Russische Reporter in der Ukraine "Das ist mein Krieg"

Viele russische Reporter in der Ostukraine schlagen sich eindeutig auf die Seite der Separatisten. Deshalb werden sie von ukrainischen Sicherheitskräften wie feindliche Kämpfer behandelt - einige sind bereits gefallen.
Reporter Korneljuk: Unter Feuer ukrainischer Truppen geraten

Reporter Korneljuk: Unter Feuer ukrainischer Truppen geraten

Foto: imago

Igor Korneljuk war 37 Jahre alt, als er starb, getroffen von den Splittern eines Artillerie-Geschosses in der Nähe der Stadt Luhansk in der Ostukraine. Er hat als Korrespondent für Russlands Kanal Rossija gearbeitet, einen Staatssender. Korneljuk geriet unter Feuer ukrainischer Truppen, als er mit prorussischen Separatisten der selbsternannten Volksrepublik unterwegs war. Ums Leben kam bei dem Angriff auch ein zweiter Mitarbeiter des Kanals, Anton Woloschin.

Verantwortlich für den Tod seien "jene, die sich in Kiew Staatsgewalt nennen", polterte Premierminister Dmitrij Medwedew und forderte eine Untersuchung. Moskaus Medien sind seit Tagen voll von Berichten über russische Reporter, die in der Ostukraine verletzt, bedrängt oder von ukrainischen Sicherheitskräften festgenommen wurden. #SaveOurGuys, unter diesem Hashtag zeigten sich im Internet viele Russen solidarisch.

Angesichts der Gefahren im Krisengebiet und schwindenden Interesses haben viele westliche Medien ihre Teams abgezogen. Ukrainische Reporter meiden die von Separatisten kontrollierten Gebiete, denn sie werden von den Kämpfern als Gegner betrachtet.

Geblieben sind die Russen. Der Bürgerkrieg, die Kämpfe und das Leid der Zivilbevölkerung im Nachbarland bleiben in Moskau Nachrichtenthema Nummer eins, Weltmeisterschaft hin, Irak-Krise her. Die Mitarbeiter von Qualitätsmedien wie der Zeitung "Kommersant" oder dem Magazin "Russkij Reporter" sind die letzten verlässlichen Berichterstatter.

Doch die Mehrheit der Reporter im Osten der Ukraine verdient ihr Geld bei Kreml-nahen Medien: Wie Korneljuk bei den großen TV-Sendern, die seit Monaten gegen die "faschistische Junta" in Kiew wettern, bei dem mit Russlands Geheimdiensten verdrahteten Webportal "Lifenews" oder dem Millionenblatt "Komsomolskaja Prawda".

Kreml-Medien als Kämpfer für die russische Sache

Immer öfter geraten deren Mitarbeiter in das Visier ukrainischer Sicherheitsbehörden. Vor Wochen sorgte in Russland der Fall von zwei "Lifenews"-Mitarbeiter für Aufsehen, die tagelang vom ukrainischen Geheimdienst verhört wurden. Nach der Freilassung gaben sie an, gefoltert worden zu sein. In dieser Woche machte die Festnahme von Reportern des TV-Senders Swesda (russisch für Stern) Schlagzeilen, der dem Moskauer Verteidigungsministerium gehört. Sie wurden im ukrainischen Fernsehen vorgeführt. Sie hatten Blutergüsse im Gesicht. Offenbar unter Druck verlasen sie Erklärungen, sie hätten sich diese selbst zugefügt, bei einer "Schlägerei im Suff".

Die Kreml-nahen Medien sehen sich als Kämpfer für die russische Sache. Mitarbeiter von "Lifenews" führten sich "faktisch auf wie Presse-Sekretäre der Separatisten", so Ilja Barabanow von der Tageszeitung "Kommersant". Wohl deshalb behandeln ukrainische Sicherheitskräfte Journalisten aus dem großen Nachbarland wie feindliche Kämpfer.

"Lifenews"-Reporter montieren schon mal einem Separatisten eine Helmkamera auf, um exklusive Aufnahmen von den Kampfhandlungen zu bekommen. Die Teams des Portals "arbeiten als Aufklärung für die Aufständischen, die sich selbst nicht mehr aus der Stadt herausbewegen können", berichtet ein Journalist, der über Wochen in der Rebellenhochburg Slowjansk eingesetzt war, seinen Namen aber nicht veröffentlicht sehen will. Russische TV-Teams führten den Rebellen ihr Filmmaterial vor, aus dem diese dann Erkenntnisse über Positionen und Stärke der ukrainischen Einheiten ziehen können.

"Dieser Krieg hat sich als meiner entpuppt"

Vor allem in der eingeschlossenen Stadt Slowjansk sterben immer wieder unbeteiligte Zivilisten bei Gefechten. Russlands Propaganda aber bläst diese Fälle auf zu einem "Genozid an der russischen Bevölkerung".

Der ums Leben gekommene TV-Mann Korneljuk berichtete in seiner letzten Reportage von einem angeblichen Massaker, bei dem in einem Ort bei Luhansk "fast die gesamte Zivilbevölkerung niedergemetzelt" worden sei. Seine einzige Quelle war die Aussage eines Separatisten, andere Stimmen kamen nicht zu Wort. Mitunter unterlegen die Hauptnachrichten ihre Berichte mit Aufnahmen, die in Wahrheit nicht aus der Ukraine stammen, sondern von Kämpfen im russischen Nordkaukasus.

Für Russlands Staatssender gilt die Devise, die Margarita Simonjan, Chefredakteurin des englischsprachigen Senders Russia Today ausgegeben hat: "Wenn Russland Krieg führt, dann ziehen wir mit in die Schlacht", hat sie im Interview mit SPIEGEL ONLINE einmal gesagt.

Viele russische Journalisten sehen das ähnlich. So brüstete sich kürzlich ein Mann der Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" damit, er sehe sich als "Putins Fußsoldat". Auf das Millionenblatt kann Putin zählen: Als 2012 in Moskau Zehntausende gegen Wladimir Putins Rückkehr in den Kreml demonstrierten, trommelte die "Komsomolskaja Prawda" für eine "Demo gegen diese ganzen Demos".

In der Ostukraine spielt die Zeitung eine besonders unrühmliche Rolle. Kriegsreporter Dmitrij Steschin forderte die Separatisten auf, "Bild"-Reporter Paul Ronzheimer festzunehmen, weil Ronzheimer über Manipulationen des Referendums der Kämpfer berichtet hatte. Später schrieb Steschin, er bedaure, dass man die "Schwuchtel von 'Bild'" nicht erwischt habe.

Steschin posiert auf Facebook in Tarnkleidung und mit Militärmütze. Dem Portal "Colta" erklärte er: "Dieser Krieg hat sich als meiner entpuppt".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.