Russischer Gifterfinder Tödliche Tropfen im Telefonhörer

Wladimir Ugljow hat einst die Nowitschok-Gifte mitentwickelt. Er sagt: Solch ein Stoff wurde schon vor zwei Jahrzehnten bei einem Mord eingesetzt. Ein Besuch am Schwarzen Meer.
Ugljow am Schwarzen Meer

Ugljow am Schwarzen Meer

Foto: Arthur Bondar / DER SPIEGEL

Was hat sich Wladimir Ugljow gedacht, als er vom Giftanschlag auf Sergej Skripal hörte? Ugljow steht am Ufer des Schwarzen Meeres, wo sich Möwen und Schwäne um die Brotkrumen der Passanten streiten, und denkt kurz nach. "Noch einer", habe er sich damals gedacht. Noch ein Anschlag, der vielleicht mit jenem Gift verübt worden ist, das er, Ugljow, einst entwickelt hat. Es wäre nämlich nicht der Erste.

Wladimir Ugljow ist Chemiker, er hat zwei Jahrzehnte seines Lebens darauf verwendet, die tödlichsten Gifte der Welt zu suchen. Bis er irgendwann dachte, dass es bessere Ziele im Leben geben muss. Das ist alles schon sehr lange her, es geschah zu Zeiten der Sowjetunion, und heute ist Ugljow ein Rentner von 71 Jahren.

Aber die Geschichte von einst hat ihn wieder eingeholt. Der russische Ex-Agent Sergej Skripal und seine Tochter Julia wurden mit einem Nervengift namens "Nowitschok" vergiftet, so sagt es jedenfalls die Regierung in London. Das Gift stamme aus Russland. Sein Einsatz sei höchstwahrscheinlich von Putin selbst bewilligt worden, fügte der britische Außenminister hinzu. Moskau streitet vehement ab, fordert Beweise. Es sagt sogar: Ein Forschungsprogramm unter dem Namen "Nowitschok" habe es nie gegeben, weder zu Sowjetzeiten noch später. Ugljow ist über Nacht zum wertvollen Zeitzeugen geworden.

Wladimir Ugljow

Wladimir Ugljow

Foto: Arthur Bondar / DER SPIEGEL

Seine Geschichte beginnt in den Siebzigerjahren, in einem Sperrgebiet an der Wolga. Dort lag eine Außenstelle des NIIOChT, des Staatlichen Forschungsinstituts für organische Chemie und Technologie in Moskau. Ugljow war nach dem Chemiestudium dort hingekommen. Es war ein ziviles Institut, aber im Auftrag des Militärs suchte es nach neuen Kampfstoffen.

Ugljows Vorgesetzter Pjotr Kirpitschow entdeckte in den Siebzigern eine neue Generation von Nervengiften - Organophosphate, die weitaus toxischer waren als der bis dahin bekannte giftigste Stoff, das im Westen entwickelte Nervengift VX. Von Hunderten synthetisierten Stoffen erwiesen sich drei als dauerhaft erfolgreich. Zwei, sagt Ugljow, habe er 1976 selbst gefunden. Er will ihre Namen nicht nennen, weil er sich immer noch an die Geheimhaltung gebunden fühlt. Aber man kann aus seinen Angaben schließen, dass es die Stoffe A-232 und A-234 sind.

Das Programm, in dem die neuen Wirkstoffe gesucht wurden, hieß "Foliant". "Nowitschok", wörtlich "Neuling", hießen offenbar nur die paar erfolgreichen neuen Wirkstoffe, genauer gesagt: die militärischen Anwendungen, die darauf basierten. Das erklärt die Verwirrung mit den Namen. Im Institut sprachen die Zivilisten nicht von Nowitschok. Aber das heiße nicht, dass es kein Programm unter diesem Namen gegeben habe, so Ugljow.

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Giftattacke auf Sergej Skripal: Das Drama von Salisbury

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Es war eine spannende Arbeit. Ugljow verurteilt sie heute, aber sein Forscherstolz ist ihm immer noch anzumerken. Sie war aber auch gefährlich. Einmal explodierte ihm der Kolben. "Ich hatte furchtbare Angst", sagt er. "Aber diese Angst ist bereits ein Symptom der Vergiftung." So wie es Kampfstoffe gibt, die Durchfall bewirken, so bewirken die Gifte der Nowitschok-Reihe unter anderem Angst. Sergej Skripal mit seiner Tochter Julia muss sie gespürt haben.

In U-Haft wegen Geheimnisverrat

Mit dem Niedergang der Sowjetunion kamen ihre Geheimnisse nach und nach ans Licht. Das war gut. Allerdings gerieten ihre Geheimnisse auch außer Kontrolle. Das war schlecht.

