Moskaus Bestattungsmafia Das Millionengeschäft mit den Toten

Der russische Investigativjournalist Iwan Golunow recherchierte, wer das Moskauer Bestattungswesen beherrscht - und kam einigen mächtigen Männern in die Quere. Nun dokumentiert SPIEGEL ONLINE die Hintergründe.

Ein Friedhof in Moskau
Gavriil Grigorov/ ITAR-TASS/ imago images

Ein Friedhof in Moskau


Iwan Golunow ist ein akribischer Rechercheur, einer, der sich monatelang in Themen eingräbt, bis er das Dickicht der Korruption durchdrungen hat.

Zuletzt recherchierte der 36-jährige Investigativjournalist, wer das Bestattungswesen in Moskau kontrolliert - ein Geschäft, mit dem man in der russischen Hauptstadt, wie andernorts auch, viel Geld verdienen kann. Golunow störte offenbar die mächtigen Drahtzieher.

Über ein Jahr lang arbeitete er an der Geschichte, bis er sie Anfang Juni seiner Redaktion übergab. Es war der Tag, an dem er festgenommen wurde. Der Grund: Die Polizei fand bei ihm angeblich Drogen. Die Beamten hatten ihm Rauschmittel untergeschoben, wollten weismachen, dass der Journalist nicht nur Drogen besitzt, sondern damit auch dealt.

Die Polizisten gingen dabei so dreist vor - unter anderem veröffentlichten die Beamten mehrere Fotos, die angeblich Drogen in Golunows Wohnung zeigten, aber gar nicht in seiner Wohnung gemacht wurden -, dass sich Widerstand regte. Tagelang protestierten Tausende, zeigten ihre Solidarität auf der Straße, in den Medien und sozialen Netzwerken.

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Russland: "Freiheit für Iwan Golunow"

Golunow kam frei, in Russland ein historischer Vorgang. Die russische Justiz ist sonst ein allmächtiger Apparat. Während Golunow noch in Hausarrest saß, führte ein Team von 19 Kollegen verschiedener Medien dessen Arbeit weiter. Das Ergebnis liegt nun vor.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Artikel nun zeitgleich zur Veröffentlichung durch "Meduza" und andere russische sowie internationalen Medien, darunter "Liberation" und "The Times". (Lesen Sie hier die englische Übersetzung.) Ziel dieser solidarischen Aktion ist es, zu unterstreichen, wie wichtig unabhängiger Journalismus ist - umso mehr, wenn Kollegen wie Golunow wegen ihrer Recherchen in Russland bedroht und sogar inhaftiert werden sollen. Seine Recherchearbeit zeigt detailliert:

  • wie tief greifend die Korruption in Russland ist,
  • wie sich Beamte, Geschäftsleute und Mitglieder des Inlandsgeheimdienstes am Begräbniswesen der Hauptstadt bereichern,
  • und sich dabei untereinander bekämpfen.
Präsident Wladimir Putin
Sputnik/ Alexey Nikolsky/ KremlinREUTERS

Präsident Wladimir Putin

Der Artikel macht deutlich, wie umfassend diese Verbindungen sind und wie Mitglieder des russischen Machtsystems ihre Positionen benutzen, um lukrative Geschäfte zu machen.

In Russland, das von Transparency International auf Rang 138 von 180 des Korruptionsindex gelistet wird, führen Gruppen im Machtapparat inzwischen ein derartiges Eigenleben, um sich zu bereichern, dass sie damit die Führung von Staatschef Wladimir Putin schwächen können. Der Präsident äußerte sich zuletzt gar selbst zu Golunows Fall, sprach von "Willkür".

