Russland-Experte Gaddy "Moskau will keinen echten Neuanfang mit Washington"

US-Präsident Obama will bei seinem Staatsbesuch in Moskau einen "Neustart" - doch dem Kreml geht es vor allem um die Anerkennung als Weltmacht, warnt Russland-Experte Clifford Gaddy im Interview mit SPIEGEL ONLINE - und empfiehlt Washington die deutsche Russland-Politik als Vorbild.


SPIEGEL ONLINE: Die Obama-Regierung hat einen "Neuanfang" im russisch-amerikanischen Verhältnis versprochen. Wie werden die Amerikaner den bei Obamas Besuch in Moskau ab heute einzuläuten versuchen?

Gaddy: Diese Verweise auf einen echten Neuanfang waren vor ein paar Monaten populär, aber sie sind schon viel seltener geworden. Am Anfang von Obamas Amtszeit hat sein Team diese Maxime ausgegeben, um den Russen zu signalisieren, dass sie die negative Einstellung der Bush-Regierung gegenüber Russland nicht übernehmen. Die Russen haben aber nie gezeigt, dass sie einen echten Neuanfang mit Washington wirklich wollen. Sie glauben, dass die Spannungen zwischen Moskau und Washington weniger mit der Einstellung des Weißen Hauses zu tun hatten als mit der negativen amerikanischen Reaktion auf Russlands Bemühungen, wieder eine Weltmacht zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Also geht es den Russen bei Obamas Besuch eher darum, ihre Weltmachtstellung zu unterstreichen und zu festigen?

Gaddy: Genau. Wladimir Putins ausdrückliches Ziel, als er 2000 ins Amt kam, war die Umkehrung angeblicher geopolitischer Ungleichgewichte aus den neunziger Jahren. Er glaubte, dass Russland wegen seiner Finanzschwäche in diesem Jahrzehnt de facto seine Souveränität eingebüßt hatte. Die USA und seine Nato-Verbündeten, so Putins Schlussfolgerung, hätten die Gelegenheit genutzt, um die Welt über Russlands Kopf hinweg neu zu gestalten - in dem sie die Nato gen Osten ausdehnten und internationale Institutionen nach ihren Vorstellungen umbauten. Putins oberste Priorität während seiner Zeit als Präsident von 2000 bis 2008 war, den westlichen Einfluss auf Russland zurückzuschrauben.

SPIEGEL ONLINE: Einige US-Experten sagen, der amerikanischen Regierung fehle es an Verständnis für solche Empfindlichkeiten in Moskau. Hat sich dies mit Obamas Amtsantritt geändert?

Gaddy: Einfühlungsvermögen ist ein wesentlicher Pfeiler von Obamas Politik daheim und im Ausland. Er ist von seinem Team gut auf die russischen Empfindlichkeiten vorbereitet worden, und er wird gewiss die richtigen Signale bei seinem Besuch senden.

SPIEGEL ONLINE: Obama braucht ja auch russische Unterstützung bei wichtigen Themen wie Iran. Welchen Preis ist er dafür bereit zu zahlen? Wird er konkrete Zugeständnisse in Punkten machen, die den Russen wichtig sind: das Raketenabwehrsystem in Osteuropa etwa oder weitere Pläne zur Nato-Erweiterung?

Gaddy: Er hat schon signalisiert, dass er zu diesen Fragen entgegenkommender sein könnte. Das könnte er bald unter Beweis stellen. Aber man muss deshalb nicht glauben, dass die Russen ihrerseits Zugeständnisse machen wollen. Sie werden gewiss die US-Sorgen über Iran nutzen, um Zugeständnisse zu erreichen. Doch das heißt nicht, dass sie sich dann selbst in der Pflicht sehen. Die Stationierung eines Raketenabwehrsystems in Polen und Tschechien, die Aufnahme der Ukraine und Georgiens in die Nato - das ist für die Russen keine Verhandlungsmasse. Sie sind ohne Umschweife dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich Obama bei seinem Besuch auch mit russischen Oppositionsgruppen treffen - und demokratische Defizite in Russland offen ansprechen?

Gaddy: Obama wird in der Frage erst einmal vorsichtig agieren. Aber das kann sich im Laufe seiner Amtszeit ändern. Wir haben in der Iran-Debatte gesehen, dass Amerikas außenpolitische Elite tief gespalten ist - vor allem zur Frage, wie stark die USA auf die innenpolitischen Angelegenheiten eines anderen Landes Einfluss nehmen soll. Gerade mit Bezug auf Russlands Demokratiedefizite buhlen derzeit zwei verschiedene Gruppen innerhalb der Regierung um Obamas Aufmerksamkeit. Die eine - einflussreichere - Gruppe denkt, dass die US-Regierung die demokratischen Defizite von Russlands Regierung viel deutlicher kritisieren muss. Eine kleinere Gruppe von Pragmatikern sagt, man müsse Russland akzeptieren, wie es ist. Man könne sich keins basteln. Derzeit halten sich die lautstarken Putin-Kritiker in Washington erst einmal zurück und wollen einen pragmatischen Ansatz testen. Sie gehen aber davon aus, dass er scheitern wird und die Russen ohne Druck nie ihr Verhalten ändern werden, weder daheim noch im Ausland. Sobald dies klar ist, glauben die Vertreter dieses Ansatzes, ist es wieder Zeit für offene Kritik.

