Umstrittene Marschflugkörper Russland hat offenbar weit mehr Raketen stationiert als bekannt

64 statt 48 Marschflugkörper - mit deutlich höherer Reichweite: Laut einem Medienbericht verfügt Moskau über ein größeres Waffenarsenal, als bislang angegeben.
Russisches Raketensystem (Symbolbild)

Russisches Raketensystem (Symbolbild)

Foto: RUSSIAN DEFENCE MINISTRY PRESS SERVICE/HANDOUT/EPA-EFE/REX

Russland soll über mehr umstrittene Marschflugkörper des Typs SSC-8 verfügen, als bisher bekannt. Sie sollen auch an mehr Orten aufgestellt sein, als offiziell angegeben, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ("FAS"). Russland besitzt dem Bericht zufolge mindestens 64 der Raketen, die von den USA und der Nato als Verstoß gegen den mittlerweile aufgekündigten INF-Vertrag eingestuft werden.

Bislang warfen die USA Russland vor, 48 Marschflugkörper dieses Typs zu besitzen. Die "FAS" berichtet nun unter Berufung auf einen hohen westlichen Geheimdienstbeamten, dass jedes der vier Bataillone über vier Fahrzeuge verfüge, die mit jeweils vier Raketen bestückt seien. Diese eignen sich sowohl für einen konventionellen als auch für einen nuklearen Sprengkopf.

Neben einem Ausbildungsbataillon auf dem Testgelände Kapustin Jar in Südrussland und einem Bataillon in Kamyschlow, östlich von Jekaterinburg, seien die Raketen im nordossetischen Mosdok sowie Schuja nahe Moskau stationiert, schreibt die "FAS".

Auch die Reichweite soll der Zeitung zufolge weiter sein als von Russland angegeben: Mit einem konventionellen 500 Kilogramm schweren Sprengkörper könne die Rakete 2000 Kilometer fliegen, mit einem Atomsprengkopf sogar 2350 Kilometer. Damit wären viele europäische Städte erreichbar; die Luftlinie zwischen Moskau und Berlin beträgt beispielsweise rund 1600 Kilometer.

Das 30 Jahre alte INF-Abkommen verbot Russland und den USA die Entwicklung von Flugkörpern mit Reichweiten von 500 bis 5500 Kilometern. Russland bestritt zunächst jahrelang die Existenz des SSC-8-Systems. Nachdem die USA Ende 2017 Details dazu öffentlich machten, räumte Moskau ein, ein solches System entwickelt zu haben - die Reichweite läge jedoch bei 480 Kilometern und verstoße damit nicht gegen den INF-Vertrag.

Anfang Februar 2019 kündigten die USA das INF-Abkommen unter Hinweis auf die Marschflugkörper, die im russischen Code als 9M729 bezeichnet werden, auf. Russland trat daraufhin ebenfalls vom Vertrag zurück. Präsident Wladimir Putin warf Washington vor, Russland fälschlich zu beschuldigen, um den eigenen Rückzug vom INF-Abkommen zu rechtfertigen. Die Nato schloss sich den Vorwürfen des Vertragsbruchs durch Russland an.

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Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, die USA hätten Russland bislang vorgeworfen, über 24 Marschflugkörper zu verfügen. Tatsächlich war man auch früher schon von 48 solcher Raketen in russischem Besitz ausgegangen.

kko/Reuters
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