Russland nach der US-Wahl Musterschüler in Nöten
Moskau - Politische Musterschüler etwa aus Ost-Berlin, dem mongolischen Ulan-Bator und der bulgarischen Hauptstadt Sofia wurden zu Sowjetzeiten in Moskau gern empfangen. Inzwischen gibt der Hausherr des Kremls selbst den Musterschüler des siegreichen US-Präsidenten - zumindest versucht er, als solcher zu erscheinen.
Noch bevor die Auszählung der Stimmen in den USA beendet war, bekannte Wladimir Putin im Beisein des italienischen Premierministers Berlusconi, er freue sich, dass "das amerikanische Volk sich nicht erschrecken ließ" von Terroristen, die es vor der Wiederwahl Bushs gewarnt hätten. Die US-Amerikaner, so Putin, hätten "die Entscheidung getroffen, die sinnvoll war".
Den wieder gewählten US-Präsidenten nannte Putin einen "starken, konsequenten Politiker" und einen "zuverlässigen und berechenbaren Partner". Damit war für die Kreml-Hofschranzen das Signal gegeben, die offizielle Schleimspur durch eigene Beigaben noch ein wenig zu verlängern. Wjatscheslaw Wolodin, alerter Vize der Staatsduma, gibt sich nach der Wahl zuversichtlich, "dass die amerikanisch-russischen Beziehungen sich verbessern werden".
Sorgen vor wachsenden Spannungen
Doch davon scheint nicht einmal Putin überzeugt zu sein. Denn Russlands Präsident erinnerte am Dienstag öffentlich daran, dass Bush am Beginn seiner ersten Amtszeit 50 russische Diplomaten wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit hatte ausweisen lassen. Worauf "wir, als Antwort, wie üblich, auch einige Dutzend amerikanischer Diplomaten ausgewiesen haben", so Putin. Die damit indirekt ausgesprochene Befürchtung, derartige Skandale könnten sich wiederholen, dürfte Putin vom Chef des russischen Auslandsaufklärungsdienstes Sergej Lebedjew erhalten haben, einem Deutschlandkenner, mit dem er sich nahezu täglich berät.
Sorgen vor wachsenden Spannungen zwischen der durch die Wiederwahl erstarkten Bush-Regierung und Russland machen sich nicht nur Moskaus Späher an der unsichtbaren Front. Die Kreml-nahe "Iswestija" prognostiziert, der "Umgang Washingtons mit Moskau" werde sich "ungeachtet aller russischen Bemühungen verschärfen".
Die außenpolitisch kompetente "Nesawissimaja Gaseta" analysiert, unter der Federführung des Vizepräsidenten Dick Cheney werde "der Zugang zu Ölquellen im Ausland" mehr noch als bisher entscheidende Bedeutung nicht nur für die Nahostpolitik der Regierung gewinnen. Zu erwarten sei ein weiterer Anstieg des Ölpreises, auch durch verschärfte Konflikte der USA mit Iran, Syrien und Saudi-Arabien. Zuspitzen, so die Zeitung, werde sich daher die Rivalität zwischen Russen und Amerikanern in Zentralasien und im Südkaukasus, vor allem in Bezug auf das kaspische Öl.
Russland habe daher wenig Anlass, sich mit Blick auf die USA "Illusionen über globale Zusammenarbeit und Integration" zu machen, urteilt der Politologe und USA-Kenner Alexander Nagorny im nationalpatriotischen Blatt "Sawtra".
Achse Washington-Moskau-Tel Aviv?
Das Lager der Bush-Freunde in Russland präsentiert sich als Konglomerat. Das Spektrum reicht von zynischen Grossmachtpolitikern, die sich im Windschatten einer Partnerschaft mit Washington Freiraum für neo-imperiale Pläne erhoffen, bis zu Sympathisanten der israelischen Likud-Partei, die Moskau zu einem steten Schulterschluss mit Washington und Tel Aviv drängen.
Als unentwegter Trommler eines solchen Dreibundes agiert der Moskauer Politologe Leonid Radsichowskij. Der jetzige Kolumnist der Kreml-eigenen "Rossiskaja Gaseta" war zuvor jahrelang für das Medienimperium des von Putin ins Exil gedrängten russisch-israelischen Unternehmers Wladimir Gussinski tätig.
"Was gut ist für die USA, ist gut für Russland", doziert Radsichowskij, der fordert, die Russen müssten in Zentralasien und im Nahen Osten "die USA als Hauptstabilisator" akzeptieren.
Doch die Thesen Radsichowskijs, der es geschickt vermeidet, offen gegen Putin zu polemisieren, sind in der politischen Elite umstritten. In den zentralasiatischen Republiken Tadschikistan und Kirgisien, wie auch in Georgien und Armenien, unterhält Russland Militärstützpunkte. Überall dort ist Russland mit amerikanischen Versuchen konfrontiert, den russischen Einfluss zu minimieren oder gar auf Null zu reduzieren.
Putin hat sich diesem Bemühen der USA bislang vorsichtig, oft in der Manier eines KGB-Obersten a.D., eher verdeckt als offen widersetzt. Auf georgischem Territorium hat er sogar die beiden international nicht anerkannten, überwiegend von russischen Staatsbürgern bewohnten Republiken Abchasien und Südossetien faktisch unter militärischen Schutz Moskaus gestellt.
Wende der Irak-Politik
Doch Putins Bereitschaft, im "Krieg gegen den Terror" als beständiger Bundesgenosse der USA zu agieren, schafft für den Kreml mehr Probleme, als sie löst. Putins Kritik an Bushs Irak-Feldzug ist zum Lippenbekenntnis geschrumpft. Den Versuch, mit Frankreich und Deutschland international für eine Gegenposition zu werben, hat Moskaus Führung aus Opportunismus aufgegeben.
Während die USA geschützt durch zwei Ozeane und gut organisierte Polizei- und Sicherheitsdienste nach dem 11. September 2001 weitere Terroranschläge erfolgreich abwehren konnten, gerät Russland mehr und mehr zu einem zentralen Schlachtfeld im Kampf gegen muslimische Extremisten. Im Nordkaukasus agieren bewaffnete Untergrundbewegungen auch außerhalb Tschetscheniens immer aggressiver. Der Ausbruch von Revolten in den früheren zentralasiatischen Republiken der UdSSR ist nur eine Frage der Zeit. Er träfe vor allem Moskau.
Russlands Armee und Sicherheitsdienste, schlecht organisiert, grobschlächtig und von Korruption zernagt, garantieren in Krisensituationen geradezu eine Eskalation. Amerika kann sich eine brachiale Besatzungspolitik im Irak politisch, militärisch und finanziell noch über Jahre erlauben, ohne ernste Auswirkungen im eigenen Land spüren zu müssen. Für die Russische Föderation dagegen könnte es fatale Folgen haben, wenn sie sich dazu verleiten ließe, die Zahl ihrer Feinde unter den Muslimen in und außerhalb Russlands zügig zu vermehren.