SPIEGEL ONLINE: Bei ihrem Washington-Besuch Ende Juni hat Bundeskanzlerin Angela Merkel amerikanisches Interesse an Deutschlands Russland-Kompetenz festgestellt. Wie könnten die Deutschen bei einer Annäherung zwischen Moskau und Washington helfen?

Gaddy: Was Bundeskanzlerin Merkel da erfahren hat, ist die generelle Offenheit der Obama-Regierung, Verbündeten zuzuhören und sie um Rat zu fragen. Das ist ein positiver Trend, aber es bezieht sich nicht speziell auf Deutschlands Russland-Kompetenz. Wie die Deutschen helfen könnten bei der Verbesserung der amerikanisch-russischen Beziehungen? Indem sie ihre eigene Russland-Politik weiter debattieren und entwickeln - und sich dabei von ihren eigenen nationalen Interessen leiten lassen, die sie ihren amerikanischen Freunden ohne falsche Scheu als deutsche Politik erläutern müssen. Ich persönlich glaube, dass die amerikanische Russland-Politik der deutschen ähnlicher werden muss.

Die US-Raketenabwehr
Das System
AP
Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.
Raketen-Flugphasen
Boost-Phase: Während der Antrieb der Rakete feuert, bietet das Geschoss ein relativ leichtes Ziel, da es von Infrarotsensoren zu erkennen ist, noch relativ langsam fliegt und keine Täuschkörper einsetzen kann. Allerdings dauert die Boost-Phase normalerweise nur drei Minuten. Für einen Treffer müsste die Abfangrakete sich nahe des Startorts befinden. Eine weitere Variante ist der Abschuss mit dem "Airborne Laser", einem Hochenergie-Laser an Bord eines Flugzeugs, der sich allerdings ebenfalls nahe am Abschussort aufhalten müsste.

Mittlere Flugphase: Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die Rakete mehrere Minuten lang antriebslos durchs All. "Kill Vehicles" sollen die Rakete rammen, was allerdings schwierig ist, da das feindliche Geschoss nun mit rund 25.000 km/h unterwegs ist. Außerdem setzen moderne Gefechtsköpfe in dieser Phase Köder ("Decoys") aus - etwa metallbeschichtete Ballons, die auch in ihrer Form dem echten Sprengkopf ähneln.

Endphase: Sie beginnt, wenn das Geschoss wieder in die Atmosphäre eintritt. Der Vorteil eines Abschusses in dieser Phase ist, dass die Abfangraketen kleiner und leichter sein können als in der mittleren Flugphase und die Köderballons verschwunden sind. Allerdings hat die Atomwaffe zu diesem Zeitpunkt ihr Ziel fast erreicht, zum Abschuss bleiben nur noch Sekunden. Zudem könnte das Zielgebiet von herabfallendem radioaktiven Material verseucht werden.
Kritik
Zahlreiche Experten glauben, dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell nicht möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen wie Täuschkörper, etwa in Form aluminiumbeschichteter Ballons, oder eine höhere Zahl angreifender Raketen können das Abwehrsystem überwinden. Und im Fall eines nuklearen Angriffs hätte schon ein einzelner nicht abgefangener Sprengkopf katastrophale Folgen. Eine ballistische Rakete im All abzufangen, wird auch als der Versuch bezeichnet, "eine Kugel mit einer Kugel zu treffen". Die technische Kontroverse gipfelt in einem Bericht der American Physical Society, der die Machbarkeit eines funktionieren Abwehrsystems in Frage stellt.

Ein weiteres Argument gegen die Raketenabwehr ist, dass sie das in Jahrzehnten austarierte atomare Gleichgewicht zwischen Russland und den USA aushebeln könnte. Zudem könnten Atombomben auch auf Wegen in die USA gelangen, die kein Raketenabwehrsystem blockieren könnte - etwa auf Schiffen oder auf dem Landweg.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz, Washinton



