Moskauer Propaganda Russische Medien melden "gutes Flugwetter" über Syrien

Kampfjets werden als "Kräfte des Himmels" gefeiert, Bombenvideos sogar im Wetterbericht gezeigt: Russlands Propaganda feiert die Luftschläge in Syrien als großen Erfolg - und sagt Europa eine Terrorwelle voraus.

Russischer Luftangriff in Syrien: "Kräfte des Himmels"
DPA/ Russian Defence Ministry

Russischer Luftangriff in Syrien: "Kräfte des Himmels"

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Über den Ukrainekonflikt wird in diesen Tagen in Russland viel weniger berichtet als sonst. Das hat eine ganz einfachen Grund: Viele Medien, die dem Kreml nahestehen, haben ihre Korrespondenten schon vor Wochen vom Donbass abgezogen - und nach Syrien geschickt. Das Nachrichtenportal Lifenews.ru und das Millionenblatt "Komsomolskaja Prawda" (KP) sind Beispiele dafür. Die KP-Korrespondenten Dmitrij Steschin und Andrej Koz etwa waren lange im Osten der Ukraine stationiert. Jetzt schildern sie ihren Lesern, Assads Regierungstruppen bereiteten ihre nächste Offensive geradezu fürsorglich vor: Die Zivilbevölkerung werde seit Tagen durch Flugblätter gewarnt, abgeworfen aus Maschinen der Regierungstruppen.

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Syriens Staatsfernsehen eifert dabei ausgerechnet den Kollegen aus den USA nach - und zeigt wie die Amerikaner 2003 beim Einmarsch in den Irak sterile Luftaufnahmen von Bombenexplosionen. Die Moskauer Regierungszeitung "Rossiskaja Gaseta" wiederum preist Russlands Kampfjet-Kontingent in Syrien als "Kräfte des Himmels". Die Medien in Syrien und Russland suggerieren zusammen mit den Behörden die Aussicht auf einen schnellen und mühelosen Sieg.

Doch Russland fliegt die Luftangriffe gerade erst seit einer knappen Woche. Bisher wurden im Gegensatz zu den USA kaum Ziele des "Islamischen Staates" (IS) bombardiert. Der russische Generalstab meldet aber schon, Moskau habe Ziele erreicht, die der Westen trotz seines monatelangen Bombardements verfehlte: Dadurch sei die "materielle Basis der Terroristen verwüstet" und ihre "Kampfkraft signifikant gesenkt" worden.

Die demonstrative Kriegsbegeisterung macht auch vor Meteorologen nicht halt. Der Wetterbericht des Staatskanals "Rossija24" zeigte noch einmal die Bombenvideos und behauptete, aus meteorologischer Sicht sei der Zeitpunkt für die Angriffe "sehr treffend" gewählt: Im Oktober sei in Syrien "gutes Flugwetter".

Die Mehrheit der Russen beurteilt das Eingreifen des Militärs in Syrien bislang kritisch. Laut einer Umfrage des angesehenen Lewada-Instituts sprachen sich zuletzt 69 Prozent dagegen aus, nur 14 Prozent waren dafür.

Seit Beginn der Luftangriffe dürfte sich das Stimmungsbild allerdings gewandelt haben. Denn die Kreml-Medien berichten über eine breite gesellschaftliche Unterstützung für die Entsendung russischer Truppen nach Syrien. Kritische Stimmen kommen kaum zu Wort.

Präsident Wladimir Putin machte sich über Berichte lustig, seine Bomber hätten womöglich auch Zivilisten getötet. "Die ersten Meldungen über zivile Berichte tauchten schon auf, bevor unsere Flugzeuge starteten", behauptet der Staatschef. Meldungen über zivile Opfer bürstet der Kreml als Mittel des Informationskriegs des Westens ab.

Doch die Berichte darüber stammen von den Syrern selbst. Einheimische Journalisten und Menschenrechtler dokumentieren die Luftangriffe und ihre Folgen unabhängig davon, wer bombardiert: Russen, Amerikaner oder das syrische Regime. International am bekanntesten ist die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), deren Angaben sich oft als zuverlässig erwiesen haben.

