Russland abseits der WM Millionen feiern, einer hungert

Mit großem Pomp beginnt die WM in Russland. Doch einer bejubelt das nicht: Der in Russland inhaftierte Regisseur Oleg Senzow befindet sich im Hungerstreik. Er fordert die Freilassung aller politischen Gefangenen aus der Ukraine.
Von Maxim Kireev
Oleg Senzow

Oleg Senzow

Foto: SERGEY PIVOVAROV/ REUTERS

Wenn heute im Moskauer Luschniki-Stadion in Weltmeisterschaft in Russland beginnt, wird das Land für 32 Tage im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen. Die Show zur Eröffnungsfeier, heißt es, werde von Russlands Natur, Geschichte, Traditionen und Kultur erzählen. Eben dem, worauf die Russen stolz sind.

Doch während Millionen Zuschauer das mit Sicherheit faszinierende Event im Fernsehen verfolgen werden, wird ein Mann ganz bestimmt keinen Stolz auf sein Land empfinden. Genau genommen ist es gar nicht sein Land, denn Russland hat ihn 2014 per Gesetz einfach zu seinem Staatsbürger gemacht: Als Wladimir Putin dank militärischer Übermacht zuerst die Halbinsel Krim der Ukraine entriss und sie dann der Russischen Föderation einverleibte. Der Mann heißt Oleg Senzow, 41 Jahre alt, ein ukrainischer Regisseur, geboren in Simferopol der Krim.

Kurz nach der Annexion wurde er von einem russischen Gericht wegen angeblich geplanter Terroranschläge auf der Krim zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt, die er derzeit im nordsibirischen Lagergefängnis in der Kleinstadt Labytnangi absitzt. Beobachter hatten den Prozess damals als Farce kritisiert.

Seit 32 Tagen, so lange wie die WM gehen wird, befindet sich Senzow nun im Hungerstreik, auch um auf andere politische Gefangene aus der Ukraine aufmerksam zu machen. Am Donnerstag wurde er auf die Krankenstation verlegt. Insgesamt sprach Senzow von 64 Personen, denen wahlweise Hochverrat, Extremismus oder Terrorismus vorgeworfen wird. Das ukrainische Außenministerium teilte mit, es sei bereit, Senzow gegen Häftlinge aus Russland auszutauschen.

Ende Mai hatte sich bereits die Europäische Filmakademie für Senzow eingesetzt und die europäische Politik aufgefordert, sich für seine sofortige und bedingungslose Freilassung einzusetzen. Zuletzt hatten sich über 80 Gruppen und Einzelpersonen aus der ukrainischen Zivilgesellschaft, darunter viele Künstlerinnen und Künstler, aber auch Sportler und Fußballfans, zusammengefunden, um Solidaritätsvideobotschaften aufzunehmen (eine Auswahl sehen Sie im unten stehenden Video).

Und auch in Russland mehren sich Stimmen für seine Freilassung. So bezeichneten Jurymitglieder beim russischen Filmfest Kinotawr in Sotschi vor wenigen Tagen Senzows Verurteilung als "politisch motiviert". Und selbst der umstrittene Kulturminister Russlands Wladimir Medinski erklärte Senzows Hungerstreik zur "Tragödie". Er rief zu einem humanen Umgang mit dem Filmemacher auf.

Doch Wladimir Putin bleibt bisher stur: Der Kremlchef bekräftigte erst vor wenigen Tagen bei einem Fernsehauftritt den fadenscheinigen Terrorismusvorwurf gegen Senzow.

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