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29. Juli 2019, 07:53 Uhr

Russischer Oppositionspolitiker

Nawalny möglicherweise mit Gift in Berührung gekommen

Kremlkritiker Alexej Nawalny wurde mit einer extremen allergischen Reaktion vorübergehend ins Krankenhaus eingeliefert. Seine Hausärztin sagt: Er könnte im Gefängnis Gift ausgesetzt gewesen sein.

Der Kremlkritiker Alexej Nawalny ist nach Angaben seiner Hausärztin möglicherweise mit Gift in Berührung gekommen. "Wir können nicht ausschließen, dass seine Haut von einem Gift berührt und von einer unbekannten chemischen Substanz durch einen Dritten verletzt wurde", schrieb die Medizinerin Anastasia Wassiliewa am Sonntagabend auf Facebook.

Der Oppositionspolitiker war vorübergehend in eine Krankenhaus eingeliefert worden. Mittlerweile wurde er entlassen und wieder ins Gefängnis gebracht.

Nawalny war am Mittwoch zu 30 Tagen Haft verurteilt worden, weil er zu einem nicht genehmigten Protest aufgerufen hatte. Nawalny ist einer der prominentesten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Demonstrationen organisiert, was ihm immer wieder kurze Haftstrafen einbrachte. Zuletzt wurde er Anfang Juli wegen der Teilnahme an einem nicht genehmigten Protestmarsch zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Im Februar 2014 war er im Zuge von Betrugsermittlungen für zehn Monate unter Hausarrest gestellt worden.

Am Sonntag gegen elf Uhr war er aus dem Gefängnis in eine Klinik gebracht worden. Die Ärzte des Städtischen Krankenhauses 64 hätten dem Oppositionellen "Nesselfieber" diagnostiziert, meldete die Agentur "Interfax". Spezialisten hätten ihn untersucht und eine "generalisierte allergische Reaktion", ein "angioneurotisches Ödem" diagnostiziert, so der Mediziner Eldar Kazachmedow. Nawalnys derzeitiger Zustand sei zufriedenstellend und entwickle sich positiv. "Er fühlt sich sehr viel besser, als bei seiner Ankunft."

Nawalnys Sprecherin Kira Jarmisch sagte, er habe niemals zuvor Allergien gehabt. Der Oppositionspolitiker habe geschwollene Augenlider und Abszesse an Nacken, Rücken, Rumpf und Ellenbogen.

Nawalnys Hausärztin forderte eine Untersuchung der Bettwäsche in seiner Gefängniszelle. Das Krankenhaus solle Nawalny "richtig" behandeln. Sie und eine andere Ärztin hatten Nawalny im Krankenhaus besucht und waren zunächst nicht zu ihm vorgelassen worden. Schließlich konnten sie ihn aber untersuchen.

Anastasia Wassiliewa hatte Nawalny behandelt, nachdem man ihn im April 2017 mit einer grünen Flüssigkeit übergossen hatte. Dem Sender Doschd sagte sie jetzt, sie habe Haare und ein Hemd von Nawalny aus dem Krankenhaus mitgenommen, um diese von unabhängigen Gutachtern auf mögliche Giftstoffe untersuchen zu lassen.

Zwar schwebt Nawalny nicht in direkter Lebensgefahr, doch viele Kremlkritiker dürfte sein Zustand dennoch beunruhigen. Schließlich sind schon andere Oppositionspolitiker in Russland gewaltsam zu Tode gekommen, etwa Boris Nemzow, der 2015 vor dem Kreml niedergeschossen wurde.

Ungeachtet Nawalnys Festnahme waren am Samstag wieder Tausende Menschen in Moskau auf die Straße gegangen, um gegen den Ausschluss wichtiger Oppositionskandidaten von der Regionalwahl in sechs Wochen zu protestieren. Mehr als tausend wurden dabei festgenommen.

Vor dem Krankenhaus 64 versammelten sich am Sonntagabend Unterstützer Nawalnys. Sie wurden von der Polizei auseinandergetrieben, die einige in Gewahrsam nahm, darunter auch Journalisten.

mfh/ala/AFP

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