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16. November 2010, 18:19 Uhr

Russland-Kontakte der Union

Fragwürdige Freundschaft zur Putin-Jugend

Von und , Moskau

Junge Union und Putin-Jugend - eine problematische Freundschaft: Der russische Polit-Nachwuchs hatte gegen den regierungskritischen Journalisten Oleg Kaschin gehetzt und aufgerufen, ihn zu "bestrafen". Nun liegt der Reporter im Koma. Er wurde in Moskau brutal zusammengeschlagen.

Der Kontakt ist herzlich. Die Russen kommen nach Deutschland, die Gastgeber revanchieren sich mit Gegenbesuchen. Der CDU-Hinterbänkler Manfred Grund etwa, Bundestagsabgeordneter aus dem thüringischen Eichsfeld, reiste sogar eigens zum Parteitag des Putin-Wahlvereins Einiges Russland, um seine Aufwartung zu machen. Im November vor einem Jahr stand er am Rednerpult vor 600 Delegierten und überbrachte den "lieben Freunden" die "Grüße von Doktor Angela Merkel". Ehe er die Bühne für einen Abgesandten der Kommunistischen Partei Vietnams räumte, dankte der Emissär der deutschen Konservativen für Moskaus Beistand in seinem Wahlkampf.

Zwei Mitglieder der Jungen Garde, der Jugendorganisation der Putin-Partei, hatten Grund 2009 in seinem Thüringer Wahlkreis unterstützt. Das Moskauer Büro der CDU-nahen Konrad Adenauer Stiftung hatte den Austausch organisiert, damit Jugendliche aus dem Russland in Deutschland Demokratie lernen können. "Dank dieser jungen Leute steigerte ich mein Ergebnis um sechs Prozent und konnte Merkel wählen", rief Grund mit einem Lächeln in den Saal. "Einiges Russland kann stolz sein auf seinen großartigen Nachwuchs."

Wirklich? CDU, Adenauer-Stiftung und Junge Union (JU), die bei ihrem Deutschland-Tag gerade eine Delegation der Kreml-Jugend begrüßte, dürften dieser Tage wenig Stolz auf ihre Partner verspüren.

Zwei Männer schlugen Anfang November den Journalisten Oleg Kaschin vor seinem Hauseingang unweit des Kreml zusammen. Mit einer Brechstange brachen sie dem regierungskritischen Reporter Hände, Beine und Schädel. Die Täter sind unbekannt, die Ärzte versetzten Kaschin zunächst in ein künstliches Koma.

Die Junge Garde distanzierte sich zwar von dem Anschlag, hatte aber wochenlang auf ihrer Web-Seite gegen Kaschin gehetzt. Ein Kolumnist verunglimpfte Kaschins Redaktion, die angesehene Tageszeitung "Kommersant", als "Hort von Russlandhassern" und brandmarkte Kaschin als "Verräter am russischen Volk". Ein Foto des Journalisten war zu sehen, darauf ein Stempel: "Er wird bestraft."

Es war eine offene Aufforderung zur Gewalt.

Krisensitzung mit der Putin-Jugend

Der Journalist sympathisiert mit der Protestbewegung, die den Bau einer Autobahn durch einen Wald nahe Moskau verhindern will. Kaschin hatte zudem enthüllt, dass ein Duma-Abgeordneter und Ex-Führer von Naschi, einer Schwesterorganisation der Jungen Garde, im Ferienlager der Putin-Jugend gerne junge Mädchen in seinem Zelt übernachten ließ, obwohl er verheiratet ist.

"Die widerlichen verbalen Attacken gegen den Journalisten Kaschin stellen eine Zusammenarbeit in Frage, die eigentlich wichtig ist", sagt Lars Peter Schmidt, Leiter der Adenauer-Stiftung in Moskau. Nach einer Meldung im aktuellen SPIEGEL, die auf die Zusammenarbeit zwischen JU und Junger Garde hinwies, will Schmidt in dieser Woche mit Führungspersonal der Putin-Jugend zusammenkommen.

Als Abgeordnete der Regierungspartei "Einiges Russland", die zuvor Führungskader bei Naschi und Junge Garde waren, den Deutschland-Tag der Jungen Union besuchten, kamen sie aus dem Staunen nicht heraus. "Wenn junge Abgeordnete aus Russland mitkriegen, wie offen beim Deutschlandtag der JU diskutiert und auch die Kanzlerin immer mal wieder kritisiert wird, setzt das einen Lernprozess in Gang", so Schmidt.

Dennoch stellt sich die Frage, wie intensiv Kontakte mit Jugendorganisationen ausfallen dürfen, die Oppositionspolitiker mit Schmutzwasser bombardieren und das Auto des britischen Botschafters mit Tomaten.

Der außenpolitische Sprecher der CDU, Philipp Mißfelder, hat in den vergangenen Jahren Russland ein halbes Dutzend mal besucht, allerdings zweimal Einladungen der Kreml-Jugend zu deren Sommerlager ausgeschlagen. "Der Charakter unserer eigenen Tagung ist ein vollkommen anderer", sagt er. In diesem Jahr hatten die Naschi den Ex-Premier Boris Nemzow und die 83-jährige Menschenrechtlerin Ljudmilla Alexejewa in Nazi-Mützen dargestellt.

Autor der Hasstiraden zum Chefredakteur befördert

Mißfelder möchte "nun nicht gleich jeden Gesprächskontakt" einstellen. "Es gibt keine offizielle Parteipartnerschaft mit denen und wir streben sie auch nicht an", erklärte er. "Wir müssen jedes Mal massiv auf unsere Grundwerte und unser Verständnis von Pressefreiheit hinweisen."

Das scheint dringend angebracht. Ende vergangener Woche hieß es auf der Website der Jungen Garde in einem Kommentar: "Kaschin hat so geschrieben, dass viele ihm die Fresse polieren wollten." Hier zumindest war die Freiheit des Wortes, die in Russland nur selten hoch gehalten wird, grenzenlos.

Weder Präsident Dmitrij Medwedew, der eilends Gesetze zum besseren Schutz von Journalisten forderte, geschweige denn Premier Wladimir Putin befanden es für nötig, ihre Jugendorganisationen öffentlich zur Mäßigung anzuhalten.

Der Autor der Hass-Tiraden gegen den Journalisten Kaschin aber ist inzwischen zum stellvertretendem Chefredakteur der Junge-Garde-Website aufgestiegen.

Mitarbeit: Sven Röbel

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