Russlands Schulbuch-Streit Putin macht Geschichte

Der Kreml hat ein einheitliches Geschichtsbuch für ganz Russland in Auftrag gegeben. Damit will die Regierung ihre Sicht auf die Vergangenheit durchsetzen. Das Werk steckt voller Kompromisse - und hat einen strahlenden Helden.
Präsident Putin: Oberster Geschichtslehrer der Nation

Präsident Putin: Oberster Geschichtslehrer der Nation

Foto: Alexey Nikolsky/ dpa

Moskau - Beschäftigung mit der russischen Geschichte ist eine der Leidenschaften des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Immer wieder schlüpft der Jurist in die Rolle des obersten Geschichtslehrers der Nation. So sprach Putin am 4. November anlässlich des "Tages der Volkseinheit" im Kreml von der "vereinigenden Rolle der tausendjährigen Geschichte Russlands".

Der Staatschef warnt vor einer "Verachtung der nationalen Interessen", die "in einen Abgrund" führe. Und er ist alarmiert von "Versuchen, die Weltanschauung ganzer Völker zu beeinflussen, sie ihrem Willen zu unterwerfen" - gemeint sind Einflüsse aus dem Westen, mit einer Art Weltbürgerideologie nationale Unterschiede einzuebnen. Gegen solche Bestrebungen wünscht sich Putin ein einheitliches Geschichtsschulbuch.

Doch weil er seine Pappenheimer kennt, gab er vaterländischen Enthusiasten zugleich eine Warnung mit auf den Weg: Ein "staatlicher Monopol-Patriotismus, gegründet auf Isolation" bringe "das Gegenteil des Beabsichtigten hervor".

Es ist eine schwierige Aufgabe, die der Kreml einer Arbeitsgruppe übertrug, die jetzt die Konzeption eines neuen Geschichtsbuches vorgelegt hat. Die Oberaufsicht führte ein treuer Heinrich am Hofe Putins, Sergej Naryschkin. Seit Dezember 2011 führt er die Staatsduma. Zugleich ist der Ökonom Vorsitzender der Russischen Historischen Gesellschaft.

Geschichtsschreibung als Diplomatie

Vize des staatlich gelenkten Vereins und Leiter der Autorengruppe ist ein Altmeister der Geschichtsschreibung: Alexander Tschubarjan. Der 82-jährige Professor schrieb seine ersten Seminararbeiten noch zu Stalins Zeiten.

Tschubarjan, auch Lehrer am angesehenen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen, agiert in der Art eines gewieften Diplomaten. Der vitale Senior beweist seine in der Sowjetära erworbene Fähigkeit, Konflikte durch Formelkompromisse zu überdecken.

Anders als in seinen Jugendjahren gilt in der neurussischen Klassengesellschaft Geschichte nicht mehr mit Karl Marx als die Geschichte von Klassenkämpfen. Aus Kreml-Sicht soll die russische Geschichte als stetes Streben nach Stabilität erscheinen. Und dabei ist sie, so die Konzeption mit einer subtilen Reminiszenz an marxistisches Denken, auch "widersprüchlich". So etwa Zar Iwan IV., im Westen "der Schreckliche" genannt.

Immerhin wird das Zarenreich am Beginn des 20. Jahrhunderts zutreffend als reformunfähig beschrieben. Doch schon die Frage, ob der Aufstand der Bolschewiki Ende 1917 ein Fluch oder ein Segen war, bleibt offen. Der Begriff der "Großen Russischen Revolution" vereint die Februarrevolution, die den Zaren stürzte und eine liberale Regierung hervorbrachte mit der gewaltsamen Machtergreifung der Bolschewiki unter Lenin im November 1917.

Ein "Ruck" ging durch Russland

Das Land, so sollen es die Schüler lernen, "fand zu einem "zielstrebigen wirtschaftlichen Ruck in den Jahren der ersten Fünfjahrespläne". Dabei werden "grausame Repressalien", die "gewaltsame Kollektivierung" der Landwirtschaft und das Gulag-System der Straflager erwähnt. Denn die Kinder sollen wissen, dass "die Entwicklung der Sowjetunion in den zwanziger und dreißiger Jahren widersprüchlichen Charakter trug".

Von der "Stalinschen Diktatur" ist die Rede. Der Faktor Angst, eines der wesentlichen Herrschaftsmittel der Sowjetmacht, wird hingegen nicht erwähnt.

In mildem Licht zeigt das Schulbuchkonzept auch die Ära des sowjetischen Generalsekretärs Leonid Breschnew. Dabei handelte es sich demnach um eine "Epoche der Stabilität, wie man manchmal auch sagt: 'Stagnation'". Es geht erneut um eine "widersprüchliche Periode", die schließlich wegen des "Konservatismus der politischen Institutionen" in eine "Systemkrise" mündete. Zugleich fabulieren die Autoren, in der späten Sowjetära habe es eine "teilweise Demokratisierung" gegeben. Die "Propaganda der Völkerfreundschaft" habe durchaus "ihre Früchte" getragen.

Der Retter nach dem Schock

Auf den Zerfall der Sowjetunion folgte die "Schocktherapie" der neunziger Jahre mit dem "drohendem Zerfall des Landes". Doch dann kam einer jener Männer, der "es vermochte, die Situation im Lande zu stabilisieren"- Wladimir Putin. Und das geschichtliche Streben des Volkes nach Stabilität erreicht seinen Höhepunkt - wie so oft in staatstragenden Geschichtsbüchern in der Gegenwart.

Der imperial gesinnte Schriftsteller Alexander Prochanow befürwortet das Konzept, weil es helfen könne "ein neues Kristall des russischen Staates zu schaffen". Prochanow wirbt seit zwei Jahrzehnten dafür, die "weißen", monarchistischen Kräfte der russischen Geschichte mit den "roten" Kräften der Sowjetära zu versöhnen. Beide hätten doch dem russischen Imperium gedient. Putin, der sich von liberalen Ideen immer mehr abgewandt hat, nähert sich Prochanows Grundidee an.

Auch die russisch-orthodoxe Kirche befürwortet ein harmonisches Gesamtgemälde einer russischen Imperiumsgeschichte, Sowjetära inklusive. Patriarch Kirill hat an die Ära Breschnew nicht nur negative Erinnerungen. Konnte er doch der sowjetischen Tristesse durch Dienstreisen an den Sitz des Weltkirchenrats am Genfer See entfliehen - mit dem Segen der fünften Hauptverwaltung des sowjetischen Geheimdienstes KGB.

Doch das neue Geschichtskonzept stößt auch auf Widerspruch. Das Schulbuch, so der liberale Moskauer Historiker Juri Piwowarow von der Akademie der Wissenschaften, werde "so kompromisshaft, dass nichts mehr klar ist und es nur noch langweilig wird".

Die gute Nachricht: Piwowarow konnte seine Kritik in einem Streitgespräch im Staatsfernsehen vortragen. Die Geschichtsdebatte geht weiter, öffentlich und kontrovers. Die Zeiten, in denen Politiker in Moskau derartige Diskussionen verhindern konnten, sind eindeutig vorbei.