Russland-Bild der Deutschen "Trinkfest, melancholisch, tapfer"

Russen trinken viel Wodka, hören melancholische Balalaika-Musik und sind machbewusst: Die Klischees über das Riesenreich im Osten sind schon über 200 Jahre alt - die meisten Deutschen glauben einer neuen Umfrage zufolge immer noch daran.

Von Katrin Riegger


Berlin - Russland ist der Riese im Osten, mit dem die meisten Deutschen Wodka und Trinkgelage, melancholische Balalaika-Musik, Folklore und Matrjoschka, die Puppen in der Puppe, verbinden. Über die weißen Weiten des grenzenlos scheinenden Landes gleiten Pferdeschlitten. "Ivan" liest Tolstoi und Pasternak oder besucht in Moskau das Bolschoi-Theater.

Udo-Lindenberg-Cover (1985): Russland-Bild der Deutschen ist sehr traditionell
DRM

Udo-Lindenberg-Cover (1985): Russland-Bild der Deutschen ist sehr traditionell

Auch im Zeitalter von Internet und Fernsehen prägen weiterhin alte Klischees und Vorurteile das deutsche Russland-Bild. Zu diesem Ergebnis kommt eine Forsa-Umfrage. Demnach gelten Russen unter Deutschen als trinkfest (90 Prozent), gastfreundlich (88 Prozent) und tapfer (78 Prozent).

Mit Russland verbindet man die Weite des Landes (96 Prozent), sowie soziale Ungleichheit (90 Prozent) und Machtbewusstsein (87 Prozent). Musik (40 Prozent) und Literatur (26 Prozent) prägen in den Augen der Deutschen die russische Kultur.

Die Forsa-Umfrage wurde anlässlich der Ausstellung "Unsere Russen – Unsere Deutschen. Bilder vom Anderen. 1800 bis 2000" erstellt, die vom 8. Dezember bis 2. März im Schloss Charlottenburg in Berlin gezeigt wird. Das deutsche Russland-Bild präsentiert das Deutsch-Russische Museum anhand von Gemälden, Skulpturen, Fotografien, Plakaten oder Alltagsgegenständen. Das Gegenstück, der russische Blick auf die Deutschen, wurde vom Staatlichen Historischen Museum Moskau vorbereitet. Dort wird die Ausstellung im Anschluss gezeigt.

Russische Städter werden kaum gesehen

Den wissenschaftlichen Leiter der Ausstellung, Peter Jahn, haben die Umfrageergebnisse nicht überrascht. "Schon im 18. Jahrhundert galt Trinkfestigkeit als eine typisch russische Eigenschaft, wie die Ausstellung zeigt." Das Bild, das sich bis heute in den Köpfen der Deutschen verankert habe, sei ein "sehr traditionelles Bild, das den realen Entwicklungen nicht gefolgt" sei. Auch im Fernsehen sehe man Bilder vom schönen, großen Russland als wesentlichen Teil des Landes. Weniger sehe man die Menschen in den Städten.

Mit der Entstehung der Massenkultur ab Ende des 19. Jahrhundert nahm die Verbreitung von Russland-Bildern und russischen Stereotypen über Presse, Hörfunk und Film rasant zu. An der Grenze zum 20. Jahrhundert wurde das Fremdbild, das im Spannungsfeld zwischen "Furcht und Faszination" lag, von einem negativen Bild abgelöst. Im Nationalsozialismus werde laut dem Kurator der Ausstellung, Philipp Springer, besonders deutlich, welche Gefahren von Klischees und Stereotypen ausgehen können. "Russland galt als eine im Osten lauernde Bestie. Das negative Menschenbild wurde als Rechtfertigung herangezogen, um Krieg zu führen", so Springer. An diese faschistischen Bilder habe man auch in der jungen Bundesrepublik noch angeknüpft.

Folklore und Volkstanz

In der DDR war das Russland-Bild weniger staatskonform, als man zunächst vermuten könnte. Zwar beherrschte das offizielle Bild des großen, starken Bruders die Öffentlichkeit. Aufnahmen der Stasi von anti-russischen Wandschmierereien oder aus privaten Archiven zeugen jedoch von uneinheitlichen Einstellungen in der Bevölkerung. Traditionelle Vorstellungen von russischer Folklore und Volkstanz teilte man in Ost- und Westdeutschland.

Man müsse sich Klischees vor Augenführen und als solche erkennen, begründet Leiter Peter Jahn den Zweck der Ausstellung. Danach könne man entscheiden, ob man das Fremdbild aufgibt oder daran festhält. Die aktuelle, kritische Berichterstattung über Russland sei bestimmt in vielen Punkten gerechtfertigt. Dennoch müsse man prüfen, ob der Bewertung keine Vorurteile zu Grunde liegen. Jahn: "Nur Kenntnisse über den anderen können Stereotypen aufheben."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.