Russland "Es gibt Überfälle, es verschwinden Menschen"
Moskau - Sergej Kowaljow, 76, Gallionsfigur der russischen Bürgerrechtsbewegung, war auch dieses Jahr skeptisch, was die Friedensnobelpreis-Vergabe anging. "Der Westen und das Komitee in Stockholm denken doch an ihren bequemen Sessel und wollen sich nicht in die Nesseln setzen. Kein Russe wird den Preis bekommen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Tatsächlich gewann Muhammad Yunus aus Bangladesch. Immerhin aber zählten Kowaljow und seine Mitstreiterin Lidija Jussupowa, 46, von der russischen Bürgerrechtsorganisation "Memorial" zu den Favoriten. SPIEGEL ONLINE sprach mit Jussupowa über den Nobelpreis, das Schweigen der russischen Gesellschaft zum Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja und die Lage in Tschetschenien.
SPIEGEL ONLINE: Sind sie enttäuscht, dass Sie den Preis nicht erhalten haben?
Jussupowa: Nein. Ich gratuliere Herrn Yunus, er hat den Preis verdient. Und ich freue mich, dass ich für den Friedensnobelpreis nominiert war. Es ist gut und wichtig, dass nicht unbeachtet bleibt, was wir hier tun. Das ist eine moralische Unterstützung für die Bürgerrechtsbewegung in Russland.
SPIEGEL ONLINE: Diese hat durch den Auftragsmord an der Journalistin Anna Politkowskaja gerade einen schweren Schlag erlitten.
Jussupowa: Der Mord an Anna Politkowskaja ist ein Akt der Einschüchterung, der sich gegen alle richtet, die beleuchten, was in Tschetschenien wirklich geschieht. Ich sehe es als meine moralische Pflicht, die Arbeit von Anna Politkowskaja fortzusetzen. Das ist für mich Ehrensache. Der Glaube, dass man das Richtige tut, festigt sich in solchen Momenten.
SPIEGEL ONLINE: Präsident Putin hat gesagt, er könne sich nicht vorstellen, dass jemand wie der Kreml-loyale tschetschenische Ministerpräsident Ramsan Kadyrow hinter dem Mord an Politikowskja steckt.
Jussupowa: Jeder kann leugnen, was er will. Ich denke, dass der Mord unmittelbar mit Anna Politkowskajas Tätigkeit in Tschetschenien verbunden war. Sie hat auch früher Ähnliches geschrieben. Aber früher war das jetzige Machtsystem noch nicht so entwickelt. Früher hätte es heftigere Reaktionen der Gesellschaft gegeben. Jetzt gibt es leider fast überhaupt keine Reaktionen.
SPIEGEL ONLINE: Weil Menschen wieder Angst haben?
Jussupowa: Heute ist es schon wieder so, dass die Menschen, die Opfer von Verbrechen wurden, lieber zweimal nachdenken, ehe sie sich an die Polizei, den Staatsanwalt oder "Memorial" wenden.
SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie auch schon bedroht?
Jussupowa: Es gab schon früher direkte und offene Drohungen von Geheimdienstoffizieren in Tschetschenien gegen mich. Aber erst gestern erhielt ich einen anonymen Anruf auf meinem Mobiltelefon. Ich hörte die Stimme eines Mannes mittleren Alters, sie sagte in akzentfreiem Tschetschenisch: Wenn Sie denken, dass Sie Ihrer Tätigkeit ungestört nachgehen können, dann irren Sie sich. Dann hat er aufgelegt. Früher hat mich ein Fahnder in Grosny mal mit den Worten bedroht: Denkst du etwa, dass es schwer ist, dich zu erschießen oder mit dem Auto niederzufahren? Man wird nicht einmal wissen, wo du begraben bist.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst?
Jussupowa: Ich habe darüber noch nie nachgedacht. Ich weiß aber, was es heißt in Tschetschenien zu arbeiten.
SPIEGEL ONLINE: Was genau machen Sie dort?
Jussupowa: In den vergangenen Jahren habe ich vom "Memorial"-Büro in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny aus Material über Folter und Menschenrechtsverletzungen im Kaukasus gesammelt. Einige der Opfer habe ich vor Gericht vertreten. Manchmal sind Menschen verschwunden, die mir Informationen über Folterungen und Gewalt gegeben haben. Sie stammten vor allen aus den Berggebieten im Süden Tschetscheniens.
SPIEGEL ONLINE: Was halten sie von der offiziellen Behauptung, die Lage in Tschetschenien habe sich stabilisiert?
Jussupowa: Es finden dort nach wie vor Schießereien statt, es werden russische Posten beschossen, es gibt bewaffnete Überfälle, es verschwinden Menschen. Ich würde es nicht Stabilisierung nennen, wenn zwar Häuser und Straßen gebaut werden, die Menschen aber nicht in Rechtssicherheit leben.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie eine Lösung für Tschetschenien?
Jussupowa: Ich bin kein Politiker, sondern Jurist. Wichtig wäre, dass alle für ihre Verbrechen bestraft werden.
SPIEGEL ONLINE: Auch Untergrundkämpfer ?
Jussopowa: Alle Verbrechen, wer auch immer sie begangen hat, müssen bestraft werden. Auch der erste Tschetschenien-Krieg, der von 1994 bis 1996 dauerte, muss juristisch aufarbeitet werden. Leider ist nicht zu erkennen, dass die Politiker in Moskau dazu bereit sind.
SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?
Jussupowa: Dann müssten Fälle von Massenerschießungen aufgeklärt werden, bei denen friedliche Zivilisten durch russische Soldaten umgebracht wurden. Das hieße, sich einzugestehen, dass Russland von Anfang an wusste, was vorgeht, wohin das führt und wo das endet.
Das Interview führte Uwe Klußmann