So bestritt Putins Sprecher Dmitri Peskow Berichte, russische Jets hätten Stellungen der Freien Syrischen Armee (FSA) bombardiert: die FSA-Kämpfer seien doch ohnehin alle "zum 'Islamischen Staat' übergelaufen", behauptete er. Tatsächlich gehören die syrischen Rebellen jedoch zusammen mit dem syrischen Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK zu den schlagkräftigsten Gegnern des IS in Syrien.

Rückendeckung bekommt der Kreml auch von der einflussreichen Orthodoxen Kirche: Russland habe die Pflicht, Christen im Nahen Osten zu schützen. Im Übrigen sei "jeder Kampf gegen Terrorismus moralisch", sagte der Sprecher des Moskauer Patriarchats, Wsewolod Tschaplin. Mehr noch, man könne sogar "von einem Heiligen Krieg" sprechen.

Die Erfolgsmeldungen schüren bei den Russen allerdings auch die Erwartung auf ein schnelles Ende der Operation. "Die Terroristen fliehen und ergeben sich massenhaft", berichtete deshalb Russlands Erster Kanal. Sprecher Andrej Kartapolow meldete schon Panik in den Reihen des "Islamischen Staats": "Rund 600 Kämpfer haben ihre Stellungen verlassen und versuchen, nach Europa zu entkommen."


Zusammenfassung: Russlands und Syriens Propagandamaschinerie läuft auf Hochtouren: In Berichten wird bereits suggeriert, die Terrormiliz IS sei nach einer Woche Luftangriffe schon am Ende. So wollen sie in der Bevölkerung für eine gute Bewertung des Attacken sorgen.

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chiefseattle 05.10.2015
1. Sohr
"International am bekannten ist die "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" (SOHR), deren Angaben sich oft als zuverlässig erwiesen haben. " FALSCH, denn SOHR unterstützt die Rebellen.
markuss.weidmann 05.10.2015
2. Russland räumt auf!
Nur die Russen können den IS Wahnsinn im nahen Osten noch stoppen - der Westen hat komplett versagt und so bleiben Europa nur die X Mio. Flüchtlinge. Wie ich höre, sollen es jetzt für Deutschland bis zu 1.5 Mio. werden, später dann noch Familiennachzug mit nochmals 5 Mio. Migranten? Und die Kanzlerin träumt noch immer - "Wir schaffen das" Wann kommt endlich der Rücktritt?
HeisseLuft 05.10.2015
3. Es wird interessant sein
zu beobachten wie sie von diesem hohen Ross dann wieder herunterkommen. Oder meint der Kreml, das funktioniert bei den Russen auf Dauer einfach, indem man nicht mehr darüber berichtet, wenns danebengeht? So wie vom stolzen Projekt Novorossija?
Banause_1971 05.10.2015
4. Seltsam
Sobald sich Russland einschaltet, ist alles das, was Russland macht schlecht,.. Propaganda,.. etc. etc. Dabei haben die USA doch seit Jahrzehnten nichts anderes gemacht. Und um Ruhe im Land zu haben, müssen zuerst die von den USA angestachelten Rebellen ausgeschaltet werden, die Assad vertreiben sollen. Natürlich ist die USA jetzt sauer, da der Umsturzplan nicht mehr zu funktionieren scheint. Aber solange Russland nicht mit gefälschten Beweisen für Massenvernichtungswaffen vor den Weltsicherheitsrat tritt, ist alles in Ordnung,.. finde ich.
sag-geschwind 05.10.2015
5. Leider fehlt was ...
Der Teil mit der Terror-Voraussage fehlt leider im Artikel. Der dürfte hier aber zahlreiche Menschen interessieren, sehen sie doch, wie allerlei Terrororganisationen mit mit westlichen Werten (Waffen) versorgt werden, damit sie die Region nachhaltig destabilisieren können. Auch fand ich die Hinweise unter "http://www.veteranstoday.com/2015/10/02/russias-secret-war-on-the-cia-in-syria/" bemerkenswert. Auch dort, wird der Einsatz von Terror in Europa als Wegbereiter westlicher Werte (Faschismus und Nationalismus) zur Destabilisierung der EU angedeutet.
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