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12. Juni 2019, 20:15 Uhr

Hunderte Festnahmen in Moskau

Iwan Golunow ist frei - doch die Wut ist groß

Von , Moskau

Die Freilassung des Reporters Golunow ist für sie nur der erste Schritt: In Moskau fordern Tausende Menschen, die Auftraggeber der Festnahme zu benennen - mehr als 500 werden festgenommen.

Zwischen diesen Bildern liegt etwas mehr als ein halber Tag: Der Reporter Iwan Golunow verlässt unter Jubel die Hauptverwaltung der Moskauer Polizei als freier Mann - Sondereinsatzkräfte der Polizei ziehen Menschen in Gefangenentransporter. Es sind vor allem Männer, welche die Beamten als erstes festnehmen, scheinbar willkürlich aus der Menge holen, später dann auch Frauen.

Die Polizisten führen auch Journalisten verschiedener russischer und internationaler Medien ab. Bereits am Mittag trifft es den SPIEGEL-Mitarbeiter Alexander Chernyshev. Obwohl er sofort eine gültige Akkreditierung vorzeigt, die Beamten darauf hingewiesen werden, wird er mitgenommen. "Die Akkreditierung interessiert uns nicht", sagt ein Polizist auf Nachfragen der SPIEGEL-Korrespondentin, die weggestoßen wird. Chernyshev kann erst nach Stunden eine Polizeiwache im Norden Moskaus verlassen.

Wer glaubte, dass sich irgendetwas mit der Freilassung des Reporters Iwan Golunow geändert hätte in Russland - sich Hoffnung auf zumindest ein kleines bisschen mehr Meinungs- und Versammlungsfreiheit gemacht hat, der erlebte, wo in diesem autoritär regierten Land die Grenzen gesetzt werden.

Friedliche Demonstrationen dürfen nur dann geschehen, wenn es die Staatsmacht wünscht. Die Proteste vor dem Innenministerium für die Freilassung von Golunow waren eine Ausnahme, wie auch der ganze Fall an sich, der für den Reporter überraschend mit Freiheit endete.

Unter Kontrolle

Der profilierte Investigativreporter, der für das Kreml-kritische Onlineportal "Meduza" schreibt (lesen Sie hier eine Auswahl seiner Artikel), war unter fadenscheinigen Drogenvorwürfen am 6. Juni festgenommen worden. Allerdings erhielt er anschließend eine so große öffentliche Unterstützung, dass die absurden Anschuldigungen gegen ihn fallen gelassen wurden. Ein einmaliger Vorgang, der sich so nicht schnell wiederholen wird.

Das ist die Botschaft, die vom harten Vorgehen der Polizei gegen die Proteste am Mittwoch ausgehen soll. Soll bloß keiner glauben, dass nun die große Liberalisierung im Land beginnen könnte. Die Straße zu der Behörde für Inneres ist blockiert, in der Menge sind Männer mit schwarzen Kameras unterwegs, an ihre Handtaschen haben sie "Freiheit für Iwan Golunow"-Sticker angebracht - es sind Geheimdienst-Mitarbeiter, die alles genau abfilmen.

"Wir wollen wissen, wer die Festnahme von Golunow beauftragt hat."

Die Menschen, die sich friedlich aus Solidarität mit Golunow versammeln, klatschend durch die Straßen ziehen, wissen das. Sie sind gekommen, obwohl sie wissen, dass die Kundgebung am Nationalfeiertag nicht genehmigt worden ist. Offizieller Grund: Die Feiern am 12. Juni sollen nicht gestört werden.

Doch die Protestierenden wollen zeigen, dass für sie der Fall Golunow nicht mit dessen Freilassung abgeschlossen ist, sie Forderungen haben. "Man muss die Willkür stoppen, den Silowiki (den Amtspersonen aus Sicherheitsorganen des Staates, Anm. d. Redaktion) die Macht nehmen", sagt Irina, 56 Jahre. "Wir wollen wissen, wer die Festnahme von Golunow beauftragt hat."

Eine Frau redet energisch auf zwei Polizisten in Tarnfleck ein, die sie immer weiter vor sich herdrängen: "Es ist eine Schande, dass in diesem Land Polizisten Bürgern Drogen unterschieben." Eine zweite ruft: "Sie führen verbrecherische Befehle aus." Währenddessen zerren fünf Beamte einen weiteren jungen Mann zu einem der Gefangenentransporter. Eine dritte Frau sagt: "Wir müssten jeden Tag auf die Straße gehen, damit all die Gefangenen freikommen, die noch zu Unrecht sitzen. Sonst ändert sich nichts." Auf einen Zettel, den sie bei sich trägt, hat sie unter anderem "Ich/Wir sind Wolkow (Mitarbeiter von Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, gerade wieder unter Arrest gestellt) und Oleg Sentsow (ukrainischer Regisseur, zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt)" geschrieben.

Am Ende sind es laut der Bürgerrechtsorganisation Owd-Info 549 Menschen, die festgenommen werden, zunächst ist von mehr als 400 die Rede. Die meisten werden in der Nacht freigelassen. Auch der Oppositionspolitiker Nawalny befindet sich in Gewahrsam. Nach Schätzungen verschiedener russischer Medien protestieren rund 2500 bis 3000 Menschen in der Innenstadt, die Polizei spricht von 1200 Teilnehmern.

Auch "Meduza"-Chefredakteur Iwan Kolpakow ist gekommen. Menschen gratulieren ihm, es ist eine fröhliche Stimmung, die sich breitmacht, eben wie an einem Feiertag. Doch das ist noch vor den vielen Festnahmen. Kolpakow glaubt, dass diejenigen, welche die Festnahme seines Reporters beauftragten, nun aufgespürt werden. So viele Journalisten seien auf der Suche nach ihnen." Elf Kollegen von vier verschiedenen Medien plus "Meduza" seien damit beschäftigt, allein die Recherchen von Golunow zu beenden. "Das sind die besten Rechercheure des Landes, sie verstehen ihr Handwerk", sagt Kolpakow. "Die Chancen sind sehr hoch, dass wir sie finden."

Es besteht also doch noch Hoffnung.

Mitarbeit: Alexander Chernyshev

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