Lesen Sie hier die wichtigsten Rechercheergebnisse von Iwan Golunow, die sich in drei Phasen einteilen lassen:

Phase 1: Kontrolle der Ex-Militärs

Vor sechs Jahren übernimmt eine Gruppe Ex-Militärs die Kontrolle über das Bestattungswesen in der russischen Hauptstadt. Die Männer, die in Moskau mit dem Tod viel Geld verdienen, haben eines gemeinsam: Sie kennen sich aus ihrer Zeit an einer Ausbildungsstätte der Armee in der Wolograder Region. Sukzessive bauen sie ihre Macht aus:

  • Zunächst wird ein Offizier der Reserve Leiter einer der Abteilungen für Begräbnisdienste beim kommunalen Beerdigungsunternehmen "Ritual" in Moskau,
  • er und seine Freunde besetzen dort Schlüsselpositionen,
  • und bringen nach und nach Moskaus Friedhöfe unter ihre Kontrolle.

Ihre Einnahmen steigen - auch weil "Ritual" beginnt, im Heimatort des Reserveoffiziers nahe Pensa Särge zu kaufen und bei einer Firma, die offiziell seiner Frau gehört, Geräte für die Friedhöfe zu mieten, darunter Servicefahrzeuge. Durch dieses All-inclusive-Konstrukt verdienen ausschließlich die Ex-Militärs an den Bestattungen.

Nach offiziellen Schätzungen der zuständigen Moskauer Behörde für Handel und Dienstleistungen verdienen die Bestattungsunternehmen in der Hauptstadt umgerechnet rund 200 Millionen Euro jährlich. "Ritual", die kommunale Firma unter Leitung des Ex-Soldaten, dominiert den Markt, gibt seinen Gewinn für die vergangenen drei Jahre aber nur mit umgerechnet rund 40 Millionen Euro an. Bleibt also eine satte Differenz - laut der Informationen von Golunow und seinen Kollegen handelt es sich um Schwarzgeld, das an den Behörden vorbei mit der Organisation von Begräbnissen, dem Verkaufen von Grabstätten sowie deren Pflege verdient wird.

Als der Ex-Militär und Leiter von "Ritual" 2016 beschließt, künftig auch Grabsteine in sein Portfolio aufzunehmen, eskaliert die Situation. Denn: Dieses Geschäft liegt in der Hand von tadschikischen Gastarbeitern. Sie weigern sich, ihr Geschäft aufzugeben, es kommt im Mai 2016 zu einer Massenschlägerei mit mindestens 200 Männern. Dabei schießen Mitglieder eines Vereins, die dem Reserveoffizier zugeschrieben wird, auf die Gastarbeiter. Die Folge: drei Tote, zahlreiche Verletzte. Der ehemalige Offizier kommt für Jahre in Haft.

Phase 2: Kontrolle der südrussischen Geschäftsleute und FSB-Mitarbeiter

Nach dieser Eskalation übernimmt eine Gruppe von Geschäftsleuten um die Brüder Lew und Walerian Mazaraki aus dem südrussischen Stawropol laut Golunows Recherchen den Moskauer Beerdigungsmarkt. "Ritual" unter dem Vize-Chef Walerian Mazaraki schließt nun Verträge mit Privatfirmen ab, die auf Freunde und eine Verwandte laufen.

Die Stawropoler Geschäftsleute sind mit dem Verkauf von Alkohol zu Geld gekommen, wechseln später ins Bankwesen. Sie verfügen laut Golunow und seinen Kollegen über gute Verbindungen zu hochrangigen Beamten des Inlandgeheimdienstes FSB in Moskau. Diese machen bei der Besetzung der Leitung von "Ritual" ihren Einfluss geltend.

Die Gruppe aus Geschäftsleuten und FSB-Beamten kämpft nicht nur um die Kontrolle über Friedhöfe und das Beerdigungswesen in Moskau, sondern auch mit Vertretern des Innenministeriums um die Kontrolle über verschiedene Banken in der Hauptstadt, die häufig pleitegehen. Dabei verschwinden auffällig häufig über Strohfirmen hohe Summen. Den FSB-Beamten gehören den Recherchen zufolge an verschiedenen Orten teure Grundstücke, Nachbarn dort sind Mitglieder der Mazaraki-Familie.

