Protest der Priester in Russland "Anstelle der Männer in Moskau hätte jeder sein können"

Nach Protesten in Moskau versuchen Sicherheitsbehörden mit absurden Haftstrafen abzuschrecken. Sie stoßen auf gesellschaftliche Gegenwehr - auch von Geistlichen. Ein Gespräch mit Erzpriester Wjatscheslaw Perewesentsew.
Erzpriester Wjatscheslaw Perewesentsew

Erzpriester Wjatscheslaw Perewesentsew

Foto: hram-chg.ru

Es regt sich Widerstand in Russland: Nach den Protesten in Moskau und harten Urteilen gegen mehrere meist junge Männer erlebt Russland eine Solidaritätswelle. Neben Schauspielern protestieren Lehrer, Ärzte und Priester der russisch-orthodoxen Kirche mit Videoaufrufen und offenen Briefen im Internet gegen die aus ihrer Sicht unverhältnismäßigen Haftstrafen.

Dutzende Geistliche haben ein Schreiben veröffentlicht , in dem es heißt:

" Wir sind darüber besorgt, dass die verhängten Strafen als ein Versuch wirken, Russlands Bürger einzuschüchtern, und nicht als gerechte Urteile gegen die Angeklagten. (...…) Einschüchterung lässt keine freie, liebevolle Gesellschaft entstehen."

Es ist eine ungewöhnliche Kritik, die für Aufsehen sorgt. Denn die Kirche, zu der sich mehr als 70 Prozent der Russen bekennen, tritt als Unterstützer des Kreml auf. Patriarch Kirill bezeichnete Präsident Wladimir Putin einst gar als "Wunder Gottes".

Erzpriester Wjatscheslaw Perewesentsew hat den Brief dennoch mit als einer der Ersten unterzeichnet.

Zur Person
Foto: hram-chg.ru

Wjatscheslaw Perewesentsew, 1965 in Moskau geboren. Erzpriester der Kirche des Heiligen Nikolaj in Makarowo . Der Ort mit 200 Einwohnern liegt wenige Kilometer der Stadt Tschernogolowka mit 20.000 Einwohnern im Nordosten von Moskau.

SPIEGEL: Haben Sie lange überlegt, den Brief zu unterschreiben?

Perewesentsew: Nein, ich habe sofort unterzeichnet, als ich in den sozialen Medien davon erfahren habe. Das ist für mich ist eine Frage des Gewissens. Und ehrlich gesagt habe ich auch nicht darüber nachgedacht, wie viele Priester sich beteiligen werden.

SPIEGEL: Sie waren der 27., inzwischen sind es mehr als sechsmal so viele. Sie sagen, es war eine Gewissensentscheidung. Das müssen Sie bitte erklären.

Perewesentsew: Wir sind gläubige Menschen, Christen, wir können nicht einfach an der Ungerechtigkeit vorbeigehen, sie ignorieren. Unsere Aufgabe ist es, Menschen in Schwierigkeiten zu helfen. Die meist jungen Männer, die nach den Protesten in Moskau verurteilt wurden, stecken wirklich in Schwierigkeiten. Wir sind keine Juristen, aber in ihren Fällen ist die Ungerechtigkeit so offensichtlich. Wir tun, was wir können: Wir beten für sie und versuchen die Öffentlichkeit auf die Fälle aufmerksam zu machen. Wenn wir es nicht tun, wird es schlimmer werden und noch mehr solcher ungerechter Strafen geben.

SPIEGEL: Was genau finden Sie ungerecht?

Perewesentsew: Nehmen wir den Fall von Pawel Ustinow…...

SPIEGEL: ...den 24-jährigen Schauspieler, der zu dreieinhalb Jahren Straflager verurteilt wurde, weil er angeblich bei seiner Festnahme einen Sicherheitsbeamten an der Schulter verletzt haben soll.

