Russischer Top-Diplomat "Mit Assads Nachfolge werden wir uns nie beschäftigen"

Russische Kampfjets unterstützen Vorstöße der syrischen Armee. Hier erklärt Moskaus Vize-Außenminister Gennadij Gatilow, warum der Westen seine Forderung nach Assads Rücktritt fallen lassen wird.
Russische Bomben: Luftschlag in Syrien

Russische Bomben: Luftschlag in Syrien

Foto: DPA/ Russian Defence Ministry
Zur Person
Foto: Salvatore Di Nolfi/ AP

Gennadij Gatilow, Jahrgang 1950, ist ein Veteran der russischen Nahost-Diplomatie. Der für Syrien zuständige Vize-Außenminister hat an den sowjetischen Botschaften in Ägypten und Jordanien gearbeitet, er spricht fließend arabisch. Der Nahe Osten, verkündet er, werde auf Jahre hinaus im Fokus der russischen Außenpolitik stehen. Gatilow sieht Moskau in einer besonderen Verantwortung: Russland sei den Ländern der Region "geografisch und historisch näher, wir verstehen ihre Mentalität besser, als es der Westen vermag. Zumindest haben wir nie versucht, den Menschen dort unseren Willen aufzudrängen". Der Seitenhieb gilt Washington und dem fehl geschlagenen Versuch, den Irak zu demokratisieren.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Politiker beschuldigen Russland, mit Bombenangriffen auf Aleppo die Fluchtbewegung nach Europa anzuheizen. Was sagen sie dazu?

Gennadij Gatilow: Die Flüchtlingswelle ist kein Resultat russischer Bomben. Sie ist früher entstanden, die Flüchtlingsströme haben Europa bereits vor dem Beginn unserer Militäroperation erreicht.

SPIEGEL ONLINE: In und um Aleppo geraten Zivilisten zwischen die Fronten. Russland und der Westen haben sich auf eine Feuerpause ab nächster Woche geeinigt. Bedeutet das ein Ende der russischen Angriffe?

Gatilow: Wir kämpfen gegen Terrorgruppen, gegen den "Islamischen Staat", die Nusra-Front und andere, die mit al-Qaida verbunden sind. Angriffe auf Objekte von Terroristen werden in jedem Fall weitergehen, selbst wenn es eine Einigung auf eine Feuerpause geben sollte. Eine solche Waffenruhe betrifft jene, die echtes Interesse am Beginn von Verhandlungen haben, nicht Terroristen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Russlands Ziele?

Gatilow: Wir handeln nicht aus Eigennutz. Im März währt dieser Krieg fünf Jahre. Unser Hauptziel ist Frieden in Syrien und der Beginn von Verhandlungen, in denen die Syrer über die Zukunft ihres Landes entscheiden. Wir wollen niemandem unseren Willen aufzwingen. Wir haben aber ein Interesse an Stabilität in der Region. Eine Lösung in Syrien hätte positiven Einfluss auf die Nachbarländer: Palästina, Libyen, den instabilen Irak, Nordafrika, auf all diese Länder breitet sich die terroristische Gefahr aus. Das ist eine brandgefährliche Entwicklung, hier müssen wir unsere Kräfte vereinen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das aussehen?

Gatilow: Wir werben seit Beginn unserer Angriffe für ein gemeinsames Vorgehen gegen den Terror. Wir wollen den Austausch von Informationen über Objekte, gegen die wir vorgehen. Leider haben wir auf unsere Vorschläge keine positiven Antworten aus dem Westen bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Europa und die USA stört, dass Russland nicht nur den IS bombardiert, sondern vor allem den Vormarsch der Regierungstruppen unterstützt.

Gatilow: Wir handeln ja auch auf Bitten der syrischen Regierung. Wir stimmen uns sehr eng mit Damaskus ab, anders als die Amerikaner. Dass wir andere Ziele als den IS bombardieren, dafür gibt es keine Beweise.

SPIEGEL ONLINE: Ärzte ohne Grenzen berichtet von Bomben auf Krankenhäuser.

Gatilow: Es gibt viele Angaben von NGOs, die nicht zutreffen. Nehmen sie die sogenannte syrische Beobachtungsstelle, die sitzt in Wahrheit in London und sammelt dort unbestätigte Meldungen. Darüber hinaus: Haben die Amerikaner nicht auch schon Krankenhäuser getroffen?

SPIEGEL ONLINE: Assad ist vielen in Syrien verhasst. Wieso drängen Sie ihn nicht, Platz zu machen für einen Nachfolger?

Gatilow: Er ist der legitime Präsident. Die Amerikaner haben uns oft gebeten: Kommt, wir klären gemeinsam, wer Syrien regieren wird. Mit so etwas werden wir uns nie beschäftigen. Das sollen die Syrer entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Es hat 2014 doch eine Wahl gegeben. Der Krieg ging dennoch weiter.

Gatilow: Weil die terroristische Gefahr wuchs. So anrüchig Assad auch sein mag, um ihn herum schart sich ein bedeutender Teil der syrischen Gesellschaft. Viele unterstützen ihn. Ginge er jetzt, würde Syrien als Staat endgültig zerfallen. Das sehen inzwischen sogar die Amerikaner ähnlich.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich?

Gatilow: Sie sind der Auffassung, jetzt sei nicht der Zeitpunkt, um Assads Schicksal zu entscheiden. Jetzt geht es um den Kampf gegen den Terror. Die militärische Situation am Boden hat sich verändert. Unterstützt durch Russland ist Syriens Armee erheblich vorgerückt. Sie hat Dutzende Ortschaften befreit. Saudi-Arabien, Katar und andere unterstützen die Gegner des Assad-Regimes. Das aber ist keine weitsichtige Politik. Man muss sich politisch einigen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Grundlinien für ein zukünftiges Syrien?

Gatilow: Wir müssen es als souveränen Staat erhalten. Es darf nicht zerschlagen werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum wäre eine Teilung schlecht?

Gatilow: Alle Volksgruppen haben doch auch früher in Syrien gut zusammengelebt. Sollte das Land zerfallen, werden wir etwas Ähnliches erleben wie in Libyen. Dort haben alle Versuche für eine Versöhnung nicht gefruchtet.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte der Konflikt so sehr eskalieren?

Gatilow: Die Regierung hat viele Fehler gemacht, dann haben sich Kräfte von außen eingemischt. Assad hätte die Eskalation verhindern können, hätte er rechtzeitig demokratische Reformen umgesetzt. So aber verschärfte sich die Auseinandersetzung immer weiter. Das hat Terrorgruppen angelockt, ihnen Nährboden geboten.

SPIEGEL ONLINE: Will Russland auch in Zukunft im Nahen Osten stärker als früher präsent bleiben?

Gatilow: Ja. Diese Region wird über lange Jahre Sorge bereiten. Dafür gibt es viele Gründe: Die Bombardierung Libyens, die Versuche, den Nahen Osten mit amerikanischen Schablonen zu demokratisieren. Das alles hat zu nichts Gutem geführt. Russland ist dieser Region geografisch und historisch näher. Wir verstehen ihre Mentalität besser als es der Westen vermag. Zumindest haben wir nie versucht, den Menschen dort unseren Willen aufzudrängen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.