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zbigbrz 06.07.2009
1. 60 Dollar
Der russische Militärexperte Golz hat es auf Spiegel Online richtig gesagt: Rußlands Bereitschaft, mit dem Westen zusammenzuarbeiten, hängt vom Ölpreis ab: unter 60 Dollar Ja, über 60 Dollar Nein. Dann will Rußland wieder Weltmacht sein und versteht darunter antiwestliche Politik. Die Vereinbarungen, die Obama in Moskau abschließt, könnten von kurzer Halbwertszeit sein.
PaulNeu, 06.07.2009
2. Russland einbinden
"Die USA und seine NATO-Verbündeten, so Putins Schlussfolgerung, hätten die Gelegenheit genutzt, um die Welt über Russland Kopf hinweg neu zu gestalten - in dem sie die NATO gen Osten ausdehnten und internationale Institutionen nach ihren Vorstellungen umbauten." Genauso ist es. Gorbatschow ist über den Tisch gezogen worden, dass es den Russen nicht gefällt, ist nachvollziehbar. Scholl-Latour hat in seinem sehr guten Buch beschrieben, dass Russland im Zangengriff ist. Ziel der deutschen und auch der amerikanischen Politik sollte sein, Russland zum engen Bündnispartner zu machen statt den Kalten Krieg weiterzuführen. Es gibt mehr gemeinsame Interessen als Interessengegensätze. Dies gilt ganz besonders für Deutschland.
kollateralschaden 06.07.2009
3. Vielleicht mal ein paar Hintergruende bringen?
Zitat von sysopUS-Präsident Obama will bei seinem Staatsbesuch in Moskau einen "Neustart" - doch dem Kreml geht es vor allem um die Anerkennung als Weltmacht, warnt Russland-Experte Clifford Gaddy im Interview mit SPIEGEL ONLINE - und empfiehlt Washington die deutsche Russland-Politik als Vorbild. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,634438,00.html
Mein Gott, Medien, macht doch nicht immer die Russen so schlecht. Oder ist schon wieder Kalter Krieg? Ja, ok, die Russen sind auch keine Helden, aber Eure schwarz-weiss/Gut-Boese-Praesentationen nerven total. Im uebrigen geht die groesste Bedrohung fuer die Welt derzeit von den gewissen Kreisen aus (Trilaterale Kommission/Bilderberg usw.), und damit haben die Russen eher nichts zu tun. Aber die wissen, dass auch sie im Visier sind, zB durch Brzezinskis Plaene, den bevorstehenden Dollarcrash und Global Missile Defense. Darum geht es, weniger um den Wunsch der Russen, eine Weltmacht zu sein/werden. Koennte man also zur Abwechslung mal die Aggressionen der US-Amerikaner diskutieren, ZB und Konsorten? Und dass Obama eh nur eine Marionette ist? Das wuerde wirklich viel mehr zur allgemeinen Aufklaerung beitragen. Danke.
hdwinkel 06.07.2009
4. amerikanische Rußland-Politik
Zitat von sysopUS-Präsident Obama will bei seinem Staatsbesuch in Moskau einen "Neustart" - doch dem Kreml geht es vor allem um die Anerkennung als Weltmacht, warnt Russland-Experte Clifford Gaddy im Interview mit SPIEGEL ONLINE - und empfiehlt Washington die deutsche Russland-Politik als Vorbild. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,634438,00.html
Es wird interessant sein, wie Obamas Rußland-Politik aussehen wird. Welche Vorstellungen seine Berater haben sind ja hinlänglich bekannt: http://www.hintergrund.de/20080826235/politik/welt/die-welt-als-schachbrett-der-neue-kalte-krieg-des-obama-beraters-zbigniew-brzezinski.html Sie gehen von einer amerikanischen Vorherrschaft aus. Was soll der Neuanfang jetzt bedeuten? Eine Anerkennung des Status Quo durch Moskau? Nur zur Erinnerung, die Nato wurde Richtung Osten erweitert, trotz des Versprechens genau dies nicht zu tun. Die Raketenstationierung in Polen und Tschechiens ist mehr als nur eine Provokation. Der Herr Gaddy war also Finanzberater in Moskau in den 90ern. Das ist insofern interessant, als in genau diese Zeit die erste große Finanzkrise Rußlands fällt, wo der Westen, namentlich die Amerikaner mit ihren Chicago Boys, Rußland fast an den Rand des Bankrotts getrieben haben. Von diesem Erlebnis haben die Russen sich bis heute nicht erholt. Hier ein wenig Hintergrund: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29444/1.html Normalerweise stehe ich ja einer amerikanischen Demokratie näher als einer russischen Demokratur. Aber mit der bisherigen Politik der Amerikaner, z.B. ihre Rolle in Georgien, kann ich nicht einverstanden sein. Der Change sollte also erst mal von den Amerikanern selbst ausgehen.
straff&locker 06.07.2009
5. so gesehen...
Zitat von sysopUS-Präsident Obama will bei seinem Staatsbesuch in Moskau einen "Neustart" - doch dem Kreml geht es vor allem um die Anerkennung als Weltmacht, warnt Russland-Experte Clifford Gaddy im Interview mit SPIEGEL ONLINE - und empfiehlt Washington die deutsche Russland-Politik als Vorbild. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,634438,00.html
Man kann es Russland nicht verdenken und ich kann daran überhaupt nichts Schlechtes finden. Es ist für die Welt wohl allgemein besser sich aus der Vormachtstellung der USA, hat sich ja in den nächsten Jahrzehnten eh erledigt, zu entklammern.
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