1992 machte ein Moskauer Kollege von Ugljow die neuen Superkampfstoffe publik. Er kam wegen Geheimnisverrates in Untersuchungshaft, Ugljow setzte sich für ihn ein. Er drohte Russlands Präsident Boris Jelzin damit, die Formel der Stoffe zu veröffentlichen.

Das Institut hatte er erst vorübergehend, dann ganz verlassen. Er handelte auf dem Markt von Schichany "mit Klamotten", wie er sagt. Der Staat war schwach, der Kapitalismus machte sich mit Gewalt breit. Und wie sich herausstellte, gab es Menschen, die nicht mit Klamotten handelten, sondern mit Chemiewaffen.

Im Video: Was hat es mit dem Kampfstoff auf sich?

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1995 wurde der prominente Bankier Iwan Kiwelidi vergiftet. Es war ein spektakulärer Mord, selbst für eine Zeit, in der in Moskau ständig Bankiers getötet wurden. Offenbar hatte der Täter ein Nervengift in Kiwelidis Telefonhörer getropft. Fast hätten die Ärzte den Mord mit einen Schlaganfall verwechselt - wäre nicht auch Kiwelidis Sekretärin mit denselben Symptomen gestorben.

"Nicht in Russland gekocht"

Das Gift ließ sich eindeutig in Ugljows Labor in Schichany zurückverfolgen. Der Verdacht fiel deshalb auch auf ihn, er wurde von den Ermittlern befragt. Aber es stellte sich heraus, dass Ugljows Kollege Leonid Rink mehrfach Ampullen mit Nervengift gegen Dollars verkauft hatte. Er gab das selbst zu - die Moskauer "Nowaja Gaseta" veröffentlichte seine Aussagen aus der Ermittlungsakte. Trotzdem wurde Rink nur zu einer verblüffend milden Strafe verurteilt.

Der Mord an Kiwelidi ist der Grund, warum Ugljow bei der Nachricht aus Salisbury dachte: "Noch einer". Sergej und Julia Skripal können nicht die ersten Opfer eines Nowitschok"-Giftes sein, da ist sich Ugljow ganz sicher - ein solches Gift wurde schon 1995 eingesetzt.

Aber der Mord von 1995 hat noch eine andere Bedeutung für den Fall in Salisbury: Ausgerechnet der Giftverkäufer von damals, Leonid Rink, wird heute von der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Novosti benutzt, um den Verdacht in der Sache Skripal von Moskau abzulenken und auf London zu richten. Die Briten würden deshalb keine Proben des verwendeten Giftes zur Verfügung stellen, "weil dann sofort klar ist, dass es nicht in Russland gekocht wurde."

Vermutlich hätten sie die Skripals selbst vergiftet. Das Interview, kaum veröffentlicht, musste von Ria Novosti allerdings noch einmal umgeschrieben werden. Einige der Sätze, in denen Rink den Begriff "Nowitschok" verwendet hatte, wurden gestrichen - sie widersprachen der offiziellen Position Moskaus, wonach es eine solche Bezeichnung nie gegeben habe. Rink selbst tauchte nach dem Interview ab, er ist nicht erreichbar.

Gift in der Jackentasche

Ugljow wundert sich über seinen ehemaligen Kollegen Leonid, Kosename "Ljonja" und dessen Aussagen. Zum Beispiel die, Julia Skripal könne das Gift nicht im Koffer transportiert haben, das sei zu gefährlich. Warum eigentlich nicht? Rink habe das Gift ja einst auch in der Jackentasche transportiert. "Ljonja lügt", sagt Ugljow. Offenbar schreibe man ihm vor, was er zu sagen habe.

Aber auch Ugljow hat Fragen zum Fall in Salisbury. Wenn die Briten sicher sind, dass es sich um Gift aus Russland handelt - womit haben sie die Proben dann verglichen? "Das ist wie mit Fingerabdrücken - man braucht zwei, um vergleichen zu können." Das Gift können viele hergestellt haben. "Die Grundstoffe kriegt man in jeder Chemiehandlung", sagt er.

Es sind Fragen, die er selbst nicht mehr aufklären kann. Er ist 71 Jahre alt, und er hat mit anderen Problemen zu kämpfen. Seine Rente beträgt umgerechnet 200 Euro, er muss jeden Rubel umdrehen - vor allem, seit er der Gesundheit seiner Frau wegen ans Schwarze Meer gezogen ist, nach Anapa.

Hat er Angst, dass auch er selbst ein Opfer werden könnte? Immerhin ist er ohne sein Zutun in eine internationale Affäre geraten, und ganz am Rande auch in die Ermittlungen in einem geheimnisvollen Mordfall. "Angst?", fragt Ugljow verwundert. "Nein."


Der Mann, der Nowitschok erfand, im Interview, dazu exklusive Bilder aus russischen Geheimlaboren. Heute um 22.05 Uhr bei SPIEGEL TV, RTL.

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