Phase 3: Einfluss weitet sich auf die Region Moskau aus

2018 übernimmt die sogenannte Generaldirektion für regionale Sicherheit unter Leitung eines ehemaligen FSB-Funktionärs die Aufsicht über das Beerdigungswesen in der Region Moskau. Im Januar 2019 wird im Moskauer Oblast das staatliche Unternehmen "Bestattungszentrum" nach dem Vorbild des Betriebs "Ritual" in der Hauptstadt gegründet.

Den Recherchen von Golunow zufolge hat die Bestattungsfirma bereits Kontrolle über vier Bezirke der Region erlangt: Dort wurden die meisten Friedhöfe offiziell geschlossen. Man muss nun Schmiergeld bezahlen, um dennoch eine Grabstätte zu bekommen und seine Verwandten beerdigen zu können.

Lesen Sie hier alle Details in der Vollversion des Artikels von Iwan Golunow in englischer Übersetzung.


Mitarbeit an den Recherchen von Iwan Golunow

Weitere Autoren, Recherche und Factchecking:
"BBC Russian Service": Andrej Sacharow und Swetlana Reiter; "RBK": Maxim Solopow; "Wedomosti": Anastassija Jakorewa und Bela Ljauw; "Fontanka.ru": Julija Nikitina; "The Bell": Irina Pankratowa, Alexandra Prokopenko, Anastasija Stognej und Irina Malkowa; "Forbes": Marija Abakumowa und Sergej Titow; OCCRP / "Novaya Gazeta": Roman Schlejnow, Olesja Schmagun, Irina Dolinina und Alesja Marochowskaja; "Lorem Ipsum Corp.": Alexander Gorbachew

Redakteure: Konstantin Benjumow und Alexej Kowalew, Meduza

Übersetzung ins Englische: Kevin Rothrock, Meduza

Christina Hebel; Mitarbeit: Alexander Chernyshev



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
willibaldus 01.07.2019
1.
WEnn das symptomatisch für die russische Wirtschaft ist...krass.
twister13 01.07.2019
2. Natürlich
Korruption, Betrug und gewaltätige Geschäfte sind doch Russlands zweiter Vorname. Wenn der Mann an der Spitze sich geschätzte 50 Milliarden zusammenklaut fällt bei den Schergen darunter ebenfalls jede Hemmung, so sie denn jemals bestanden hat. Was mich nur wundert, dass sich irgendjemand noch wundert dass es diese Verbrecherkartelle überall gibt. Selbst auf seiner letzten Reise wird man noch beschissen. Wenn das kein passendes Symbol für dieses verrottete Land ist weiss ich es auch nicht mehr.
ch3_94 01.07.2019
3. Wenn das den Alltag
widerspiegelt, wundert es mich nicht, dass Russland seinen A..... nicht hochkriegt.
kj.az 01.07.2019
4. Investigativjournalismus
Sehr informativer Artikel; zustandegekommen unter schwierigsten Bedingungen fuer den/die Verfasser. Zitat in o.a. Bericht: Dem kann man nur zustimmen. Allerdings ist es schade, dass es zwar in Russland trotz Bedrohungen immer noch Journalisten mit Zivilcourage und Berufsethos gibt, die Situation in Deutschland hingegen eher armselig ist. Man wuenscht sich die alten Zeiten zurueck, wo auch beim Spiegel trotz politischer Repressionen ueber Missstaende in den hoechsten Regierungsaemtern berichtet wurde. Vermisse ich schmerzlich, politische Ausrichtung verhindert objektiven, sachlich fundierten Journalismus. Das ist kein Angriff auf SPON oder Magazine allgemein, nur die Beobachtung eines interessierten Lesers mit langer Spiegel-Erfahrung. Mein Beitrag darf auch veroeffentlicht werden. Danke.
jetrabbit 01.07.2019
5.
Eigentlich mal ein guter oder objektiver Artikel über Russland. Sonst wird meistens sofort Putin für alles direkt verantwortlich gemacht, was nicht wirklich informativ ist.
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