Auffällige Symptome bei Kremlkritiker Auch Nawalnys Anwältin spricht von Gift

Der Gesundheitszustand von Kremlkritiker Nawalny sorgt für Spekulationen: Wurde er von Bettwanzen gebissen - oder vergiftet? Auch nach seiner Entlassung aus der Klinik zeigen sich seine Ärztin und seine Anwältin besorgt.

Alexej Nawalny vor seiner Festnahme und Erkrankung in Moskau
REUTERS

Alexej Nawalny vor seiner Festnahme und Erkrankung in Moskau


Am späten Sonntagabend wurde der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny mit geschwollenen Augenlidern und Ekzemen an Nacken, Rücken, Rumpf und Ellenbogen in ein Moskauer Krankenhaus gebracht.

Zuvor, am 24. Juli, war er wegen Störung der öffentlichen Ordnung zu einer 30-tägigen Haftstrafe verurteilt worden. Im Gefängnis hatte er dann über Symptome geklagt, die Ärzte des Städtischen Krankenhauses 64 kurz darauf als "Nesselfieber" bezeichneten. Man habe eine "generalisierte allergische Reaktion", ein "angioneurotisches Ödem" diagnostiziert, sagte der Mediziner Eldar Kazachmedow der Nachrichtenagentur Interfax. Das Gebaren der behandelnden Ärzte irritierte Nawalnys Angehörige:

  • So wurde nicht der Familie die Diagnose mitgeteilt, sondern der Nachrichtenagentur Interfax.
  • Seine Anwältin und seine Ärztin erhielten erst auf beharrliches Drängen hin Zugang zu dem Politiker.

Als sich am Sonntagabend Unterstützer von Nawalny vor dem Krankenhaus versammelten, wurden sie von der Polizei auseinandergetrieben. Einige wurden in Gewahrsam genommen, darunter auch Journalisten.

"Alexej geht es besser"

Beobachter vermuten schlicht, Nawalny sei von Bettwanzen gebissen worden und habe darauf eine allergische Reaktion entwickelt. Politische Wegbegleiter hingegen befürchten, die Beschwerden könnten Folge einer Vergiftung sein. Kein allzu weit hergeholter Verdacht, kamen doch schon andere Oppositionspolitiker in Russland gewaltsam zu Tode, etwa Boris Nemzow, der 2015 vor dem Kreml niedergeschossen wurde.

"Er wurde wirklich mit einer unbekannten chemischen Substanz vergiftet", sagte Nawalnys Anwältin Olga Michailowa vor Journalisten. "Es ist aber noch nicht klar, um welche Substanz es sich handelt." Michailowa erklärte, sie werde einen Antrag stellen, die Haftstrafe des Kremlkritikers aufgrund der Erkrankung zu verkürzen.

Nawalnys Hausärztin Anastasia Wassiljewa wurde nach einigem Hin und Her Zugang zu ihrem Patienten gewährt. Sie traf ihn laut eigener Aussage im städtischen Krankenhaus 64. "Alexej geht es besser", schrieb sie am Montag auf Facebook.

Anastasia Wassiljewa, Ärztin des Oppositionsführers Alexej Nawalny
MAXIM SHIPENKOV/EPA-EFE/REX

Anastasia Wassiljewa, Ärztin des Oppositionsführers Alexej Nawalny

Bei Nawalny sei eine "Kontaktdermatitis" diagnostiziert worden, man habe ihn mit Prednisolon behandelt - einem gängigen Medikament, das entzündungshemmend und antiallergisch wirkt. Der Giftstoff, der das Nesselfieber und die Hautausschläge ausgelöst habe, sei gleichwohl nicht bekannt, betonte Wassiliewa. Es sei auch kein Toxikologe hinzugezogen worden.

Ärztin von Nawalny fordert weitere medizinische Beobachtung

Die Medizinerin zeigte sich empört darüber, dass Nawalny nun umgehend zurück ins Gefängnis gebracht werden solle: "Ich bin kategorisch dagegen", schrieb sie. Ihr Patient werde damit erneut der Umgebung ausgesetzt, die seine Krankheit mutmaßlich hervorgerufen habe. Nawalny müsse weiter unter ärztlicher Beobachtung stehen, andernfalls könne sich sein Zustand erheblich verschlechtern.

Wassiljewa hatte Nawalny behandelt, nachdem man ihn im April 2017 mit einer grünen Flüssigkeit übergossen hatte. Dem Sender Doschd sagte sie, sie habe Haare und Kleidungsstücke von Nawalny aus dem Krankenhaus mitgenommen, um diese von unabhängigen Gutachtern auf mögliche Giftstoffe untersuchen zu lassen. Sie werde auch darauf drängen, dass Aufnahmen von Überwachungskameras in der Zelle analysiert würden.

Nawalny war zuletzt Anfang Juli wegen der Teilnahme an einem nicht genehmigten Protestmarsch zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt worden. Im Februar 2014 war er im Zuge von Betrugsermittlungen für zehn Monate unter Hausarrest gestellt worden.

Der Antikorruptionsaktivist ist einer der prominentesten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Demonstrationen organisiert, was ihm immer wieder kurze Haftstrafen einbrachte.

Tausende protestieren - Festnahmen

Laut Angaben der russischen Nichtregierungsorganisation OWD-Info wurden am Samstag etwa 1400 Oppositionelle auf einer nicht genehmigten Kundgebung für freie Kommunalwahlen in Moskau festgenommen. Geschätzt 3500 Menschen hatten laut offiziellen Angaben gegen den Ausschluss zahlreicher Oppositionskandidaten von der für September geplanten Kommunalwahl in Moskau demonstriert. Für kommenden Samstag rief die Opposition zu erneuten Protesten auf.

Die Bundesregierung forderte die rasche Freilassung der inhaftierten Demonstranten. Vizeregierungssprecherin Ulrike Demmer rief die russische Regierung "zur Einhaltung der Prinzipien von OSZE und Europarat" auf, was demokratische Grundsätze wie die Meinungsfreiheit betreffe. Zuvor hatten bereits die EU und die USA den Polizeieinsatz in Moskau als unverhältnismäßig verurteilt.

Im vergangenen September war bereits der russische Pussy-Riot-Aktivist Pjotr Wersilow mit möglichen Symptomen einer Vergiftung in ein Moskauer Krankenhaus gebracht worden. Der damals 30-jährige Politaktivist machte den russischen Geheimdienst für seine Erkrankung verantwortlich. Hintergrund für die Attacke sind laut Wersilow seine Recherchen über drei ermordete russische Journalisten in Zentralafrika.

ala/AFP



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