britische Außenminister William Hague sagte - "Seit an Seit mit einem brutalen Regime". Die angesehene Moskauer Tageszeitung "Kommersant" findet gar, Russlands Diplomaten böten "Baschar al-Assad verlässlicheren Schutz, als dessen eigene Generäle".

Appelle, Moskau möge sich besinnen und "auf die gute Seite der Geschichte" (US-Außenministerin Hillary Clinton) stellen, dürften aber verpuffen: Zu frisch sind die Erinnerungen an die aus Moskauer Sicht schlecht verlaufene Libyen-Intervention 2011. Angesichts von Gaddafis Brutalität hatte der Kreml vor knapp einem Jahr den Weg für ein militärisches Eingreifen frei gemacht und im Sicherheitsrat auf sein Veto verzichtet. Danach aber habe der Westen die Grenzen des Mandats, das nur die Errichtung einer Flugverbotszone vorsah, überschritten. Britische, französische und amerikanische Jets bombten die Rebellen an die Macht.

Russland verlor einen Verbündeten - und Milliarden an Rüstungs- und Wirtschaftsaufträgen.

insgesamt 98 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bayrischcreme 09.01.2012
1.
---Zitat--- Russlands Außenminister Sergej Lawrow sieht in Syrien gar Extremisten am Werk, die "eine humanitäre Katastrophe provozieren wollen, um einen Vorwand zu bekommen, ausländisches Eingreifen zu fordern". ---Zitatende--- Wäre das denn soooo abwegig?
BöHsling 09.01.2012
2.
Zitat von bayrischcremeWäre das denn soooo abwegig?
ja, eigentlich ist das sehr abwegig, nur für den anti-eu/usa-club, der hier im forum sehr aktiv ist, wahrscheinlich nicht.
mindphuk 09.01.2012
3.
Zitat von sysopErst kamen Raketen, jetzt folgen Kriegsschiffe: Russland entsendet seinen einzigen Flugzeugträger nach Syrien, um das strauchelnde Assad-Regime zu stützen. Der Kreml fürchtet um einen seiner letzten Verbündeten in Nahost - und den Verlust von Milliardenaufträgen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808026,00.html
Wen interessiere schon Menschenleben und -rechte, wenn man schön mit Waffen und Öl schachern kann. Aber die USA waren und sind da ja auch nicht unbedingt besser.
Xeelee101 09.01.2012
4.
Zitat von sysopErst kamen Raketen, jetzt folgen Kriegsschiffe: Russland entsendet seinen einzigen Flugzeugträger nach Syrien, um das strauchelnde Assad-Regime zu stützen. Der Kreml fürchtet um einen seiner letzten Verbündeten in Nahost - und den Verlust von Milliardenaufträgen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808026,00.html
Wie pro Revolutionär der Artikel doch geschrieben ist. Klar im kollenktiven Gedächtniss der westlichen Welt ist "Der Russe" ja immer noch das absolut Böse. Ein Feind, der nur auf eine Schwäche des Westen wartet um über ihn herzufallen. Nur dann frag ich mich wie viele Länder hat Russland denn in den letzen Jahren mehr oder weniger Grundlos überfallen (1-3 wenns hochkommt) und wie viele die Amerikaner. (5 kann ich mal eben so aus dem Ärmel schütteln) Vor allem macht der Westen denn irgendetwas besser? Kaum stirbt in Nordkorea der Machthaber wird die gesammt Pazifikflotte in Alarmbereitschaft versetzt und Manöver abgehalten. Kaum probt der Iran mal ob seine Schlauchboote (sorry) hochseetauglich sind, steht die Navy stramm. Kaum schreien ein paar Islamisten in Libyen nach hilfe entsendet der Westen Flottenweise Schiffe und Geschwaderweise Jagtbomber. Wo bitteschön machen wir was anderes/besseres als die Russen??? Und wenn der Flugzeugträger Nachschub braucht, ja dann wird er wohl irgendwo anlegen müssen. Und wenn ein FLUGZEUGTRÄGER, hallo Leute wir reden hier von einem 300m Schiff, in irgendeinem Hafen auf dieser Welt einläuft, dann wird dieses Schiff verdammt noch mal auch gebührend empfangen. Was glaubt ihr denn was in Hamburg los wäre, wenn die George W. Bush (der Flugzeugträger) einlaufen würde? Da würde Frau Merkel samt Kabinet auch auf dem Deck zu sehen sein. Ist ja schön und gut wenn da ein paar Kriegsschiffe einlaufen, aber deshalb muss man doch nicht so ein gezehtere machen. Man darf meckern wenn diese Schiffe sich in den Konflikt einmischen, aber solang sie nur im Hafen liegen gibt es keinen Grund da etwas hineinzuinterpretieren.
Wasnun 09.01.2012
5. Dieses Schiff
Zitat von sysopErst kamen Raketen, jetzt folgen Kriegsschiffe: Russland entsendet seinen einzigen Flugzeugträger nach Syrien, um das strauchelnde Assad-Regime zu stützen. Der Kreml fürchtet um einen seiner letzten Verbündeten in Nahost - und den Verlust von Milliardenaufträgen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808026,00.html
ist wohl mehr eine schwimmende Antennenplattform als ein kampffähiger Flugzeugträger.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.