Russin unter Spionageverdacht Die Hausfrau, die zu viel sah
Inhaftierte Dawydowa: Der Geheimdienst kam am Morgen
Foto: MAXIM ZMEYEV/ REUTERSMorgens um halb neun - Swetlana Dawydowa und ihr Mann Anatolij haben gerade die älteren Kinder in die Schule geschickt, die kleinen schlafen noch - klingelt der Bezirkspolizist an der Haustür. Die Nachbarn sollen sich über den Lärm beschwert haben.
Swetlana stillt gerade ihr zwei Monate altes Baby. Als sie aufmacht, stürmen Männer des russischen Geheimdienstes FSB die Wohnung. Sie tragen schwarze Sturmhauben und Pistolen. Swetlana wird sofort abgeführt, so erzählt es ihr Mann Anatolij später. Dann durchsucht das FSB-Kommando die kleine Plattenbauwohnung in Wjasma. Das russische Städtchen liegt vier Autostunden westlich der Hauptstadt Moskau.
Der Vorwurf gegen die siebenfache Mutter Swetlana Dawydowa lautet Landesverrat. Ihr drohen bis zu 25 Jahre Haft. Der Fall zeigt, wie rigoros Russland versucht, sein militärisches Engagement in der Ostukraine zu vertuschen.
Swetlana Dawydowa war im April vergangenen Jahres aufgefallen, dass sich der Militärstützpunkt gegenüber ihres Hauses auffällig leerte. Im Bus bekam sie Telefonate von Soldaten mit ihren Vorgesetzten mit. "Es ging um Männer vom Militärnachrichtendienst", sagt Ehemann Anatolij. "Sie wurden in Zivilkleidung nach Moskau beordert, auf eigene Rechnung. Die Rede war von Waffen, die sie vor Ort bekommen sollen."
Für Swetlana schien klar: Die Soldaten sollten als Freiwillige getarnt in die Ostukraine geschickt werden. Die Hausfrau rief daraufhin die ukrainische Botschaft in Moskau an und berichtete über ihre Beobachtungen. Inzwischen sitzt sie in Untersuchungshaft.
Russlands Opposition befürchtet einen Schauprozess, der andere Whistleblower abschrecken soll. Die Dawydows zählten sich selbst bislang nicht zu den Gegnern des Kreml. Sie finden aber, "dass es unwürdig ist, was unsere Führung in der Ukraine macht", sagt Anatolij. Seine Frau habe auch Angst vor zurückkehrenden Kämpfern aus der Ukraine gehabt. In ihr Tagebuch schrieb sie: "Diese Banditen, die jetzt in der Ukraine Unheil anrichten, kommen zurück und machen hier weiter." Der FSB hat das Tagebuch beschlagnahmt.
Wann ist ein Geheimnis geheim?
Ehemann Anatolij wehrt sich gegen den Vorwurf des Landesverrats. Seine Frau sei schließlich niemals Geheimnisträgerin gewesen. "Sie ist ausgebildete Kauffrau in Elternzeit", sagt er.
Für Moskau ist der Fall auch deshalb misslich, weil das Vorgehen Swetlanas Vermutungen indirekt bestätigt. Bislang hat der Kreml stets beteuert, in der Ostukraine seien keine russischen Soldaten im Einsatz. Berichte über gefallene Fallschirmjäger bezeichnete der Kreml als "Gerüchte", die westliche Medien verbreiteten.
Weder der FSB noch das russische Innenministerium haben sich bislang zu den Vorgängen geäußert. Der oppositionelle Duma-Abgeordnete Dmitrij Gudkow ist entrüstet: "Soll eine siebenfache Mutter für Jahre hinter Gitter, weil sie Gerüchte verbreitet?"
Sein Kollege Ilja Kostunow von der Kreml-Partei Einiges Russland hält dagegen: Die Empörung sei verfrüht, der Fall müsse erst eingehend untersucht werden. Man müsse nicht zwingend "Zugriff auf geheime Informationen haben", um gegen die "Interessen des Staates zu arbeiten".
Im Oktober 2012 beschloss die Duma Änderungen des Strafgesetzbuches. Die Tatbestände Landesverrat und Spionage wurden wesentlich erweitert. "Selbst eine Beschwerde gegen Russland vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erfüllt den Tatbestand des Landesverrats", kritisiert der Menschenrechtsanwalt Pawel Tschikow via Twitter. Der Begriff des Staatsgeheimnisses ist so weit gefasst, dass man selbst für die Weitergabe von Informationen belangt werden kann, die in Massenmedien veröffentlicht wurden.
Für solche rechtlichen Feinheiten hat Swetlanas Mann Anatolij im Moment keinen Kopf. Er arbeitet als Wachmann und muss sich nun auch noch um die sieben Kinder kümmern. Einen eigenen Anwalt hat die Familie bislang nicht engagieren können. "Ich werde versuchen, einen guten zu finden", sagt Anatolij. Dem Pflichtverteidiger traut er nicht.