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21. Juli 2017, 13:03 Uhr

Russisches Rededuell

TV-Duell mit einem Warlord endet in Blamage

Von , Moskau

Als wenn Michael Phelps gegen einen Weißen Hai schwimmt: Der russische Oppositionspolitiker Nawalny hat im TV mit einem ehemaligen Kriegsherrn aus dem Donbass debattiert. Das konnte nicht klappen.

"Hat nicht geklappt mit der Show", so hat es Moderator Michail Sygar nach eineinhalb Stunden zusammengefasst, und das war noch sehr milde formuliert. Am Freitagabend ging die bizarrste und unglücklichste Wahlkampfdebatte der russischen Politik zu Ende - ein Rededuell zwischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny und Igor Girkin, dem berüchtigten Kriegsherrn aus dem Donbass-Konflikt.

Ein wenig erinnert das an die Idee, den Schwimmer Michael Phelps gegen einen Weißen Hai antreten zu lassen. Unterschiedlicher könnten die Teilnehmer nämlich nicht sein: Nawalny ist Politiker, er will bei den Präsidentschaftswahlen 2018 antreten (auch wenn die Chancen gering sind, dass man ihn zulässt). Girkin (besser bekannt unter seinem Pseudonym Strelkow) ist ein international gesuchter Geheimdienstoffizier, der die Annexion der Krim mitorganisiert und den Krieg in die Ostukraine getragen hat. Eine von ihm geführte Gruppe von Bewaffneten drang in den Donbass ein und besetzte im Frühjahr 2014 die Polizeistation von Slawjansk. Er hat viele Menschenleben auf dem Gewissen. An den Präsidentschaftswahlen will er nicht teilnehmen, sagt er.

Dass sich Nawalny dennoch auf Strelkows Vorschlag eingelassen hat, und dass das Ganze als "Wahlkampfdebatte" aufgezogen wurde, hat simple Gründe: Erstens braucht Nawalny Aufmerksamkeit um jeden Preis, es ist die einzige Ressource, die er hat, und nach erfolgreichen Straßenprotesten gegen Korruption im März und Juni droht sie zu versiegen.

Und zweitens will Nawalny an die Nationalisten appellieren, für die Strelkow ein Kriegsheld ist, auch nachdem er beim Kreml in Ungnade gefallen ist. Die Zustimmung vieler Liberaler hat Nawalny sowieso, die der Nationalisten - denen er selbst einst angehörte -, ist ausbaufähig.

So saß man sich denn gegenüber, präsidial gekleidet und höflich im Umgang, und sprach nach strengem Reglement über Korruption, über Russlands Außenpolitik, über Krim und Donbass. Nur die Leiche im Schrank erwähnte man kaum. "Haben Sie die Boeing MH17 abgeschossen?", wollte Nawalny wissen, es ging um das Passagierflugzeug, das 2014 über Separatistengebiet abgeschossen wurde. "Meine Miliz war's nicht", sagte Girkin-Strelkow knapp, im Übrigen sei ihm die Frage völlig egal. Nawalny, anstatt nachzuhaken, nahm es hin.

Hat es sich für Nawalny gelohnt?

"Ist Strelkow für Sie ein Kriegsverbrecher?", fragte der prominente Moderator Michail Sygar Nawalny. Er möge es nicht, mit wertenden Begriffen um sich zu werfen, wich Nawalny aus. Ausgerechnet! Er ist bekannt für seine polemischen Angriffe: "Gauner und Diebe" nennt er grundsätzlich die Mitglieder der Kreml-Partei.

Gegen die wirren Gedanken Strelkows (er will Weißrussland und die Ukraine an Russland anschließen und die Autokratie wiedererrichten, Putin ist ihm zu wenig radikal) klangen Nawalnys routinierten Ausführungen blass. Anstatt den Krieg im Donbass kategorisch zu verurteilen, klagte er über dessen wirtschaftliche Last für Russland. Und anstatt sich von radikalen Nationalisten zu distanzieren, ließ er sich auf einen Wettstreit ein, wer der eigentliche Nationalist sei.

Hat es sich für Nawalny gelohnt? Die Debatte wurde live im Internet übertragen, unter anderem vom liberalen Fernsehsender Doschd. Allein auf Nawalnys YouTube-Kanal hatten am Freitagmittag 650.000 Menschen das Video gesehen. Aufmerksamkeit gab es also, wenn auch nicht übermäßig große.

Aber der Versuch, sich präsidial zu geben, der ist an diesem Abend peinlich gescheitert, und das konnte gar nicht anders sein bei diesem Gesprächspartner.

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