Russland Mordprozess im Fall Politkowskaja doch hinter verschlossenen Türen

Anders als geplant wird der Mordfall Politkowskaja nun doch nicht öffentlich verhandelt. Geschworene hätten sich geweigert, in Anwesenheit von Journalisten den Gerichtssaal zu betreten, erklärte der Moskauer Richter. Anwälte beider Seiten kritisieren die Entscheidung.


Moskau - Der Moskauer Prozess um den Mord an der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja wird nun doch unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Das legte das zuständige Militärgericht am Mittwoch fest.

Ermordete Anna Politkowskaja: Der Prozess wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt
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Ermordete Anna Politkowskaja: Der Prozess wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt

Die Geschworenen hätten sich geweigert, den Verhandlungssaal im Beisein der Presse zu betreten, begründete der Richter seinen Beschluss. Am Montag hatte sich das Gericht zunächst für einen öffentlichen Prozess entschieden. Die wegen ihrer kritischen Tschetschenien-Berichte bekannte Politkowskaja war vor zwei Jahren vor ihrer Moskauer Wohnung erschossen worden.

Sowohl die Verteidiger der insgesamt vier Angeklagten wie auch die Anwälte der Politkowskaja-Familie kritisierten den Ausschluss der Öffentlichkeit. Wenn ein Geschworener seinen Eid geleistet habe, müsse ihm auch klar sein, dass er in seiner Funktion als Richter in der Öffentlichkeit stehe, sagte die Anwältin der Politkowskaja-Familie, Karina Moskalenko: "Aus unserer Sicht haben sie einfach Angst, ihre Pflicht zu erfüllen." Die Anwälte hatten sich für ein öffentliches Verfahren eingesetzt, um sicherzustellen, dass der politisch belastete Prozess gerecht und fair verläuft.

Politkowskaja wurde im Oktober 2006 erschossen. Sie war vor allem als Kritikerin des damaligen Präsidenten Wladimir Putin sowie wegen ihrer Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien bekanntgeworden. Es war einer der spektakulärsten Mordfälle in der achtjährigen Amtszeit Putins, der inzwischen Ministerpräsident ist. Angeklagt sind zwei tschetschenische Brüder, weil sie Politkowskaja beobachtet und ausgeforscht haben sollen, sowie ein ehemaliger Polizist, der technische Hilfe geleistet haben soll. Alle drei bestreiten die Anschuldigung.

Putin wies seinerzeit den Vorwurf zurück, dass die russische Führung in den Mord verstrickt gewesen sei. Er ordnete eine umfassende Untersuchung an. Wegen des Mordes ist vor dem Gericht indes niemand angeklagt. Von der Staatsanwaltschaft wird ein weiterer der tschetschenischen Brüder verdächtigt, die tödlichen Schüsse abgegeben zu haben. Er ist allerdings noch nicht gefasst. Die Polizei hat nach eigenen Angaben zudem keine Erkenntnisse darüber, wer die Tat angeordnet hat.

cht/Reuters/dpa



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