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11. Oktober 2015, 21:11 Uhr

Kampfjets in Syrien

Moskau empört über angebliche britische Abschusserlaubnis

Dürfen britische Kampfpiloten russische Jets über Syrien und dem Irak abschießen? Ja, berichten Medien auf der Insel - zumindest im Fall einer Bedrohung. Moskau verlangt Aufklärung.

Seit Russland mit eigenen Kampfflugzeugen in Syrien Luftschläge ausführt, warnen Militärexperten vor gefährlichen Begegnungen in der Luft. Denn im Luftraum über Syrien und dem Irak fliegen auch Frankreich, die USA und Großbritannien Angriffe - sei es mit herkömmlichen Kampfjets oder Drohnen. Hauptziel dabei ist die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Russische Jets haben jedoch auch Stellungen syrischer Rebellen angegriffen.

Für diplomatische Verwicklungen mit Moskau sorgen nun britische Medienberichte. Hintergrund ist eine angebliche Angriffsfreigabe für Kampfflugzeuge der britischen Royal Air Force (RAF). Unter Berufung auf Quellen im Londoner Verteidigungsministerium meldete die "Sunday Times", dass RAF-Piloten im Falle einer Bedrohung durch russische Jets diese abschießen dürften. Die Piloten sollten Begegnungen mit russischen Flugzeugen zwar unbedingt vermeiden, müssten aber auf einen eigenen Angriff vorbereitet sein, wenn ihr eigenes Leben davon abhänge.

Russlands Verteidigungsministerium hat nun den Militärattaché an der britischen Botschaft in Moskau um Aufklärung über die Medienberichte gebeten. Nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti kündigte der Militärattaché an, bald eine offizielle Stellungnahme Londons abzugeben.

"Bis jetzt gab es für die mit Präzisionsbomben bestückten Tornados der RAF keine oder nur eine geringe Bedrohung aus der Luft", zitiert die "Sunday Times" einen namentlich nicht genannten Vertreter des Verteidigungsministeriums. "Aber in der vergangenen Woche hat sich die Situation verändert. Wir mussten darauf reagieren."

Neue Luftangriffe in Syriens Westen

Russische Jets haben unterdessen am Sonntag erneut Angriffe in Syrien geflogen. Das Verteidigungsministerium in Moskau nannte als Angriffsziele - wie in allen Stellungnahmen - die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Dem abgehörten Funkverkehr zufolge mache sich nun unter den IS-Kämpfern Panik breit. Angeblich seien mehr als 60 Ziele in den Provinzen Hama, Latakia, Idlib und Al-Rakka getroffen worden.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte befinden sich in den Provinzen Latakia und Hama jedoch gar keine größeren Stellungen des IS. Westliche Länder und gemäßigte syrische Rebellen werfen der Regierung in Moskau vor, hauptsächlich gegen Aufständische ohne Verbindungen zum IS vorzugehen. Diese Rebellen zählen in der Regel sogar zu den erbitterten Feinden des IS.

Russland ist einer der engsten Verbündeten des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. Russische Jets fliegen seit Ende September Luftangriffe in dem Land. Alle Indizien deuten darauf hin, dass es Russland nicht um einen Kampf gegen den IS, sondern um Unterstützung für Assad geht.

Mit Saudi-Arabien hat Russland am Sonntag trotz Meinungsverschiedenheiten eine engere Abstimmung vereinbart. Präsident Wladimir Putin traf in Sotschi mit dem neuen saudischen Verteidigungsminister Mohammed bin Salman Al Saud zusammen, der Russland zum zweiten Mal binnen weniger Monate besuchte. Saudi-Arabien unterstützt Rebellengruppen, die gegen Assad kämpfen, und sieht die russischen Luftangriffe deshalb mit großem Misstrauen.

Der saudische Außenminister Adel al-Dschubeir sagte nach dem Treffen, Russland habe saudische Befürchtungen zerstreut, dass es sich in Syrien zu eng mit dem Iran abstimmen werde. Moskau habe versichert, dass es allein um den Kampf gegen den IS gehe.

hda/dpa

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