Russische Präsidentschaftswahlen Schirinowski geifert gegen den Rest der Welt
Moskau - Die Kugel durchschlägt die Brust links, knapp unterhalb des Herzens. "Schauen Sie, was ich mit Medwedew gemacht habe", frohlockt Wladimir Schirinowski, als sich das ohrenbetäubende Echo des Schusses verloren hat. Das schwarze Benelli-Gewehr lag leicht in seinem Arm, als er den Abzug drückte - das Großkaliber wiegt nur drei Kilogramm. Dann lässt sich Schirinowski zeigen, was er erlegt hat: Zum Glück sind es nur Pappkameraden.
Es ist ein Präsidentschaftswahlkampf ganz nach dem Geschmack des Vorsitzenden der nationalistischen Liberaldemokratischen Partei (LDPR). Auf einem Schießstand vor Moskau wirft sich Schirinowski, gewandet in Tarnmontur und Wanderstiefel, martialisch in Pose. Gefährlich wird er aber niemandem. Wer ihn sieht, glaubt ihn im Krieg. Doch wie immer ballert Schirinowski hingebungsvoll lärmend auf Phantome.
Der "Hetzer" und der KGB
Siegessicher gibt er einen derben Witz zum Besten: "Sagt Medwedew nach der Wahl zu seiner Frau: Liebling, heute schläfst du mit dem Präsidenten. Sie antwortet: Wann kommt Schirinowski denn?" Doch die Zoten des Rechtsauslegers können nicht darüber täuschen, dass er ganz andere Gegner ins Visier nimmt als den Erben des Kreml. Allabendlich balgt sich der 61-Jährige mit dem Kommunistenführer Gennadij Sjuganow und dem blassen Pseudodemokraten Andrej Bogdanow. Es ist die Runde der Verlierer, die sich halbherzig um den zweiten Platz hinter Putins Favoriten Medwedew streitet.
Im schalen russischen Wahlkampf ist es Schirinowski, der für mäßig unterhaltsame Slapstick-Einlagen sorgt. Geifernd attackiert er die Kommunisten, die Demokraten, die Wirtschaftsliberalen. "Am Tag nach der Wahl mach ich die Grenzen dicht", poltert Schirinowski. Er will sie einsperren, alle. "Wenn Sie meinen, das seien polizeistaatliche Maßnahmen - bitteschön. Ich verspreche sie zu ergreifen."
Doch die um Originalität bemühten Tiraden verhüllen kaum mehr, dass der alternde Schirinowski eine Parodie seiner selbst ist. "Hetzer" nannte ihn der SPIEGEL 1994 und die "Bild" titulierte ihn gar als "Russen-Hitler". Dabei war Schirinowski schon immer williges Werkzeug der wechselnden Herren des Kreml. 1991 führte der russische Geheimdienst KGB Regie bei der Gründung der LDPR, die Schirinowski seither führt. Die Kunstpartei wurde noch von den roten Herrschern aus der Taufe gehoben, um die Stimmen der Zukurzgekommenen und Enttäuschten zu kanalisieren.
Bizarre Allianz mit der Deutschen Volksunion
Das Parteimonopol der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) war gefallen, und Schirinowskis LDPR profilierte sich als zahnlose, linksliberale Alternative zu den Kommunisten. Während der Jahre von Boris Jelzins Präsidentschaft plusterte sich ihr ewiger Führer dann zum radikal antiwestlichen Imperialisten auf. Der vermeintliche neofaschistische Widersacher half Jelzin, sich die Unterstützung von Europa und den USA zu sichern.
Aus dieser Zeit datiert auch ein skurriles Bündnis mit der rechtsextremen Deutschen Volksunion (DVU), die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Doch die Allianz mit den deutschen Rechtsaußen zerbrach, wohl weil Schirinowski Deutschland am liebsten "so klein wie Österreich" sehen wollte.
Zwar gewannen Nationalisten und patriotisch gesinnte Kräfte Mitte der 90er Jahre Einfluss in Russland und bildeten eine breite Front gegen Jelzin. Tatsächlich wirkte die LDPR aber schon damals wie eine sedierende Ersatzdroge - ein Methadon-Programm, um das rechte Wählerpotential ruhig zu stellen. Schirinowski begnügte sich mit scharfer Rhetorik gegen den taumelnden Präsidenten, 1999 stimmte seine LDPR aber ganz auf Kreml-Linie gegen eine Amtsenthebung Jelzins.
Atombomben und Busenwunder gegen Großbritannien
Derweil steht die von ihm und seinem Sohn Igor Lebedew geführte Duma-Fraktion im Ruf, Unternehmern mit zweifelhaftem Leumund Parlamentsmandate zu verkaufen - und somit Immunität vor den Strafverfolgungsbehörden. Die LDPR bestreitet die Vorwürfe.
Der LDPR-Abgeordnete und Ex-Geheimdienstler Andrej Lugowoi wird derzeit von Scotland Yard wegen Mordes gesucht. Er soll in London den geflüchteten FSB-Agenten Alexander Litwinenko mit radioaktivem Polonium vergiftet haben. Im Wahlkampf zeigt sich Schirinowski gern mit Lugowoi, dessen skandalöse Kandidatur bei den Parlamentswahlen nur mit Billigung des Kreml möglich wurde. Ihm gehört auch der Sicherheitsdienst, in dessen Schießstand der LDPR-Führer auf seine politischen Gegner anlegt.
Für Putin sammelt der Polit-Clown heute beflissen Stimmen am rechten Rand. Als braunes Schreckgespenst für den Westen hat er aber ausgedient. Seine derben Parolen hat er zwar nicht eingestellt. Zuletzt stachelte er die russische Minderheit im Baltikum zum Separatismus an oder regte an, über dem Atlantik Atombomben abzuwerfen, um Großbritannien zu überfluten.
Doch inzwischen setzt der Kreml selbst auf einen kalkulierten Konfrontationskurs mit EU und Nato. So drohten im vergangen Jahr Hunderte Putin-treue Jugendliche kurzerhand, die estnische Botschaft zu demontieren. Schirinowski dürfte blass geworden sein vor Neid. Zu seiner eigenen Kundgebung vor der britischen Botschaft verlief sich im Januar, trotz prominenter Unterstützung durch ein gereiftes russisches Busenwunder, nur ein Dutzend Unentwegter.