Der Schauspieler Pawel Ustinow während einer Videoanhörung

Der Schauspieler Pawel Ustinow während einer Videoanhörung

Foto: Pavel Golovkin/ AP/ DPA

Perewesentsew: Es ist offensichtlich, dass es sich um einen Fehler des Gerichts handelt. Videos zeigen, dass er nicht nur keinen der Beamten schwer verletzt hat oder verletzen wollte. Mehr noch, er war nur zufällig vor Ort, und als sie hinter ihm herrannten, versuchte er wegzulaufen. Das als einen Angriff auf einen Beamten zu betrachten, ist eine sehr ungewöhnliche Interpretation der Situation. Es ist eindeutig ungerecht. Hätte er dafür eine Geldstrafe bekommen, wäre es schon schlimm gewesen, aber dass er dafür zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, ist schrecklich.

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SPIEGEL: Haben Sie noch Vertrauen in das Gerichtswesen in Russland?

Perewesentsew: Ja, aber es nimmt mit jedem dieser Fälle ab. Mir als Priester und Bürger ist es wichtig, dass Gerichte in unserem Land eine gewisse Autorität haben, nach dem Gesetz handeln und nicht einfach bestrafen. Es ist eben nicht klar, warum gerade dieser junge Mann Ustinow verurteilt wurde. Anstelle der Männer in Moskau hätte jeder sein können, auch meine Kinder. Ich will das nicht. Es gibt so viele ungerechte Entscheidungen, nicht nur nach den Protesten in Moskau.

SPIEGEL: Sehen Sie darin politische Urteile?

Perewesentsew: Schwer zu sagen, es gibt sicher einen Hintergrund, ich verstehe ihn nicht.

SPIEGEL: Die russische-orthodoxe Kirche gilt als kremlnah. Der Sprecher der Kirche hat Ihren Brief bereits als eine "politische Erklärung" bezeichnet . Was entgegnen Sie?

Perewesentsew: Unser Schreiben ist keine politische, es ist eine moralische Geste. Wir sollten in unserem Glauben immer auf der Seite des Menschen stehen, unser Glaube ruft nach Barmherzigkeit und Mitgefühl. Viele Leute haben mich angerufen und mir gedankt, nachdem ich den Brief unterschrieben habe. Es ist sehr wichtig, dass die Kirche nicht schweigt. Wir Priester sind ja nicht allein: Journalisten, Schauspieler, Ärzte und Lehrer haben sich auch öffentlich geäußert. Wir sind historisch in unserem Land einen sehr schwierigen Weg gegangen, für eine Zivilgesellschaft gab es lange keinen Platz. Mit Gottes Hilfe möge aus dem, was nun passiert ist, etwas Richtiges heranwachsen. Bei Ustinow hat es schon etwas bewirkt, die Staatsanwaltschaft hat ein milderes Urteil gefordert. Vielleicht werden noch weitere Männer freigelassen, Strafen geändert. Ich hoffe es.

SPIEGEL: Sie kritisieren offen die Zustände. Viele Menschen haben Angst, öffentlich zu sprechen oder an Protesten teilzunehmen.

Demonstration gegen die jüngsten Verurteilungen friedlicher Demonstranten zu langen Haftstrafen

Demonstration gegen die jüngsten Verurteilungen friedlicher Demonstranten zu langen Haftstrafen

Foto: Dmitri Lovetsky/ AP/ DPA

Perewesentsew: Ja. Dabei ist es völlig normal, dass Menschen friedlich ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen oder zu gemeinsamen Aktionen aufrufen.

SPIEGEL: Fürchten Sie nun keine Konsequenzen?

Perewesentsew: Auch ich habe Angst. Ich verstehe sehr gut, dass man einen Grund finden könnte, mir nun als Priester politische Aktivität vorzuwerfen und mich dafür zu bestrafen. Aber ich bin krank, habe einen Hirntumor, wenn kein Wunder passiert, bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Wovor soll ich mich also fürchten? Ich hoffe sehr, dass keiner der Priester, der den Brief unterzeichnet hat, Probleme bekommt. Das wäre auch ungerecht - und die Ungerechtigkeit würde nur noch größer.

Mitarbeit: Tatiana Chukhlomina