Russland Auf dem Weg zum Welt-Atomklo

Umweltschützer schlagen Alarm. Russland will in Zukunft die Einfuhr von ausländischem Atommüll zulassen. Droht dem Land jetzt ein Schicksal als atomare Deponie für die ganze Welt?

Von Marion Kraske


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Moskau/Hamburg - Russland braucht Geld. Da wird man erfinderisch. Und mit Atommüll lässt sich welches verdienen, das hat sich auch in Moskau herumgesprochen. In dritter Lesung nahm die Duma am Mittwoch ein Gesetzespaket an, das künftig die Einfuhr von ausländischem Atommüll erlaubt. Für die Vorlage stimmten 243 Abgeordnete, mit "nein" lediglich 125. Nun muss das Gesetz noch vom Föderationsrat, der zweiten Kammer des Parlaments, gebilligt werden.

Die Befürworter der Atomgeschäfte hoffen auf hohe Einnahmen - insgesamt soll der Handel mit ausländischem Atommüll in den nächsten zehn Jahren umgerechnet 45 Milliarden Mark einbringen und damit auch die leeren russischen Staatskassen füllen. Umweltschützer machen Front gegen die Pläne der Regierung. Sie warnen davor, dass Russland mit diesem Freifahrschein für nuklearen Abfall zur größten Atommülldeponie der Welt verkommt.

Russland ein einziges Sicherheitsrisiko

Die Entscheidung, dass ausgerechnet Russland größere Mengen Atommüll aufnehmen will, bezeichnet Tobias Münchmeyer von der internationalen Sektion der Umweltorganisation Greenpeace im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE als "katastrophal". Russland sei weltweit mit Abstand das Land mit den schlechtesten Standards in diesem Bereich.

Der Unglücks-Reaktor von Tschernobyl
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Der Unglücks-Reaktor von Tschernobyl

Holprige Verkehrswege, laxe Sicherheitsbestimmungen und ein ungeahntes Ausmaß an Schlamperei - die ehemalige Sowjetunion und ihr Rechtsnachfolger zeichneten sich bislang nicht gerade durch besondere Sorgfalt im Umgang mit hochsensiblen atomaren Materialien aus. Der Super-GAU in Tschernobyl oder die unzähligen Unfälle in anderen Atomanlagen - sofern sie überhaupt bekannt wurden -, dazu strahlende Schrotthalden unter freiem Himmel, all das lässt Schlimmes befürchten.

Das Angebot, das die russische Regierung dem Ausland jetzt machen will, dürfte dennoch auf großes Interesse stoßen. Zwar ist bislang neben einer Wiederaufarbeitung auch von einer längeren Zwischenlagerung die Rede, doch geht Münchmeyer davon aus, dass es eine "endlose Zwischenlagerung" wird, de fakto also eine Endlagerung. Die Wiederaufarbeitung von Brennstäben ist nach Einschätzung von Münchmeyer jedoch die gefährlichste und umweltverschmutzendste Variante, noch schlimmer als die Lagerung. Abschreckende Beispiele sind die Anlagen im französischen La Hague und im britischen Sellafield, die die Umwelt massiv radioaktiv verstrahlt haben und von der deutschen Nuklear-Industrie seit Jahren beliefert werden. Nun plant auch Moskau, für die nächsten 20 Jahre im großen Stil in die Wiederaufarbeitung einzusteigen.

Taiwan, Südkorea und die Schweiz

Eine Liste des Atomministeriums Minatom in Moskau weist die Interessenten aus, die bereit sind, ihren hoch radioaktiven Abfall nach Russland zu schaffen. Neben Taiwan und Südkorea wird in erster Linie auch die Schweiz als potenzieller finanzkräftiger Atompartner genannt. Greenpeace hat die Geheimprotokolle von Verhandlungen der Schweizer Unternehmen mit dem Moskauer Atomministerium aufgespürt und veröffentlicht, 1999 wurden sie auch im SPIEGEL gedruckt. Das Protokoll mache deutlich, dass die Schweizer Industrie ein "größeres Interesse" an der Lieferung nach Russland hat, sagt der Atomexperte.

Offenbar waren die russischen Behörden brennend daran interessiert, die Kontakte mit den Eidgenossen unter Verschluss zu halten. Die Veröffentlichung der Gesprächsprotokolle hatte für Münchmeyer zumindest erhebliche Folgen: Seit 1999 erhält der Greenpeace-Mann, der lange in Moskau lebte, von den russischen Behörden kein Einreisevisum mehr.

Und Deutschland?

Umweltschützer gehen davon aus, dass mit den ersten Lieferungen die Hemmschwelle, abgebrannte Brennelemente nach Russland zu bringen, allmählich sinken wird. "Wenn erst mal die ersten Staaten ihren Müll dorthin gebracht haben, könnte sich ein Türöffnereffekt ergeben", befürchtet Münchmeyer. Seinen Informationen zufolge werden neben osteuropäischen Staaten wie Bulgarien, Tschechien, China und Japan auf einen längerfristigen Zeitraum auch Spanien und sogar Deutschland als mögliche Atommüll-Lieferanten gehandelt.

Bei den deutschen Energieversorgern stößt das neue russische Gesetz nach eigenem Bekunden angeblich auf kein Interesse. "Das ist für uns kein Thema", betont eine Sprecherin von RWE Power, der Betreiberfirma von Kernkraftwerken, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Wegen der mit der Bundesregierung geschlossenen Vereinbarung über das Verbot der Wiederaufarbeitung, das Mitte 2005 wirksam wird, komme diese Form der Entsorgung für das Unternehmen ohnehin nicht mehr in Frage. Langfristig setze man zudem auf das für 2030 vom Bund versprochene Endlager.

Über die Proteste in Russland und die Rolle der USA bei dem von Moskau angestrebten milliardenschweren Atomdeal lesen Sie im zweiten Teil des Artikels "Washington - der strahlende Verhinderer".



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